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23/10/2014 12:26 CEST | Aktualisiert 23/12/2014 06:12 CET

Warum Geld und Profitdenken uns zu schlechteren Menschen machen

Thinkstock

Vor einiger Zeit war ich zu einem Abendessen in einem sehr teuren Restaurant eingeladen, als mir mein Tischnachbar, dessen Jahreseinkommen bekanntermaßen über einer Million Euro liegt, erzählte, dass er einen bestimmten Wein, der ihm sichtlich schmeckte, zu Hause nicht so häufig trinke, da die Flasche 27 Euro koste. Ich rätselte den halben Abend darüber, was er wohl mit einer Million im Jahr anstellt, dass ihm eine Flasche Wein für 27 Euro zu teuer ist.

Bis mir klar wurde, dass es sich ganz einfach um einen Persönlichkeitszug handelt; keine Überzeugung, kein Prinzip oder etwas ähnliches, sondern ganz einfach ein Charakterzug, der angesichts seines Reichtums nun einmal besonders grell hervortritt.

Alles und jedes wird unbewusst in Geldwert »umgerechnet« und verglichen, stets in der Befürchtung, übervorteilt zu werden oder aber einen Vorteil auszulassen. Unsere Wertschätzung wird - genauso wie unsere Bedürfnisse - nach Geldwert gefiltert und gelenkt.

Wer jedoch keinen Sinn mehr hat für subjektive Wertigkeiten, der verliert auch den Sinn für sich selbst, dafür, was seine wirklichen Bedürfnisse angeht, und läuft Gefahr, sich einzuengen bis zur neurotischen Störung. Geiz, Schnäppchenjagd und Geldgier sind mögliche Folgen.

Gemeinsam haben sie, dass dem Geldwert dann kein wirkliches Korrektiv der eigenen Wertschätzung mehr gegenübersteht.

Wo nur noch Geldwert zählt und nur noch Angst herrscht, zu viel zu zahlen und »über den Tisch gezogen« zu werden, wo immer nur der Gedanke quält, was man denn vielleicht sonst noch für das gleiche Geld hätte kaufen können, da ist Geiz die natürliche Folge.

Echter Geiz zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass man nicht nur anderen, sondern vor allem auch sich selbst nichts mehr gönnt. Vordergründig, aber eben nur scheinbar ganz anders ist der Schnäppchenjäger: Immer auf der Pirsch nach einem guten Geschäft, nach dem guten Marktpreis, kauft er ohne Rücksicht auf den Gebrauchswert, ohne Rücksicht darauf, was er braucht oder sich wünscht und was ihm wirklich etwas wert ist.

Das besonders günstige Blutdruckmessgerät, gekauft bei einem bekannten Kaffeeröster, liegt zu Hause im Keller gleich zwischen der Heizdecke, die es dort im Monat zuvor gab, und der Munddusche aus dem Elektromarkt. Es stapeln sich Dinge, die man eigentlich überhaupt nicht braucht, die aber »unschlagbar günstig« waren. Eine ganze Industrie baut ihre Umsätze auf dieser Massenneurose auf.

An jedem Wochenende flattern uns ihre Werbebeilagen aus den Zeitungen heraus oder verstopfen unsere Briefkästen. Die Vergeldlichung von allem und jedem ist die Voraussetzung für den funktionierenden Markt.

Geld heißt Zählbares. Geld ist immer Quantität. Will ich meine Leistung auf den Markt bringen, muss ich sie daher so charakterisieren, dass sie zählbar, dass sie messbar wird. Ich muss sie quantifizieren.

Und da wird es im Sozialen problematisch: Man muss im Zweifelsfalle sogar Dinge in die Arithmetik überführen, bei denen dies in Wahrheit unmöglich ist: Beziehung und Moral etwa, oder eben die Zuwendung zu einem Menschen.

Wo es nicht passen will, wird es halt passend gemacht. Dann spielen Beziehung und Menschlichkeit eben keine Rolle mehr in der »Produktbeschreibung«. Hauptsache es gelingt, die Leistung zu vergeldlichen. Dies ist die Grundvoraussetzung für ihre Marktgängigkeit.

