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21/10/2013 10:47 CEST | Aktualisiert 21/12/2013 06:12 CET

Jedermannsrecht - Freiheit auf Schwedisch

Nur 850 km trennen mich von meinem geliebten Hamburg. Jetzt wohne ich in Schweden, genauer gesagt in Finspång, einer kleinen Stadt in Östergötlands Län. Ich habe eine schwedische Personennummer, ohne die hier einfach gar nix geht, ein Bankkonto und ich habe einen Job. Ein Dach über den Kopf habe ich natürlich auch, obwohl ich sicherlich auch mein Zelt, zumindest für eine Nacht, in dieser atemberaubend schönen Natur aufschlagen könnte, dank dem schwedischen Allemansrätten, dem Jedermannsrecht.

Ein Privileg, das es nicht in so vielen Ländern gibt, jedenfalls nicht so und zu Recht sind die meisten Schweden sehr stolz auf dieses Recht. Doch was ist es genau? Es ist das Recht, sich in der Natur aufzuhalten. Aber das haben wir doch auch, oder etwa nicht? Wir haben das Betretungsrecht, was so viel heißt, dass man die Natur betreten darf, allerdings sehr eingeschränkt. Was man bei uns in der Natur darf und was nicht ist stark reglementiert und von Bundesland zu Bundesland verschieden, als Beispiel hier ein Link zum Waldgesetz Schleswig Holstein. Es gibt aber auch noch das Naturschutzgesetz und eine Forstbehörde und sicherlich gibt es noch mehr und so richtig weiß ich eigentlich nicht was ich darf und was nicht. Zelten und Feuer machen in der freien Natur darf ich meines Erachtens in Schleswig-Holstein jedenfalls nicht.

Ich erinnere mich noch gut, als ich nach einem Umzug mein neues Umfeld erkunden wollte und plötzlich ein dicker Jeep angefahren kam. Der Besitzer gab mir nicht sehr freundlich zu verstehen, dass dieser Feldweg Privateigentum ist und ich schleunigst zu verschwinden habe.

Anders in Schweden, das Jedermannsrecht erlaubt dem Einzelnen sich in der Natur frei zu bewegen und sie auch zu nutzen.

„Allgemein beinhaltet das Jedermannsrecht das Recht jedes Menschen, die Natur zu genießen und ihre Früchte zu nutzen, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen am jeweiligen Grund und Boden. Die Ausübung des Jedermannsrechts ist also nicht von der Zustimmung des Grundbesitzers abhängig" (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jedermannsrecht; 2013)

Doch wie überall im Leben bringen Rechte auch Pflichten mit sich und auch dieses Recht ist durch eine Reihe von Gesetzen eingeschränkt, z.B. sind private Gärten, Wohnanlagen, bestellte Äcker tabu. Grundsätzlich jedoch gilt: „nicht stören und nichts zerstören" und wenn man sich daran hält, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten Natur und Freiheit zu erleben. Wandern, Radfahren, Schwimmen oder mit dem Kajak unterwegs sein und anschließend die laue Sommernacht im Zelt am See verbringen, ob nun allein oder in einer kleinen Gruppe ist für mich Freiheit pur.

Nun kann man Schweden in diesem Fall nicht so richtig mit Deutschland vergleichen. Deutschland hat eine ca. 10x höhere Einwohnerdichte als Schweden. Trotzdem, ca. 75% der deutschen Bevölkerung leben in Städten und Ballungsgebieten und daher gibt es auch bei uns wunderschöne Natur und Waldgebiete in recht dünn besiedelten Gebieten. Ich würde mir für Deutschland wünschen, dem Einzelnen etwas mehr Freiheit im Umgang mit der Natur zu gewähren. Wie sonst soll man Natur erleben und lernen sich in ihr zu bewegen und verantwortungsvoll mit ihr umzugehen?

Auch wenn ich mein altes zu Hause oft sehr vermisse, die grandiose Natur hier in Schweden sowohl im Sommer als auch im Winter, lässt mein Heimweh schnell in Vergessenheit geraten.

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