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07/08/2015 15:01 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 07:12 CEST

Obszöne Atombombenabwürfe auf Japan

flowgraph via Getty Images

Atombomben Manche Medienkommentare scheinen harmlos, sind es aber nicht. So auch der Kommentar von Hannes Stein in der «Welt» über den Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima [1]. Stein beteuert, es gebe keine Worte für das, was nach dem Abwurf der Atombombe geschah. Die menschliche Sprache sei dafür nicht gemacht.

Obszöner Unsinn auf der gesamten Linie

Unsere menschliche Sprache ist durchaus geeignet, das Entsetzlichste zu beschreiben. Klar, solche Beschreibungen können unterschiedlich ausfallen, können je nach Position oder Motiv gefärbt sein. Unsere Sprache kann sehr viel, ist jedoch dann begrenzt, wenn eigenes Erleben der Katastrophe fehlt. Es gebe keine Worte, wie Stein sich ausdrückt, ist schlichtweg falsch:

Bereits der Name der ersten abgeworfenen Atombombe - «Little Boy» - sind zwei Worte, eine als "Kleiner Junge" verpacktes, gewolltes Desaster. Bereits das ist obszön! Weitere Worte: initiierte Katastrophe, zigtausende Tote, Verbrennungen, Verstrahlungen, genetische Schäden oder Verstümmelungen mit Auswirkungen für nachfolgende Generationen.

Und weitere Worte für Danach: Ein ähnliches Desaster drei Tage später mit dem Abwurf der zweiten Atombombe über . «Fat Man» hieß sie, worunter man sich den gefräßigen «Fetten Mann» vorstellen kann: gefräßig nach Zerstörung, Leid, Tod, Feuer und vieles mehr.

Dass sich Hannes Stein dagegen verwahrt, die Abwürfe mit Völkermord, Auschwitz oder Archipel Gulag zu vergleichen, ist nachvollziehbar. Es sei ein obszöner Unsinn, meint er sogar. Ob obszön oder nicht, sei dahingestellt, aber Vergleiche des Genannten sind immer eine Gratwanderung.

Aber es gibt eine übergeordnete Obszönität: Es ist der Wille zur Gewaltanwendung, die Tod, Elend, Leid und Zerstörung billigend und bewusst in Kauf nimmt. Das war vor 70 Jahren und den Jahrhunderten vorher ebenso der Fall wie während der Jahrzehnte nachher. Hinzu kommen die vorauseilenden Obszönitäten, die zur Planung von Gewaltanwendungen führen und solche während der Gewaltanwendung.

Und schließlich sind jene nachfolgenden Obszönitäten zu nennen, die der Gewalt der Kriege eine Legitimität verleihen wollen. Dazu gehören die späteren Streitereien, ob es sich um kriegerische Akte, Völkermord oder Kriegsverbrechen handelt. Nicht zu vergessen die Obszönität, mit der jegliche kriegerische Akte auf Befehl der Machthaber und durch willige Krieger geschehen.

Verklausulierte Relativierung

Am Ende seines Kommentars schreibt Hannes Stein:

«Kein Zweifel: Der Abwurf von "Little Boy" und "Fat Man" war grausam. Atombomben sind furchtbare Waffen - hoffentlich werden sie nie wieder eingesetzt. Es gibt keine Worte für das Leid einer Mutter, die ihr Kind verliert. Aber die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki hat nicht nur den Amerikanern, sondern auch der japanischen Zivilbevölkerung viel Leid erspart. »

Dieses Zitat ist entlarvend. Erstens gibt es auch Worte für leidende Mütter. Und wenn man sie nicht findet, muss man sie suchen. Zweitens: Nicht nur Bombenabwürfe, wie die der Atombomben, sind grausam, sondern alle Kriege und solche Konflikte, die danach aussehen, sind es, samt ihrer Vor- und Nachgeschichten. Drittens: Durchschaubar ist auch Steins Relativierung vom angeblich vermiedenen größeren Leid und dem kleineren Leid durch die Atombombenabwürfe. Dies ist obszöner Unsinn! Weiterführend sind Hannes Steins Ausführungen bestimmt nicht.

Sind die Kriegstreiber und -macher nach 70 Jahren klüger geworden? Zwar sind weitere Atombombenabwürfe auf Menschen unterblieben. Aber dafür gibt es umso mehr Atombombenversuche - Feldversuche ohne sterbende Menschen also -, dass es doch zu Atombombenabwürfen kommen könnte. Es gibt genug unberechenbare Verrückte auf dieser Welt. Leider ist die Angst davor - verpackt als Gleichgewicht des Schreckens - kein Trost. Empfehlung für Hannes Stein: «Japan hätte auch ohne Bombe kapituliert», ein langer Beitrag von Klaus Scherer im «Cicero» [2] .

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[1] Hannes Stein: Die Alternative wäre schlimmer gewesen. «Die Welt», 6.8.2015

[2] Klaus Scherer: Japan hätte auch ohne Bombe kapituliert. href="http://www.cicero.de/weltbuehne/atombombe-auf-nagasaki-japan-haette-auch-ohne-bombe-kapituliert/59654" target="_hplink">«Cicero», 3.8.2015

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