BLOG
14/12/2015 03:32 CET | Aktualisiert 14/12/2016 06:12 CET

Lange war ich unsichtbar: Wie Versöhnung mein Leben rettete

Pixland via Getty Images

»Ursula? Bist du das?«, höre ich die Stimme meiner Mutter.

Ja, ich bin es, und ich bin es doch nicht. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das gegangen ist, und auch mit der Frau, über die so viel geschrieben wurde, habe ich nur noch wenig gemeinsam: jüngstes Playmate Deutschlands.

Erstes deutsches Playmate im US-amerikanischen Playboy. Heiß begehrtes Modell in allen führenden Modezeitschriften. Ausgebeutetes Sexobjekt in Filmmachwerken mit Titeln wie Die nackten Superhexen vom Rio Amore oder Jungfrauen unter Kannibalen. Geliebte des Nachtclubbesitzers Rolf Eden, umschwärmtes High-Society-Girl auf vielen Partys.

Die Frau, die vor dieser Tür steht, hat das hinter sich gelassen.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ja, Mama! Ich bin's.

Sie ist einen weiten Weg gegangen, um eine ernst zu nehmende Schauspielerin im Fernsehen, im Kino und im Theater zu werden und in ihren späteren Jahren Kinderyogalehrerin und Seminarleiterin für bewusstes Sein. Sie hat es sich auf die Fahne geschrieben, auch dort Versöhnung anzustreben, wo andere keinen Weg mehr sehen. Als meine Mutter zum dritten Mal fragt: »Ursula, bist du es?«, kann ich mit leichtem Herz antworten: »Ja, Mama! Ich bin's.«

Drinnen dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Die Tür geht auf, meine Mutter steht mir gegenüber. Dieses Mal soll die alte Regel keine Bestätigung finden. Von wegen, man darf keine Türen öffnen, weil durch sie nie Gutes kommt. Von wegen, Menschen können sich nicht ändern. Wer nicht an die Kraft der Veränderung glaubt, für den bleibt Verzeihen immer ein Fremdwort.

Ich glaube an diese universelle Macht, weil ich mich selbst oft genug gehäutet habe, um ein Leben abzustreifen und ein neues zu beginnen. Für einen Moment stehen wir uns gegenüber, und die Luft zwischen uns fühlt sich fremd an. Dann streckt meine Mutter ihre Arme aus, und ich tue dasselbe. Auf einmal ist keine Luft mehr zwischen uns, so innig ist unsere Umarmung.

Wie ich es gestalte, liegt in meiner Macht.

Ich umarme meine Mutter für alles, was sie mir geschenkt hat, das Gute, das nicht so Gute, auch das Schlechte. Ich umarme sie für alles, was sie mir geschenkt hat, denn das macht das Leben aus. Wie ich es gestalte, liegt in meiner Macht.

»Möchtest du reinkommen, Ursula?«, fragt meine Mutter. Auf meinem Gesicht liegt ein Lächeln. Ich fühle mich auf einmal sichtbar wie nie zuvor und genieße den Moment. Kein flacher, nicht spürbarer Atem hält mich gerade noch am Leben.

Es sind tiefe, satte Atemzüge, die mich durchströmen. Ich nehme die Hand meiner Mutter. »Ja«, antworte ich. »Das tue ich gerne.«

Dies ist ein Textauszug aus dem neuen Buch von Ursula Buchfellner - Lange war ich unsichtbar (Kapitel 2 „Die besseren Leute)

2015-12-14-1450078251-875817-Buchfellner_ULange_war_ich_unsichtbar_160837.jpg

Ursula Buchfellner

Lange war ich unsichtbar

Wie Versöhnung mein Leben rettete

Ca. 250 Seiten. Geb. Buch mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-424-63108-1

€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (*empf. VK-Preis)

Erscheinungstermin: 12. Oktober 2015

November-Playboy: Schöne Studentinnen versüßen den Herbst

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite