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15/09/2015 06:01 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 07:12 CEST

Im Wald der Grünen Fee

Dem einen „Liason dangereuse," dem anderen Kultgetränk oder Hausarzt - im schweizerischen Val de Travers wird in diesen Wochen das Wermutkraut geerntet - die einst verbotene Absinthproduktion blüht wie in alten Zeiten..

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Stille! Staubfreie Luft! Gelbe Butterblumen auf satten Bergweiden, vereinzelte Enzianschonungen, glasklare Gebirgsbäche, lautloses Uhrmacherhandwerk - und alle Ausprägungen von Grün, soweit das Auge reicht. Die für sich allein schon berauschende Landschaft des Schweizer Jura ist das Herz der Absinthproduktion par excellence.

Das Val de Travers liegt so quer zu den anderen Juragebirgstälern wie die freiheitliche Gesinnung der Talbewohner zum Rest des Alpenlandes. Das alkoholische Rauschgetränk mit dem mystischen Image gehört bereits über 200 Jahre zum täglichen Leben der „Juristen" wie die Wolken am Himmel.

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Wermuternte im Val de Travers

© Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

„Zu schade, dass Absinth nicht mehr verboten ist" bedauert ein Monsieur in den besten Jahren ebenso erinnerungserfüllt wie verschmitzt,"das Verbotene war bedeutend aufregender". Er lässt aus der Glasfontäne auf dem Tisch etwas Eiswasser in seinen Absinth nachtropfen. Gleich nebenan, in Hörweite seines Stammplatzes im Six-Communes-Café in Moîtiers, befindet sich die 'Absintherie du Père François', der sich für ein Stelldichein mit der „Grünen Fee" erwartungsfroh eine Gesellschaft nähert: Der Kanton Neuenburg erlebt einstige Absinthpassion neu.

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Absinth trinkt man aus Gläsern, aus der Fontäne tropft nach Bedarf Eiswasser hinzu.

Die Plakat-Sammlung im Absinth-Museum in Pontarlier

© Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

Die grüne Fee ist blau

Kniehoch steht das Wermutkraut. Bereits erkennbar: kleine, mimosenartig-gelbe Blüten - nicht aber der Thujongehalt, der das Erregende und Umstrittene an dem allzu gern verteufelten Trunk ausmacht. Das farblose Destillat schimmert dem einen eher grün, dem anderen blassblau. Die Kräuter, aus denen die „Grüne Fee" oder „La petite bleue", gebrannt wird, wären ebenso gut als Heilkräutertee zu verwenden. Das allerdings wäre den meisten Neuenburgern dann doch zu langweilig.

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Wermutkraut muss in einem speziellen Trockenschuppen lange hängen und vollständig trocknen. Während dieser Zeit duftet es bereits berauschend

© Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

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Der Trockenschuppen von Nicolas Giger in Boveresse steht unter Denkmalschutz

© Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

Strahlend blau wie ein Bergsee sind die Augen des ungekrönten Absinthspezialisten Nicolas Giger. Der über 80-jährige sei bereits als Kind in Absinth gebadet worden, munkelt man in der Region. Mit stoischer Leidenschaft führt er Wissende und Ahnungslose durch seine Absinth-Heimat, von Wermutfeld zu Trockenschuppen, von tief im Bergwald verborgenen Absinthflaschen zu öffentlichen Absinthdestillen. Legalité, Qualité, Apprécier!

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Die Grüne Fee weist den Weg zu ihrer versteckten Absinthquelle in Moines

© Nicolas Giger

Jedes Jahr im Juni steht das 400-Seelen-Dorf Boveresse so gut wie Kopf bei dem von ihm organisierten Absinth-Festival. Anfang Oktober 2015 dann begeht man im nachbarlich-französischen Pontarlier wieder einmal die 'Absinthiade', mittlerweile wird sie international beachtet.

Das Verruchte ist verraucht

Finster wie lange Winterabende im Jura war auch lange Zeit der Ruf des Absinth. Heruntergekommene Arbeiter, halluzinierende Künstler, abhängige Soldaten, ein mordender Familienvater. Oder lag es doch nur an dem Alkoholgehalt? Möglicherweise hätten die Maler Henri Toulouse-Lautrec oder Paul Gauguin ohne ihren Absinthgenuss ganz andere oder überhaupt gar keine Bilder gemalt!?

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Mit derartigen Plakaten warnte man 1910 vor den Gefahren der „Grünen Fee" und des Absinthtrinkens © Schweiz Tourismus

„Rien ne va plus" hieß es 1910. Absinthverbot! Nicht brennen, nicht verkaufen, nicht transportieren. Aber besitzen? 2005 wird aus dem staatlich verordneten Feind wieder ein Hausfreund. Niemand mehr muss heute die Polizei mit Fehlalarm von der Hausdurchsuchung ablenken; Niemand mehr Reifen verbrennen, um den Destillationsgeruch aus dem Hinterzimmer zu vertreiben. Auch reitet, wie um 1777 ein Dr. Peter Ordinaire, kein Arzt mehr von Dorf zu Dorf, um Absinth gegen jedes Wehwehchen, ja sogar Kindern zu verordnen.

Gespenstisch erscheinen die wilden Schluchten des Areuse-Flusses, geheimnisvoll tief der Neuenburger See. Einige Forellen schaffen den Karrieresprung von hier über die Kantonsgrenze bis nach „Le Noirmont" in der Vier-Sterne-Küche von Chef Georges Wenger - und finden sich wieder in Gesellschaft von Absinthkraut.

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Gespenstische Schluchten, Geheimnisse, Nebel und Mythen im Val de Travers mit dem Fluss Areuse © Schweiz Tourismus

Das Val de Travers, lediglich von niederträchtigen Absinthgegnern als „Val der Pervers" geschimpft, ist ein Tal der Sinne. Bergzauber liegt über dem Wanderpfad von Butte nach La Rondelle, Atemlosigkeit erregt ein Blick vom Balcon du Jura Vaudois in das weite Land - Entrücktheit pur durch Natur, nicht durch Absinth.

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Gefunden: Die Absinthquelle in den tiefen Wäldern des Val de Travers ist für jeden Wanderer zugänglich © Nicolas Giger

Lärmendes Gelächter dringt am helllichten Tag durch die Mauerritzen aus der Absintherie von Père François. Die Degustationsgruppe hat zunächst Utensilien aus historischer Absinth-Herstellung, Art-Deco-Plakate und Karikaturen begutachtet, danach vor allem den mannshohen Kessel, aus dem das aromatische Destillat ungehindert im hohen Bogen in ein weiteres Fass fließt.

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Völlig legal: Absinth-Brennen in der Absintherie von Père François in Moîtiers.

© Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

Mit Sicherheit wurde ein Finger oder ein Gläschen unter den Strahl gehalten und dazu noch von der einen oder anderen Absinth-Praline genascht.

„Die grüne Fee, sie bot sich dar...," heißt es bei dem Poeten Herrn von Aster in seinen ‚Mitternachtsrabengeschichten zum Absinth', "...und ich, wahrhaft! Ich war!"

Titelfoto Fluss Areuse im Val de Travers © Association Pays de l'Absinthe - Guillaume Perret

Die Reise wurde unterstützt von Switzerland.com und Tourisme neuchâtelois

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