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26/01/2016 13:06 CET | Aktualisiert 29/01/2017 06:12 CET

No risk, no fun oder: Die Route ist das Ziel

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© Hapag-Lloyd Cruises

Auf dem Luxusliner „MS Europa" stimmt das EU-Parlament über die Reiseroute ab, ein Konzept für Couragierte. Ungleich mutiger waren vermutlich die weltweit allerersten Vergnügungskreuzfahrer, die vor 125 Jahren mit der „Augusta-Victoria" von Cuxhaven ins Mittelmeer und den Orient aufbrachen.

In welchem Hafen werde ich morgen früh erwachen? Diese Frage ist auf Luxus-Kreuzfahrten in der Regel vorab geklärt. Ganz anders auf einer Überraschungskreuzfahrt der „MS Europa", die mit einer gewissen Spannung verbunden ist. Lediglich Start- und Zielhafen stehen fest. Alles andere entwickelt sich unterwegs, von Istanbul nach Venedig - der Weg scheint das Ziel.

Welche Häfen angelaufen werden, entscheidet eine Abstimmung durch das „Europa-Parlament" - und das sind die Passagiere „Wo also werden wir landen? Irren wir möglicherweise irgendwo auf dem Meer ziellos herum, nur weil es keine Einigung im 'EU-Parlament' gibt? Ist für den Fall genug Essen und Trinken an Bord?"

Das Wesen einer Überraschung liegt in seiner kompletten Unvorhergesehenheit. Die meisten der teilnehmenden Passagiere fühlen sich durchaus sehr mutig, gewissermaßen in Ungewisse zu reisen. Auch für einen erfahrenen Seemann wie Kapitän Mark Behrend und für seine Crew entbehrt das Konzept durchaus nicht des Nervenkitzels.

Der Welt allererste Vergnügungskreuzfahrt - ein Gang ins Gefängnis mit der Aussicht zu ersaufen?

Ein mindestens so großer Nervenkitzel war es wohl für Kapitän, Crew und Passagiere der „Augusta-Victoria", als sie am 22. Januar 1891 auf die weltweit allererste 'Vergnügungsreise' auf See gingen - mit einem Schnelldampfer der Hapag (Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft). Initiiert hatte die Reise deren 33-jähriger Passage-Direktor Albert Ballin.

Die Planung soll nicht einfach vonstatten gegangen sein, denn niemand trat zu jener Zeit ohne Not eine Seereise an, niemand ging freiwillig für Wochen auf ein Schiff. Hieß es doch, es sei ein „Gang ins Gefängnis mit der Aussicht zu ersaufen". Und nun dafür auch noch viel Geld zahlen? Die Reise sollte von Cuxhaven über Gibraltar, Alexandria bis Konstantinopel, dem heutigen Istanbul und zurück führen und 57 Tage dauern.

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Doppelschrauben-Schnell-Dampfer „Augusta-Victoria", das erste Vergnügungsreisenschiff der Hamburger Schifffahrtslinie.

67 von den 241 deutschen, englischen und amerikanischen Passagieren waren Damen, meist unternehmungslustige Engländerinnen.

© Hapag-Lloyd AG

In Istanbul läuft heute die „MS Europa" zu ihrer Überraschungsreise aus: Erst am folgenden Seetag startet das Votum. Heiter ist die Stimmungslage in der „Europa Lounge" auf Deck 4, Erwartungsvibrationen überall. Nicht einer möchte das Ereignis der Abstimmung verpassen.

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© Hapag-Lloyd Cruises

Alles schon vor der EU-Abstimmung klar?

Überraschenderweise stellt der Kapitän drei Routen zur Auswahl: Option A, B oder C: Gestützt werden sie in Wort und Bild von einem erfahrenen Lektor Knut Edler von Hofmann, Experte für sämtliche der möglichen Ziele. Also doch schon alles vorab klar?

Keineswegs. „Jedes Schiff, das einen Hafen verlassen will, muss der jeweiligen Hafenbehörde seinen Zielhafen angeben und sich dort auch anmelden", sagt Kapitän Behrend. Würde der Kapitän beim Auslaufen bei der Istanbuler Hafenbehörde drei verschiedene Zielhäfen angeben, löste das nicht nur dort schwere Irritationen aus.

Auch könne er nicht plötzlich high-speed-Reisegeschwindigkeit vorlegen. „Der nächste Hafen müsse im erreichbaren Temporahmen liegen, für die „Europa" sind das immerhin 21 Knoten". Ein Knoten entspricht einer Seemeile, 1,852 Stundenkilometer.

Also ist keineswegs alles vorher schon klar. Allein aus besagten Gründen ist die erste Station, auf dieser Reise die Insel Skiathos, vorab geklärt. Im „Europa"-Parlament geht es dann um alle weiteren Reiseabschnitte. Einzige Bedingung: der Einlauf am Ende der Reise im Zielhafen Venedig muss absolut pünktlich sein.

