BLOG
10/10/2013 04:44 CEST | Aktualisiert 08/12/2013 06:12 CET

Wir müssen anders arbeiten

Das heißt auch: Wer sich als erster darauf einstellt, die klugen Antworten und Konzepte findet, der kann morgen Gewinner der Entwicklung sein. Wenn wir anders arbeiten, leben und die Chancen der Globalisierung beim Schopf packen, kann auch eine alternde und schrumpfende Gesellschaft enorme Kräfte freisetzen.

„Alle Länder im demografischen Wandel stehen vor derselben Herausforderung: sie werden älter, wachsender Fachkräftemangel wird spürbar, die Finanzierung von Infrastruktur und Sozialsystemen fällt schwerer. Eine Abwärtsspirale mit Ansage? Nicht unbedingt. Immerhin werden heute 70% des globalen Bruttosozialproduktes der Welt in sogenannten „alternden Gesellschaften" erwirtschaftet. Sie sind also ressourcenstark. Europa und Japan stehen schon heute vor der großen Herausforderung, ihr Leistungs- und Wohlstandsniveau angesichts dieser Entwicklung zu halten. Langfristig wird der demographische Wandel aber die Bevölkerungsstruktur der gesamten nördlichen Halbkugel fundamental verändern. Von Kanada, über Russland bis China - 2050 wird in allen diesen Ländern mehr als 30% der Bevölkerung alter als 60 Jahre sein.

Das heißt auch: Wer sich als erster darauf einstellt, die klugen Antworten und Konzepte findet, der kann morgen Gewinner der Entwicklung sein. Wenn wir anders arbeiten, leben und die Chancen der Globalisierung beim Schopf packen, kann auch eine alternde und schrumpfende Gesellschaft enorme Kräfte freisetzen.

Frauen beispielsweise arbeiten heute in den meisten Industriestaaten oft noch weit unter ihren Möglichkeiten. Viele sind gut ausgebildet, möchten ihre Fähigkeiten nicht nur wenige Wochenstunden im Beruf beweisen, Karriere machen, sich Privates und Job besser mit dem Partner aufteilen. Das betrifft bei weitem nicht nur die jüngeren Paare in der Kinderphase, auch die älteren, wenn es darum geht, Verantwortung für die Pflege von Angehörigen zu übernehmen. In einer Gesellschaft des langen Lebens und Arbeitens dürfen Auszeiten nicht länger Karrierebremse sein - für Frauen ebenso wie für Männer.

Es ist keine zehn Jahre her, da diskutierte Deutschland, ob Angela Merkel dieses Land als Bundeskanzlerin anführen kann - weil sie eine Frau ist! Heute sind alle Zweifel weggewischt - auch im Ausland. Kaum jemand weiß: Der deutsche Mittelstand, die zentrale Antriebswelle der weltweit geachteten Exportmaschine Deutschland, hat bereits ein Drittel aller Führungsjobs mit Frauen besetzt. Lektion gelernt! In der Wissenschaft ist ohnehin längst belegt, dass Diversity Unternehmen nach vorn bringt - weil erst der Mix der Ideen und Erfahrungen kluge Richtungsentscheidungen und damit nachhaltigen Erfolg fördert.

Vorreiterbetriebe in Deutschland machen heute die Erfahrung, dass die richtige Kombination aus Jung und Alt, aus Kreativität und Erfahrung, aus Dynamik und Sorgfalt einen Produktivitätsschub und damit Wettbewerbsvorteile bringt. Spott über „Altes Eisen" klingt bereits gestrig. Die demografische Entwicklung entpuppt sich als Riesenchance für die Älteren, ihre Rolle in der Arbeitsgesellschaft neu zu definieren. Diesen Weg müssen wir konsequent weitergehen, indem wir investieren in eine altersgerechte Arbeitswelt und herausfinden, wie Menschen bis ins hohe Alter erfüllt und gesund an Körper und Geist arbeiten können. Das Wissen um kluge Verfahren und Schutzmechanismen kann einmal zum Exportschlager Deutschlands werden.

Fachkräfteengpässe werden alle alternden Industriestaaten früher oder später zwingen sich aktiv die globalen Arbeitsmärkte zu erschließen. Um die besten Köpfe ringt die ganze Welt. Sie kommen nur, wenn das Zuwanderungsrecht offen und modern ist, und eine Gesellschaft ausstrahlt, dass Fachkräfte aus dem Ausland willkommen sind.

Jeder Kopf wird gebraucht. Das gilt besonders für die schrumpfende jungen Generation. Auf sie kommt viel Verantwortung zu. Weil sie in Zukunft viel leisten muss, braucht sie eine Bildungsinfrastruktur, die ihre Fähigkeiten optimal fördert und zur Entfaltung bringt. Stichworte sind nicht nur bessere Qualität der Kinderbetreuung und Ganztagschulen, die allen einen guten Start in den Beruf ermöglichen. Damit alle Generationen Schritt halten in der modernen Arbeitswelt, gewinnen Weiterbildung und Qualifizierung während der gesamten berufliche Laufbahn rasant an Bedeutung - nicht nur als Aufgabe für den Staat, sondern auch die Wirtschaft.

Deutschland hat heute alle Voraussetzungen, den Wandel zu meistern. Aber das erfordert Veränderungsbereitschaft. Wir dürfen im Reformprozess nicht stehenbleiben."