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14/04/2014 11:26 CEST | Aktualisiert 14/06/2014 07:12 CEST

Thomas Ravelli - Schwedischer Torhüter & WM Held 1994

Die hohe Kunst der Verteidigung

Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien steht vor der Tür und für mich ist es die Gelegenheit, über ein grandioses Spiel aus der WM Geschichte zusprechen. Vor 20 Jahren, während der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA, fand ein ganz besonders Spiel statt, das Viertelfinalspiel Schweden - Rumänien. Ein Spiel wie aus dem Märchen. Alles was in einem Fußballspiel passieren kann, passierte auch. Das Unglaublichste jedoch ist, dass dieses Spiel eine ganze Nation in Euphorie versetzt hat und die bis heute anhält. Fast jeder in Schweden kennt die Helden von 1994 und ich freue mich sehr, mit einem von ihnen sprechen zu dürfen - Thomas Ravelli.

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Foto: Thomas Ravelli

UG: Zunächst einmal, Glückwunsch zu diesem wunderbaren und eindrucksvollen Jubiläum!

TR: Danke!

UG: Du hast 143 Länderspiele für Schweden in der Zeit von 1981 bis 1997 absolviert, hattest bereits an einer WM teilgenommen sowie die schwedische Meisterschaft einige Male gewonnen. Schon vor der WM 94 warst du ein erfolgreicher Torwart mit jeder Menge Erfahrung. Doch erst bei dieser WM bist du in den Torhüter-Olymp aufgestiegen. Kannst du mir erzählen wie es dazu kam?

TR: Vor der WM wurde ich als Torwart in Frage gestellt, da ich unter meinen Möglichkeiten spielte. Derzeit spielte ich beim IFK Göteborg und das gesamte Team spielte nicht so gut wie erwartet. Aus unserem Team spielten acht oder neun Spieler auch für die Nationalmannschaft und ich denke es hatte damit zu tun, dass unsere Gedanken schon bei der WM waren. Daher konnten sich viele von uns nicht so gut auf die schwedische Liga konzentrieren.

Dennoch habe ich sehr viel trainiert um bei der WM in top Form zu sein.

Wir hatten ein gutes Team für dieses Turnier und eine Menge Spieler haben derzeit international in Mannschaften wie Roma, Parma und Borussia Mönchengladbach gespielt, um nur einige zu nennen. Dies war auch einer der Gründe für unsere gutes Abschneiden.

UG: Wie waren die Erwartungen an das Team seitens der Presse und Fans?

TR: Die Erwartungen waren sehr gering. Viele hier in Schweden mögen diese hohen Erwartungen nicht so sehr. Wir wollen immer Underdogs sein, dann sind wir gut. Bei zu hohen Erwartungen verlieren wir meistens.

UG: Bedeutet das, eine bessere Performance durch einen geringeren Erwartungsdruck?

TR: Ja, das liegt uns wesentlich besser. Ich denke bei anderen Nationen, wie z.B. Deutschland oder der USA, ist das komplett anders.

Doch ich persönlich als Torwart möchte diesen Druck haben, um meine gesamte Konzentration und Leistung abzurufen. Wenn der Druck von meinem Management, Presse und Fans am größten war, wenn ich das Messer an meiner Kehle spürte, dann machte ich meine besten Spiele.

Ich brauche den Druck!

UG: Eine höhere Erwartung erhöht auch das Risiko zu scheitern. Als Underdog hat man nichts zu verlieren.

TR: Möglicherweise, doch wenn wir einfach mal zu Zlatan Ibrahimović schauen. Er behauptet er sei der beste Spieler aller Zeiten und er spielt fantastisch. Er kann damit umgehen und wandelt den Druck in positive Energie um.

Während meiner aktiven Zeit glaubte niemand an mich und viele dachten ich wäre kein guter Torwart. Ich war bereits 34 Jahre und man war der Meinung das wäre zu alt. Ich wusste ganz genau, sollte ich bei der WM nicht gut spielen, dann ist meine Karriere als Fußballer zu ende.

