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10/11/2015 13:23 CET | Aktualisiert 10/11/2016 06:12 CET

La Chaux-de-Fonds: Ein ganz besonderer Ort um Abschied zu nehmen

Harold Cunningham via Getty Images

November, Zeit der inneren Einkehr und des Gedenkens. In einem Juwel der Sepulkral-Architektur, dem überkonfessionellen Jugendstil-Krematorium in der schweizerischen Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds bestimmt nicht die Konfession sondern das Gebäude das Ritual des letzten Weges.

„Wenn schon sterben, dann sollte alles, was dazu gehört, schön sein und einen tieferen Sinn haben", sagte sich Charles L'Eplattenier, einer der wichtigsten Vertreter des Schweizer Jugendstils (Art nouveau) und entwarf ein Gebäude voller Symbolik. Das Krematorium La Chaux de Fonds steht auf dem Friedhof in Charrière im Nordosten der Stadt.

Für die Anlage wurde die gitterartige Struktur der Stadt aufgegriffen und ist damit einem „Wohnviertel für die Ewigkeit" vergleichbar. Der Kubus des Krematoriums, eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt gilt als kulturelles Gut von höchstem Wert, als eine Ikone dieser Baukultur.

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Das Art Nouveau-Krematorium in La Chaux de Fonds © Christof Sonderegger

Es war die Privatgesellschaft, „La Flamme", die das Krematorium zwischen 1907 bis 1909 erbauen bauen ließ. Charles Eplattniers künstlerische Vision wurden akribisch umgesetzt von den Kunstmalern und den Architekten Robert Belli und Henri Robert - 1910 war Eröffnung des symbolistischen Gesamtkunstwerkes. Auf der Giebelspitze streckt der goldene Athlet seine rechte Hand zum Himmel: „Vers l'ideal" - Hin zum Ideal".

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"Vers l'ideal - Hin zum Ideal" - © Aline Henchoz

An dem eindrucksvollen Jugendstilgebäude aus Kalkstein und Beton ist nichts ohne Symbolwert. Die Gestaltung ist überkonfessionell, Architektur, Gemälde, Skulpturen und sogar das Mobiliar bilden ein unzertrennliches Ganzes. Ein Besuch dieser Kultstätte ohne traurigen Anlass erfordert ein wenig innere Vorbereitung, ohne aber einer düsteren Stimmung zu verfallen.

Die Trauergemeinde betritt das Gebäude von der linken Seite - auf dem Weg dahin passiert sie das Mosaik an der Nordwand: „Vers l'au dela" - Weg ins Jenseits. Sie schreitet durch den Zugang mit den jeweils drei kegelförmig zugeschnittenen Charmille-Bäumen an den Seiten, Charmille, der Baum des Lebens - vorbei an den beiden trauernden Statuen zu beiden Seiten des Treppenaufganges.

Die 22 Stufen der Freitreppe an der Ostseite symbolisiert das Abheben der Seele von der materiellen Hülle. Sie führen hinauf in die Vorhalle, hindurch unter einem Steinbogen mit geometrisierten Tannenzweigen und Tannenzapfen, Symbole der Region für Trauer. Er endet in einem Schlussstein in einer geflügelten Form - Symbol für die von den reinigenden Flammen befreite Seele.

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Jedes Detail des Kubus hat hohen Symbolwert - © Aline Henchoz

Das gedämpfte Licht, das die Trauergemeinde im Saal empfängt, ist der blau-lila-seegrün-farbene Lichtschein von außen durch die flammenförmigen Gittersteine mit Mosaiken, nur erhellt durch zwei mannshohe Fackeln zu beiden Seiten des aufgebahrten Sarges.

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Innenraum des Jugendstil-Krematoriums © Aline Henchoz

Dahinter, an der Stirnseite des Saales, in einer Mauernische, befindet sich der schlichte Sitz des Zeremonienleiters. Über ihm, quer über die ganze Wand, ein Ölgemälde, „La Mort, la Douleur et la Paix" - der Tod, der Schmerz und der Friede. Die dem Gustav-Klimt-Stil ähnlichen, gehämmerten Frauenfiguren auf den großen Flügeltüren werden erst beim Verlassen des Saales in den Blick geraten.

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Der Tod, der Schmerz und der Friede, © Aline Henchoz

Die Trauernden stehen - zu Ehren des Verstorbenen aber auch, weil nur wenige Bänke am Rand des Raumes Sitzplatz bieten. Die sphärisch anmutenden Orgelklänge scheinen aus allen Mauerritzen, ja direkt vom Himmel zu kommen, die Orgel ist vom Saal aus unsichtbar über der Vorhalle in einem Raum verborgen.

Ein Gemälde an der rechten Wand zeigt eine Frau, sie ist ganz in sich versunken und hütet die Flamme der Erinnerung „La Flamme de Souvenir". Ihr gegenüber ein Mann, ebenfalls in einen Umhang gehüllt. Er hält eine Urne: "Le Silence", die Stille.

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Kolombarium in der Wand an der Eingangsseite - © Aline Henchoz

In die Wanddekoration integriert, verborgen hinter mit Namensschildern versehen Türen, kaum wahrnehmbar, ein Kolombarium mit Urnen von verstorbenen Bürgern der Stadt. Die feierliche, ehrfurchtsvolle Stimmung, die durch die Gestaltung des Saales entsteht, ist Teil des Kunstwerkes. Der künstlerischen Darstellung von Abschied, Trauer und Schmerz kann sich niemand der Trauergäste entziehen.

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Über der Eingangstür das Fegefeuer - © Aline Henchoz

Fast scheint es, als sollen all die kunstvollen Symbole den Abschied erleichtern. Die gehämmerten Kupferblechtüren über dem Sarg werden sich nach der Zeremonie über ihm schließen, sobald er durch einen hydraulischen Lift in den Boden abgesenkt wird.

Der Blick geht nach oben, die Kuppel ist bemalt mit Flammen, gelb, orange, rot, gold und schwarz - sie züngeln der Mitte der Kuppel, dem Himmel entgegen- das Lochmuster des Leuchters in der Kuppel bewirkt einen glutartigen Effekt. Die Verbrennung des Verstorbenen in den beiden unteren Etagen erhitzt den Fußboden, Rauch und Hitze entweichen durch Kanäle in den Mauern durch den zentralen Kamin.

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Fegefeuer in der künstlerischen Darstellung des Art Nouveau - © Aline Henchoz

Der Rohrverlauf ist beabsichtigt. Ein letztes Mal umfängt der Tote die Hinterbliebenen mit seiner Wärme. Ist der 'Abschied für immer' gemacht, verlässt die Trauergemeinde das Gebäude - nunmehr rechts herum: Man lebt weiter, man muss zurück ins Leben: „La Triomphe de la vie" - Sieg des Lebens", verheißt das Mosaik an der Südseite.

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Mosaik an der Südseite: „La Triomphe de la vie" - Sieg des Lebens" - © Aline Henchoz

Die Reise wurde unterstützt von tourisme neuchâtelois.

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