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03/02/2014 03:24 CET | Aktualisiert 05/04/2014 07:12 CEST

Hallo? Ich suche eine Antwort - ihr könnt mir helfen!

Julia Engelmann ist von jetzt auf gleich ein Lebensgefühl geworden. Sie hat ein 100 Prozent-Thema entdeckt. Diejenigen, die das Video angeklickt haben, sind mindestens 35 Jahre alt und bangen, dass sie wesentliche Dinge in ihrem Leben schon verpasst haben.

Mein Gott, was ist da passiert? Julia Engelmann? Wer ist das? Ok - wer regelmäßig die RTL-Serie „Alles was zählt" verfolgt hat, kennt sie vielleicht. Doch ich bin fast sicher, dass NIEMAND von den fast fünf Millionen Youtube-Fans ihres Poetry-Slams sie vorher schon einmal wahrgenommen hat.

Julia Engelmann ist von jetzt auf gleich ein Lebensgefühl geworden. In der Politik würde man sagen: sie hat ein 100%-Thema entdeckt. Und ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Diejenigen, die das Video angeklickt haben, sind mindestens über 35 Jahre alt und bangen, dass sie wesentliche Dinge in ihrem Leben jetzt schon verpasst haben.

Julia Engelmann kontrastiert mit ihrem Text die Ankunft in einem beschaulichen Leben, dass keine Aufregung, kein Herzklopfen, keine Ungewissheit und keinen Gestaltungsspielraum mehr zulässt. Im Prinzip liegen wir alle schon im Sarg, nur das Grab ist noch nicht zugeschüttet und wir blicken in den Himmel, wie in einen Spiegel, der die Sehnsuchtswolken bei Windstärke Sieben vorüberziehen lässt. Ganz schön erbärmlich, oder?

Wir leben in einer Situation und in einer Gesellschaft, die verglichen mit vergangenen Zeiten, kaum Wünsche offen lässt. Wohlstand, Frieden, Chancengleichheit. Viele Vokabeln könnte ich jetzt noch ergänzen. Doch offensichtlich bringt das alles keine abschließende Zufriedenheit. Im Gegenteil, überproportional wächst der Wunsch nach Unsicherheit, Wagnis und Unbeständigkeit - Julia Engelmann drückt es in etwa so aus: Lass und ein Hochhaus besteigen, lass uns bis zum Sonnenaufgang wachbleiben oder schlicht, lass uns das Leben genießen.

Alles einfacher gesagt als umgesetzt- stimmt - da sind wir wieder am Anfang von Julias Text. „ Ich würde gerne vieles sagen, bleibe aber meistens still"

„Nicht still bleiben" - das ist ein Anfang zu dem ich mit diesem Blog gerne ermutigen möchte. Offensichtlich benötigen wir eine ernsthafte Diskussion über das gefühlt verpasste Leben und einer großen Leere. Was muss passieren, damit das aufhört? Fehlt es an Kultur, an Ehrenamt? An Gestaltungsraum oder an Liebe? Lasst uns hier darüber diskutieren!

Hier noch einmal der Text von Julia Engelmann:

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Ich, ich bin der Meister der Streiche wenn's um Selbstbetrug geht,

bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinstem was reißen,

lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein Andrer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab,

ich nehm mir zu viel vor und ich mach davon zu wenig,

ich halt mich zu oft zurück, ich zweifel alles an,

ich wäre gerne klug,

allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würd gern so vieles sagen, aber bleibe meistens still,

weil, wenn ich das alles sagen würde, wär das viel zu viel.

Ich würde gern so vieles tun, meine Liste ist so lang,

aber ich werd eh nie alles schaffen,

also fang ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloß auf den nächsten Freitag,

„ach das mach ich später" ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul, wie ein Kieselsteig am Meeresgrund,

ich bin so furchtbar faul,

mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf,

mein Dopamin, das spar ich immer, falls ich's nochmal brauch.

Und eines Tages, Baby, werd ich alt sein, oh Baby, werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und du, du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas

und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, wenn du sagst, dass du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast,

dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.

Du wolltest abnehmen, früher aufstehen,

öfter rausgehen,

mal deine Träume angehn,

mal die Tagesschau sehn, für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen,

aber so wie jedes Jahr, obwohl du nicht damit gerechnet hast,

kam dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft uns auf,

unser Dopamin das sparen wir immer, falls wir's noch mal brauchen.

Und wir sind jung und haben viel Zeit, warum sollen wir was riskieren,

wir wollen doch keine Fehler machen,

wollen doch nichts verlieren.

und es bleibt so viel zu tun, unsere Listen bleiben lang,

Und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land

und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein, wie

„einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen, und hätte fast die Buddenbrooks gelesen

und einmal wär ich beinahe bis die Wolken wieder Lila waren noch wach gewesen,

und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehn wir sind die Gleichen,

und dann hätten wir uns fast gesagt wie viel wir uns bedeuten", werden wir sagen.

Und dass wir nur bloß faul und feige waren, werden wir verschweigen, und uns heimlich wünschen noch ein bisschen hier zu bleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp - und das wird sowieso passieren - dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren,

denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen, also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen.

Lass uns nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,

lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen,

lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehn wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern bis die Wolken wieder Lila sind.

Und lass mal an uns selber glauben, is mir egal ob das verrückt ist,

und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.

Und wer immer wir auch waren, lass mal werden, wer wir sein wollen,

wir haben schon viel zu lang gewartet, lass mal Dopamin vergeuden.

Der Sinn des Lebens ist leben, das hat schon Casper gesagt,

Let's make the most of the night, das hast schon Ke$a gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen,

lass uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten.

Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen,

weil jetzt sind wir jung und lebendig und das soll ruhig jeder wissen.

Und unsere Zeit die geht vorbei, das wird sowieso passieren,

und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns mal demaskieren, und dann sehen, wir sind die Gleichen, und dann können wir uns ruhig sagen, dass wir uns viel bedeuten,

denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.