Doch ich hatte Vertrauen in meine Leistung, ich wusste ich bin gut und je höher der Druck desto besser mein Spiel.

Das wichtigste jedoch war, dass unser Trainer Tommy Svensson an mich glaubte und mich als Nummer Eins Torwart einsetzte. Der Trainer muss hinter einem stehen ansonsten funktioniert es nicht.

UG: Es funktionierte hervorragend und Schweden spielte fantastisch. Am 10. Juli 1994 in San Francisco dann das Spiel welches dein Leben veränderte. Viertelfinale Schweden - Rumänien. Wie war das Spiel aus deiner Sicht?

TR: In diesem Spiel waren wir die bessere Mannschaft. Thomas Brolin verwandelte in der 78. Minute unseren dritten Freistoß zum 1:0 und es waren nur noch wenige Minuten zu spielen. Während dieser Zeit haben wir leider aufgehört zu denken. Anstatt den Ball in den eigenen Reihen zu halten spielten wir weiter auf Angriff. Rumänien erzielte kurz vor Ende den Ausgleich. Ich war ziemlich verärgert. Wir hätten das Spiel mit 1:0 gewinnen müssen!

In der Verlängerung traf Rumänien erneut und ging mit 1:2 in Führung. Zusätzlich bekam einer unserer Spieler die rote Karte. Es war zum verzweifeln und in diesem Moment dachte ich es sei unmöglich das Spiel noch zu drehen. Doch unser Trainer Tommy Svensson gab uns in der Pause die Motivation, die Kraft und den Glauben daran, dass wir ausgleichen können.

In der 115. Minute war es dann soweit, Kennet Andersson köpfte ein zum Ausgleich. Er sprang höher als Michael Jordan.

Wir schafften den Ausgleich und im selben Augenblick wusste ich, jetzt war es an mir zu zeigen was ich drauf habe.

UG: Das Spiel war wieder offen doch zu Beginn des Elfmeterschießens sah es ja nicht so gut aus?!

TR: Das ist richtig, wir haben das Elfmeterschießen eröffnet und unser erster Schuss ging gleich über das Tor. Es klingt zwar unglaublich aber ich war ganz sicher, dass wir dieses Spiel noch gewinnen werden. Ich habe so lange in der Nationalmannschaft gespielt und hatte so viel Erfahrung. In diesem Moment war ich meiner Sache sicher. Es gibt im Leben diese magischen Momente für die es sich lohnt zu kämpfen.

Jetzt war mein Moment!

UG: Und tatsächlich, zwei gehaltene Elfmeter. Was war das für ein Gefühl nach dem letzten gehaltenen Elfmeter?

TR: Ja, und es war unglaublich, ein grandioses Spiel. Ein Spiel wie aus dem Buster Magazine (Sport Comic Magazine), fast ein bisschen unwirklich. Für einen Moment stand die Welt still. Es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Ich vergleiche es mit dem Moment, als mein erstes Kind geboren wurde. Mein komplettes Leben hat sich dank der gehaltenen Elfmeter verändert.

UG: Nur noch wenige Tage bis zur WM 2014, leider ohne Schweden. Ich hatte mich sehr auf eine schwedische - deutsche Begegnung gefreut. Aber ich bin mir ganz sicher, dass nächste Mal ist Schweden wieder dabei. Dein Tipp? Wer wird Fußballweltmeister 2014?

TR: Das ist sehr schwer zu sagen. Es sind sehr viele gute Mannschaften am Start. Für mich ist Belgien eine sehr interessante Mannschaft mit großem Potential. Belgien im Halbfinale wäre eine tolle Sache. Als Finalspiel tippe ich mal auf Brasilien - Deutschland mit Gewinner Brasilien.

UG: Das klingt interessant, wir werden sehen. Ich denke es wird ein spannender Sommer mit hoffentlich vielen neuen Geschichten und Überraschungen. Vielen Dank für das Interview mit allen erste Hand Informationen. Jetzt verstehe ich auch das Phänomen Thomas Ravelli.

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Foto: Anders Rosell

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