Der Begriff der »käuflichen Liebe« ist in diesem Zusammenhang trefflich. Er bringt das ganze Dilemma und die Widersprüchlichkeit sehr schön auf den Punkt. Klar ist irgendwie: Liebe kann man nicht kaufen. Liebe ist Zuneigung und Zuwendung. »Echte Liebe« braucht das liebende Gegenüber, braucht Gefühl und ist vor allem nicht mit Preisen zu versehen und für alle zu haben.

Statt Liebe gibt es also Sex. Gegen Entgelt. Es bleibt dem Kunden überlassen, ob er sich der Illusion der Liebe hingeben mag. Auf jeden Fall muss die käufliche Liebe bemessen und bepreist sein, muss sich gewöhnlich und vergleichbar machen - mit einer Kinokarte, Hackfleisch oder einem Friseurbesuch. Und dazu bieten sich nun einmal - auch in der käuflichen Liebe - »Zeiteinheiten« oder »modulare Verrichtungen« an.

Insofern ist es im Sozialen eigentlich nur ehrlich und redlich, wenn wir gleich von »Pflege« und von »Verrichtungen« sprechen und nicht etwa von »pflegerischer Zuwendung«, die angesichts des emotionalen Gehalts des Begriffs »Zuwendung« in der Tat nur sehr schwer zu bepreisen wäre.

Wer sich auf das Spiel von Angebot, Nachfrage und Preisen einlassen will oder muss - und sei es auch nur in Teilen oder mit Brüchen -, muss zuallererst sein Angebot in Geld übersetzen. Das ist der »Eintrittspreis«, den der Markt verlangt. Die Quantifizierung von Qualität ist Voraussetzung und Konsequenz der Ökonomisierung sozialer Arbeit zugleich.

Um zumindest so zu tun, als gelänge diese Quantifizierung, braucht es eine ganz gehörige Portion Verallgemeinerung, Abstraktion. Man muss das Besondere konsequent ausblenden und sich ausschließlich auf das Vergleichbare konzentrieren.

Um die notwendige Vergleichbarkeit zur Preisfindung zu ermöglichen, muss die Leistung zudem völlig unabhängig von spezifischen Kontexten beschrieben werden. Um beim Beispiel der Pflege zu bleiben: Um den Vorgang der »Hilfe bei der Nahrungsaufnahme« marktgängig zu machen und mit einem Preis versehen zu können, muss ich ihn sehr konsequent aus seinem tatsächlichen und konkreten Zusammenhang reißen und ihn in seiner Beschreibung auf das Einfachste reduzieren; etwa auf jemanden, der halt Nahrung braucht.

Dass dabei zwei Menschen eine Beziehung eingehen, die für den hungrigen, pflegebedürftigen Menschen vielleicht allemal wichtiger ist als diese eine Mahlzeit selbst, wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass die Annahme dieser Hilfe mit sehr unterschiedlichen Gefühlen und Reflexionen verbunden sein kann; oder aber dass der Besuch der Pflegerin oder des Pflegers vielleicht der einzige über viele Stunden ist.

Freude, Scham, Angst, Stolz, Eitelkeiten, Verbundenheit, Zuwendung, Verlässlichkeit, Geselligkeit, Mitmenschlichkeit - alles, was den Vorgang der Hilfe beim Essen sozialarbeiterisch, pflegerisch und vor allem menschlich ausmacht, alles was ihn zu etwas Besonderem macht, muss ebenso ausgeblendet werden wie die Tatsache, dass der Mensch, dem geholfen wird, eine ganz individuelle Biografie hat, eine ganz individuelle Geschichte.

All das zählt nicht - im wahrsten Sinne des Wortes - und ist daher geflissentlich auszublenden, soll die Leistung »Hilfe bei der Nahrungsaufnahme« messbar, in Geld berechenbar und marktgängig werden.

Nach fünfzehn oder zwanzig Minuten hat der Vorgang beendet zu sein - ganz egal, was sich alles bei dieser »Hilfe zur Nahrungsaufnahme« abspielt, ganz egal, was fachlich wirklich angezeigt wäre, ganz egal, wie es den Menschen geht.

Für den Marktpreis zählt allein die kontextlose, verallgemeinerte, abstrahierte und abrechnungstechnisch entmenschlichte »Hilfe zur Nahrungsaufnahme«.

