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26/08/2015 05:50 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 07:12 CEST

Witzig, geistreich, satirisch, schottisch & europäisch

Roberto Ricciuti via Getty Images

„Lanark" beim International Festival in Edinburgh uraufgeführt

EDINBURGH. Das Edinburgh International Festival funktioniert nach zwei Seiten. Es lädt internationale Spitzenensembles und -künstler ein, um sie schottischen Kunstfreunden vorzustellen, und das Festival präsentiert dem internationalen Publikum in Edinburgh schottische Künstler, um einen Vergleich zu ermöglichen.

Prunkvolle, große Schottenkaros

Ein Beitrag in diesem Jahr ist besonders schottisch. Alasdair Gray hatte und hat mit seinem ersten Roman „Lanark" einen Riesenerfolg. Gray stammt aus und lebt in Glasgow, er wurde kürzlich achtzig. Um ihn zu ehren, hat David Greig „Lanark" fürs Theater adaptiert. Auch Greig ist Schotte, der Dramatiker ist außerordentlich produktiv, seine Stücke werden in der ganzen Welt gespielt. Die Produktion hat das Citizen's Theatre übernommen, die Avantgardebühne in Glasgow. Die Uraufführung ging (am Sonntag) an einem der schönsten Spielorte Edinburghs über die Bretter, die die Welt bedeuten, im Royal Lyceum.

Durcheinander wie das Leben

Das Stück beginnt mit dem 2. Akt. Dieser Bruch mit den Konventionen des linearen Erzählens wird unmissverständlich durch ein Dias dem Publikum klargemacht. „Zweiter Akt" wird auf eine Hauswand projiziert, auf einem Balkon stehen im Regen der Protagonist, Lanark, und ein Mitbürger. Der möchte wissen, was Lanark will. Lanark, gespielt von Sandy Grierson, möchte Licht, das Licht der Sonne. Der Zeitgenosse versteht nicht, weder was „Licht" bedeuten soll, noch „Sonnenlicht".

Der Witz ist doppelbödig. Tatsächlich ist das Wetter in Glasgow, wo das Stück angesiedelt ist, oft trübe. Gleichzeitig ist aber das Licht der Sonne auch im übertragenen Sinne gemeint. Lanark wünscht sich ein erfülltes Leben und möchte wissen, wer er ist; er sucht nach seiner Identität.

Die Exposition ist kristallklar, das Stück geht der Frage nach, ob Lanark sich seine Wünsche erfüllen kann. In der Gesellschaft der Bohème von Glasgow jedenfalls nicht, sie ist eher hedonistisch als kreativ und Lanarks Freundin will nur eines: Raus! Ein Wunsch, dem sich Lanark anschließt. Er stürzt sich in das Maul eines Phänomens, das irgendwo im Surrealismus angesiedelt sein dürfte und landet als ein anderer in einer Krankenhauswelt, einem kafkaesken Innenwelt-Labyrinth.

Auf den zweiten Akt folgt der erste. Lanark durchleidet als Junge die Schule. Die Lehrer sind ebenso engherzig wie -stirnig. Bei der puritanisch-prüden und verlogenen Sexualerziehung lacht des Publikum häufig im Royal Lyceum - offenbar ist der Wiedererkennungseffekt groß. Die Erzählung erinnert hier ans Märchen vom „Häßlichen Entlein". Am Ende aber ist Lanark begeistert, der junge Mann weiß, was er will: Lanark möchte Künstler werden. Der Roman ist stark autobiographisch getönt.

Wissen Sie, worum es geht?

Der dritte Akt beginnt mit dem Schlussapplaus. Lanark und seine Frau sitzen in einer Loge und klatschen mit, dann streiten sie, worum es im Stück geht, um ihn, um Lanark, oder um seine Frau. Das ist aber noch keineswegs der Höhepunkt der Fabel-Dekonstruktionen. Am Ende wird nämlich Lanarks Frage: „Wer bin ich?" ganz real beantwortet: Er ist ein Geschöpf des Autors und wohnt in dessen Kopf. Lanark protestiert: Er will nicht sterben, wie es seinem Autor vorschwebt.

Die Szene, in der Lanark seinem Schöpfer gegenübertritt, ist ein Höhepunkt der Uraufführung. Bühnenbildnerin Laura Hopkins lässt aus dem Schnürboden eine überlebensgroße Brille herunterfahren, so dass wir, das Publikum, in die Position des Autors geraten und die Figur betrachten, die energisch ein Happy End fordert.

Hier wird die Meisterschaft des Romanautors, Alasdair Grey, des Dramatikers, der die Bühnenadaption schuf, David Greig, und des Regisseurs der Uraufführungsinszenierung, Graham Eatough, am deutlichsten. Alle ziehen an einem Strang, mit einfachen, nie simplen Mitteln wird die Übersichtlichkeit eines komplexen ästhetischen Problems geschaffen - besser als bei Pirandello, an den David Greig anknüpft.

De- und Rekonstruktion

Der spielerische Umgang mit schwierigen Problemen ist virtuos und erreicht seinen Höhepunkt, wenn nicht nur dekonstruiert, sondern heiter die Dekonstruktion in der Rekonstruktion wieder aufgehoben wird. Nach den wilden Sprüngen zwischen den Episoden wird die Ganzheitlichkeit des Narrativs wiederhergestellt, wenn der Held am Ende, ohne das Licht der Sonne erblickt zu haben, gescheitert, sterben muss. Lanark ist, aller Sprünge ungeachtet, eine Tragödie.

Gemeinsam sind sie stark

Sandy Grierson spielt Lanark überzeugend als tumben, um Ehrlichkeit bemühten Toren, das übrige, neunköpfige Ensemble meistert mit Lust die häufigen Rollenwechsel, die Spielfreude reißt mit. Das Bühnenbild ermöglicht die tollkühnsten Ortswechsel in Sekundenschnelle, die Musik kommentiert spöttisch und arbeitet die satirischen, aber auch erotischen Züge heraus - eine Uraufführung aus einem Guss und trotz der fast vier Stunden Dauer keine Minute zu lang.

„Lanark" hat europäisches Format, pures Theatergold. Respekt!

Ulrich Fischer

Internet: www.eif.co.uk

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