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20/02/2015 11:45 CET | Aktualisiert 22/04/2015 07:12 CEST

Ein Erfolg 4.0 ist für Unternehmen und Deutschland möglich

Industrie 4.0 steht unter Dauerbeschuss. Deutschlands Zukunftsprojekt wurde nach der Euphorie plötzlich massiv kritisiert. Journalisten und Blogger sahen den Erfolg gefährdet, auf der Huffington Post wurde bereits ein Nachruf veröffentlicht. Doch der Misserfolg ist nicht zwangsläufig.

dpa

Industrie 4.0 gelingt, aber nur als Business Transformation 4.0 auf Basis von Services, Fähigkeiten und Werkzeugen!

- Eine Replik auf den Nachruf zu Industrie 4.0 auf der Huffington Post -

Was geschehen ist ...

In den vergangenen Monaten stand der Hoffnungsträger Industrie 4.0 unter Dauerbeschuss. Deutschlands Zukunftsprojekt wurde nach der Euphorie plötzlich massiv kritisiert. Journalisten und Blogger sahen den Erfolg gefährdet, auf der Huffington Post wurde bereits ein Nachruf veröffentlicht und schließlich zog Bundesminister Sigmar Gabriel die Reißleine und die Verantwortung an sich.

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Abb 1: Industrie 4.0 - Eine Hoffnung ohne klares Ziel und klaren Weg?

Dabei sind die Autoren des Nachrufs auf der Huffington Post eigentlich Verfechter des Industrie-4.0-Weges, sie wollen aufrütteln. Daher rütteln wir gerne mit, zugleich soll diese Replik aber auch aufzeigen, warum der Misserfolg nicht zwangsläufig ist und es nach wie vor klare Erfolgsperspektiven gibt.

Was waren wichtige Kritikpunkte an Industrie 4.0?

Als Probleme wurden von den Kritikern der Industrie 4.0 u.a. genannt:

  • viel Fokus auf Forschung, wenig auf Geschäftsmodelle

  • Überzogene Technikfixierung

  • Unangemessene Vorgehensweisen

Leider müssen wir dieser Kritik zum Teil zustimmen. Viele der genannten Probleme waren auch schon Probleme beim Vorläufer von Industrie 4.0 vor vielen Jahren, der CIM-Welle bzw. dem Computer Integrated Manufacturing. Technikverliebt und mit unzureichendem Blick auf den Markt wurde damals geforscht und entwickelt, um in der nachfolgenden Lean-Welle schließlich wieder alles auf Null zu setzen. Hier ticken gerade „amerikanische" Wettbewerber anders. Sie suchen als Ergebnis den Markt-Erfolg durch smarte Services und Produkte, realisieren dafür die notwendigen Strukturen und Fähigkeiten und gehen dabei systematisch vor. Kurz: Während wir MP-3 erforschen, wird in den USA aus MP-3 ein Milliardenerfolg.

Wie sieht dann alternativ eine Erfolgsbasis für Industrie 4.0 aus?

Natürlich ist eine solche Kritik an Industrie 4.0 polemisch, zugleich zeigt sie aber richtige Wege auf, indem auf eine Business Transformation 4.0 gesetzt und die Kritik ernstgenommen wird. Auch Industrie-4.0-Köpfe wie der DSAG-Vorstand Otto Schell fordern eine solche Transformation 4.0, da sie nicht ohne einen ökonomisch fokussierten und systematischen Wandel gelingen kann:

  • Unsere Industrie-4.0-Ziele sollten also stets ein ökonomisches Ziel verfolgen und keine Forschungsorientierung als Selbstzweck sein!

  • Wir sollten dafür auf neue / verbesserte Services und Geschäftsmodelle (Kundenschnittstelle, Strukturen, ...) als Ergebnis unserer Optimierung setzen

  • Als Basis für diese Geschäftsmodelle sollten wir in erster Linie nicht Technik, sondern neue/ verbesserte Fähigkeiten fokussieren.

  • Erst Werkzeuge, die die Transformation begleiten, sorgen dabei für eine erfolgreiche

    Transformation, die kein Zufallsprodukt bleibt.

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Abb 2: Industrie 4.0 systematisch - Ziele, Dimensionen und Fähigkeiten

In Abb. 2 ist dieser Zusammenhang zwischen der ökonomischer Zielsetzung, digitalen Dimensionen und Kerngeschäftsfähigkeiten kompakt dargestellt. Im Folgenden werden wir dies beispielhaft erläutern.

Navigation für die Business Transformation

Eine Business Transformation 4.0 beginnt mit der Festlegung gewünschter Ziele, die entweder gesteigerte Umsätze durch neue Services/Produkte oder verringerte Kosten durch bessere Strukturen sein können. Diese Ziele können in verschiedenen digitalen Dimensionen realisiert werden, z.B. durch Optimierung von Produkten und Services, durch interne Optimierungen (Enterprise in Abb. 2)) oder durch Verbesserung der Marktschnittstellen (Customer & Partnering in Abb. 2).