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Die Kulisse der Hagia Sophia Moschee im damaligen Konstantinopel und heutigen Istanbul bot sich auch schon den weltweit allerersten Kreuzfahrern auf der „Augusta-Victoria".

© Hapag-Lloyd Cruises

Reicht der Proviant?

Beruhigend: Die Vorrats- und Kühlkammern im Schiffsbauch der „MS Europa" sind gut gefüllt. Alle erdenklichen Spezialitäten wie Kaviar, Hummer oder Spitzenweine reichen locker bis in die Lagunenstadt - 1050 Flaschen Champagner, aber auch 3.070 Rollen Toilettenpapier.

Die kurierende Story mit dem nicht rechtzeitig gelieferten Hygieneartikel und der Nachlieferung per diverser Feeder (eigens als Zulieferer für große Schiffe gebaute Frachtschiffe), die im Pazifik von Hafen zu Hafen fast einer Verfolgungsjagd geglichen haben soll, ist kein Seemannsgarn. Sie wird auf der „MS Europa" immer wieder gern erzählt. Allein wegen des Nachschubs muss also nirgendwo festgemacht werden.

Keine Europa-Überraschungsreise ohne einen „Wetterfrosch". Meteorologe Uwe Wesp kann zwar das Wetter nicht beeinflussen, doch schaut er detailliert voraus - nur die besten Wetterlagen sollen angesteuert werden. „Kein Kapitän fährt vorsätzlich in ein Unwetter, nur weil dieses oder jenes Ziel abgestimmt wurde", sagt Kapitän Mark Behrend.

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Der 1.Klasse-Speisesaal der „Augusta-Victoria".1.600 bis 2.400 Goldmark kostete die Reise vor 125 Jahren. Das entspricht etwa 28.500 bis 42.800 €.

© Hapag-Lloyd AG

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Die Menükarte der „Augusta-Victoria". Augenzeugen berichteten, die Passagiere essen Caviarbrötchen, als ob sie dafür bezahlt würden.

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Kommt es zur geheimen Stichwahl?

Auf der „Europa" sind mittlerweile alle parlamentarischen Spielregeln erläutert, Bienenschwarmähnliches Summen bei der Beratung der Parlamentarier untereinander. Von dem Recht auf Zwischenrufe oder dem, eine Petition gegen die Wahl oder Gegenvorschläge einzureichen, macht erstaunlicherweise niemand Gebrauch.

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Abgestimmt wird per Akklamation, bei Patt-Situationen werden Abstimmungszettel hinzugezogen.

© Hapag-Lloyd Cruises

Etwas gespalten sind die Fraktionen: Archäologisch interessierte Reisende versus Wanderer oder Kulinariker. Eine eindeutige Mehrheit per Akklamation ist notwendig. Die erste Wahlrunde ergibt eine Pattsituation, die zweite ebenfalls. Was nun? Nur ein Ziel kann gewinnen. Es kommt zur geheimen Stichwahl - schriftlich. Schließlich gewinnt Ziel A, die Insel Delos, der Mittelpunkt der Kykladen.

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Die Crew de „Europa" zählt die abgegebenen Stimmen der Stichwahl aus.

© Hapag-Lloyd Cruises

Am Tisch mit der Archäologenfraktion knallen die Korken, freuen sich mit den erfahrenen Cruisern, die schon einmal auf der Insel Delos waren. Noch im selben Moment beginnt die Touristikmanagerin in Windeseile, den lange vorher optionierten Reiseführern, Busunternehmern, Restaurant oder Museum der Alternativ-Optionen zu- oder abzusagen.

Schneesturm im Libanon

Dreizehn Landgänge gab es auf der Seereise1821. Beinahe wäre auf den Passhöhen des Libanon eine Herrenrunde einem Schneesturm zum Opfer gefallen - Sehenswürdigkeiten waren damals kaum touristisch erschlossen. Albert Ballin, der die Reise begleitete, ließ das Schiff in Beirut warten, bis die unternehmungslustigen Hamburger von ihrem unfreiwilligen Erlebnis an Bord zurück waren.

Auch 125 Jahre später zeigt sich Kapitän Mark Behrend flexibel, baut den einen oder anderen Abstecher als Überraschung mit ein. So umrundet er in der Abendsonne mit der „Europa" noch die Halbinsel Chalkidiki mit dem schneebedeckten Heiligen Berg Athos und seiner orthodoxen Mönchsrepublik - eine wahrhaft Ehrfurcht erregende Überraschung.

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Die Meteora-Klöster der orthodoxen Mönchsrepublik am Heiligen Berg Athos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki.

© Hapag-Lloyd Cruises

Alle drei Tage während der zwei Europa-Reisewochen „the same procedure". Durch das gesellige EU-Abstimmungsmanagement schließen die Passagiere besonders schnell Bekanntschaft miteinander, niemand fühlte sich auf der falschen Reise. Der Mut, diese Reise angetreten zu haben, scheint belohnt - wie damals auf der Augusta-Victoria: no risk, no fun!

Uta Petersen folgte für diese Recherche einer Einladung von Hapag-Lloyd Cruises.