Wie weit ist dies ethisch und fachlich noch zu legitimieren und zu verantworten? Diese Frage darf man sich nicht stellen, will man an Marktmechanismen orientiert bleiben.

Quantifizieren, Messbar-Machen, Vergleichen, in Entgelten ausdrücken, das ist die Kette, die die Sichtweise vorgibt.

Wir sind damit beim eigentlichen Problem der Ökonomisierung des Sozialen angekommen: die Vereinfachung des Komplexen, die Verallgemeinerung des Einzigartigen, die Banalisierung des Besonderen.

Und wir sind damit auch bei der alles entscheidenden Frage: Ist nämlich das, womit wir es in der sozialen Arbeit, in der Pflege und in der Erziehung zu tun haben, ökonomistischen Prinzipien überhaupt zugänglich, ohne Pfusch zu betreiben? Die Antwort ist ein klares Nein!

Soziale Arbeit ist immer Beziehungsarbeit, sie hat immer mit der Verhaltensänderung von Menschen zu tun. Und wenn es eine gute soziale Arbeit ist, dann strebt sie den Erhalt und den Gewinn von Kompetenzen an.

Jede pädagogische oder pflegerische Beziehung ist einzigartig (im ganz wertfreien Sinn), weil jeder Mensch mit seiner ganzen Geschichte einzigartig ist. Häufig können wir am Anfang einer (pädagogischen) Beziehung gar nicht genau sagen, »wohin die Reise gehen wird«.

Bereits mit der Beschreibung des Problems durch den Klienten beginnt soziale Arbeit. Das Bestimmen der Ziele und die Beschreibung des Weges dorthin sind häufig genug offene Prozesse. Geht es los, kann unterwegs viel passieren.

Die Überführung dieser Beziehung mit offenem Ausgang in ökonomistische Strukturen, die auf klare Leistungsbeschreibungen, Zielformulierungen und die Feststellung der Zielerreichung abzielen, hat für die Profis häufig genug die Folge, dass sie ihre Fachlichkeit mehr oder weniger hintanstellen müssen.

Stellen Sie sich ein sichtlich gestresstes Elternpaar vor, das mit seinem Zögling in eine pädagogische Beratungsstelle kommt und klagt: Der Sohn sei nur noch verstockt, in der Schule erfolge ein dramatischer Leistungsabfall, auch die Lehrer seien hilflos. Dazu ein Sohn, der klagt, dass er einfach keinen Bock mehr auf Schule habe und die Eltern ihn nicht verstehen wollten ...

Wie sollte da ein Kostenvoranschlag aussehen? Was ist überhaupt das Problem, das gelöst werden soll? Wer hat eigentlich welche Ziele? Was in einer solchen Situation tatsächlich ansteht, ist das Gewinnen einer vertrauensvollen Beziehung. Was gebraucht wird, ist viel Phantasie und ein sehr langer Atem.

Die Beziehung ist das A und O im Sozialen. Sei es in der Schuldnerberatungsstelle, in der Suchthilfe oder bei der familienpädagogischen Hilfe: In der Beziehung werden die Probleme, um die es gehen soll, erst einmal »ausgehandelt«, werden gemeinsam die Ziele definiert, ändern sich Einstellungen und Verhaltensweisen.

Eine Beziehung, das weiß und kennt jeder, ist immer dynamisch, immer im Fluss. Das ist beileibe nicht nur bei erzieherischen oder beratenden Tätigkeiten so. Auch für eine Pflege, die den Menschen als Menschen und den Pflegebedürftigen mit all seinen Potentialen ernst nimmt, gilt:

Wer qualifizierte Pflege betreiben will, wird häufig gar nicht sagen können, ob dieser Mensch ein, zwei oder drei Stunden Zuwendung am Tag benötigt. Er wird häufig gar nicht sagen können, welche Potentiale vielleicht noch unentdeckt sind, die man fördern kann und aus moralischen Gründen fördern muss (auch ganz ohne sozialen Mehrwert).

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch:

"Mehr Mensch. Gegen die Ökonomisierung des Sozialen" von Ulrich Schneider, Westendverlag, ISBN: 978-3-86489-079-6, Seitenzahl: 160, Broschur, 13,99 Euro

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