So könnte z.B. in einem Industrie 4.0-Szenario die Optimierung von Kosten durch eine bessere Instandhaltung gewünscht werden. Durch die Identifikation von Maschinenzuständen und die Prognostizierbarkeit des Verschleißvorrats auf Basis der Betriebsparameter könnten automatisch optimale Betriebs- und Wartungspunkte identifiziert werden. So werden unnötige Stillstandkosten vermieden.

Fähigkeiten bzw. Capabilities als Basis für Industrie 4.0

Was aber ist die Basis für bessere Services, eine bessere interne Business-Logik oder bessere Marktschnittstellen? Wir setzen auf Fähigkeiten als nachhaltige Erfolgsbasis, da Fähigkeiten nicht nur stabiler als Prozesse und Organisationsstrukturen sind, sondern vor allem das Ausmaß an Komplexität bei Planung und Umsetzung begrenzen und somit steuerbar machen. Denn nach wie vor gestaltet sich der Aufbau digitaler Geschäftsmodelle als äußerst komplex, da oftmals wenig Transparenz über konkrete operative Folgen in den Unternehmensbereichen vorhanden ist. „Dass wir unser Industrie digitalisieren und unsere Fähigkeiten entwickeln müssen, ist klar! Nur das genaue Ziel und den Weg kennen wir noch nicht", so oder so ähnlich klingt es dann immer wieder aus den Führungsetagen.

Deshalb plädieren wir dafür, den praxiserprobten Ansatz der Fähigkeit-basierten Planung (Capability-based Planning) zu nutzen. Hiermit lassen sich die Unternehmensbereiche identifizieren, die vom neuen Szenario betroffen sind, und die Schlüsselfähigkeiten bewerten, die notwendig sind, um bspw. eine vernetzte Produktion im Sinne einer Smart Factory zu ermöglichen. Dabei sind im Hinblick auf das Digitalisierungspotenzial vor allem die Informationsflüsse zwischen den je nach Bedarf fein oder weniger fein geschnittenen Capabilities, also im Beispiel einer vernetzten Produktion etwa zwischen Fähigkeiten wie „Agile Process Modeling", „Information Sourcing" und „Hybrid Reality Simulation" zu untersuchen.

Als Resultat lassen sich eindeutige digitale Anforderungen in Dimensionen wie „People", „Process" und „Material" ausformulieren und - gerade hinsichtlich der vorhandenen Ressourcen - klar priorisieren. Somit wird klar, welche konkreten Geschäftsfähigkeiten ein Unternehmen ausbilden oder ändern muss, um das Potenzial der digitalen Transformation bestmöglich erschließen zu können.

Werkzeuge /Technologien für die Transformation 4.0

Der Digital Navigator als Werkzeug und das architekturbasierte Vorgehen wurde zusammen mit Kunden unterschiedlicher Branchen entwickelt und erfolgreich angewendet. So wurden die Use Cases aus der Umsetzungsempfehlung zu Industrie 4.0 auf ihre Bedeutung bzw. spezifische Ausprägung für die Kunden hin untersucht. Anhand des Digital Navigator konnten zum Beispiel bei einem Unternehmen der Prozessindustrie auf Basis des Uses Cases „Adaptive Logistics" signifikante effizienz- und effektivitätssteigernde Potentiale der Digitalisierung in der Supply Chain identifiziert werden.

Wir glauben, dass eine systematische Transformation ohne Werkzeuge schwierig ist.

Als Instrument zur Planung und nachhaltigen Umsetzung der digitalen Transformation ermöglicht der Digital Navigator

  • die systematische Bewertung alternativer, digitaler Optimierungs-Szenarien anhand einer Fähigkeitenlandkarte des eigenen Unternehmens

  • Transparenz über mögliche Auswirkungen für Geschäftsbereiche und- prozesse

  • Identifikation von Fähigkeiten, die für die Industrie 4.0 erweitert oder aufgebaut werden müssen

Auf diese Weise entsteht tatsächlich eine praxisnahe und für die Vertreter von unterschiedlich betroffenen Einheiten eine anschaulich zu vermittelnde Entscheidungsunterstützung für mögliche Alternativen und die Planung einer Road Map zur Umsetzung. Capabilities / Fähigkeiten als Fokus und unterstützende Werkzeuge vereinfachen also die gewünschte Business Transformation 4.0.

Ein Erfolg 4.0 ist für Unternehmen und Deutschland möglich

Zusammenfassend kann festgestellt werden: Wir glauben an einen möglichen Erfolg des Projekts Industrie 4.0, wenn die Lösungsansätze richtig ausgerichtet werden und wir nicht auf Technik oder Forschung als Selbstzweck, sondern auf neue Produkte und Services, die dafür notwendigen Fähigkeiten, unterstützende Werkzeuge und damit auf eine Business Transformation 4.0 setzen.


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