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26/09/2015 08:03 CEST | Aktualisiert 26/09/2016 07:12 CEST

Von der Salzach zum Firth of Forth

dpa

Die schönen Tage von Aranjuez sind jetzt vorüber - Bilanz des Festivalsommers

SALZBURG war einmal, als Jürgen Flimm noch Intendant war, ein Synonym für das beste Sommerfestivals Europa: weltoffen, zeitgenössisch, auf höchstem Niveau. Wie ist es möglich, dass das Festival heute im Vergleich mit Avignon, mit Edinburgh, mit der Ruhrtriennale, die rote Laterne trägt? Zumal der derzeitige Leiter ein Schüler Flimms ist?

An der Salzach

Hier soll nur vom Schauspiel die Rede sein - die Kritiken von Shakespeares "Komödie der Irrungen" und der "Dreigroschenoper" waren verheerend. Noch stärker als bei der "Komödie der Irrungen" fiel bei der "Dreigroschenoper" auf, dass zu viel Zucker, zu viel Sahne die Inszenierungen ungenießbar machten.

Aber es ist mehr gescheitert als nur das Schauspielprogramm 2015 an der Salzach, gescheitert ist das Konzept von Sven-Eric Bechtolf, der dieses Festspiele künstlerisch leitete. Es geht Bechtolf um die Erneuerung des Theaters.

Er hält die derzeit tonangebenden Theater-, vor allem die Regiekonzepte für heuchlerisch, er will Kritik durch ehrliche Freude ersetzen - ein affirmatives Theater, ästhetisch geprägt durch Fülle, durch Opulenz. - Es geht nicht.

Gerade bei der "Dreigroschenoper", die mit großem Aufwand extra für Salzburg musikalisch aufgemöbelt wurde, fehlte mit dem gekappten kritischen Ansatz der tiefere Grund ihres Seins. Salzburg hat einen traurigen Sommer hinter sich, mag das reiche und schöne Publikum die Inszenierungen auch noch so goldig und herzig finden.

Im Ruhrpott

Ganz anders das Konzept der Ruhrtriennale. Hier soll in alten Industriedenkmälern gespielt werden. Der neue Chef, Johan Simons, in München an den Kammerspielen erfolgreich, eröffnete mit "Accatone", einer Adaption von Pasolinis erstem Film für das Theater in einer außer Dienst gestellten Kohlenmischhalle in Dinslaken - und scheiterte.

Es lag nicht an der Industrieruine, die war beeindruckend mit ihrer Länge: 270 m. Es lag an der Fabel um einen Zuhälter, die begleitet wurde mit Bach-Kompositionen. Der Kriminelle sollte zum Erlöser, zu einer Jesus-ähnlichen Figur stilisiert werden. Es klappte nicht.

Ebenso wenig klappte eine andere ehrgeizige Produktion: Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nahm ein polnisches Team aus Warschau unter dem rätselhaften Titel "Die Franzosen" zum Ausgangspunkt für die Frage, wie Prousts Kritik an unserer Gegenwart wohl aussehen würde.

Die Inszenierung litt an Anfängerfehlern: die Gestalten wurden nicht eingeführt, es wurde zu viel gesprochen, was, da auf Polnisch gespielt wurde und das Deutsche auf Leinwände projiziert werden musste, die Aufmerksamkeit von der Bühne ablenkte. Der Zuschauer starrte die ganze Zeit auf den Text und hatte keine Zeit auf der Bühne nachzugucken, wer gerade sprach, geschweige denn, das Arrangement der Szene zu enträtseln.

Fünf Stunden - und was nun die Kritik an unserer Zeit war, blieb schwammig. Nur zwei von vielen Produktionen - aber das Fazit ist symptomatisch: mehr Ehrgeiz als Können.

An der Rhône hellem Strande

Meisterschaft hingegen in Avignon, das die Ruhrtriennale in den Schatten stellte. Der Intendant Olivier Py, der letztes Jahr anfing, ist Theatermann im umfassenden Sinn: Dramatiker, Theaterdirektor, Regisseur, Schauspieler - und er stellte ein starkes Programm zusammen.

Er inszenierte anfangs im Ehrenhof des Papstpalastes Shakespeare "Roi Lear" - und war fair, souverän genug, auch einen anderen Shakespeare einzuladen: "Richard III." aus Berlin , von der Schaubühne, Regie: Thomas Ostermeier.

Ostermeier stellte Py in den Schatten, Py war bei der Zusammenstellung seines Programms erfolgreicher als als Regisseur. Auch sein Stück "Der Freude entgegen", ein Monodram, das in Spanien uraufgeführt worden war, zeigte nicht seine Stärke - riesenlange Stücke, die neben der irdischen Sphäre auch Himmel und Hölle auf die Bühne zaubern. Aber für den zweiten Platz in dem imaginären und imaginierten Wettbewerb der europäischen Fünfsternesommerfestivals reichte es allemal.

Am Firth of Forth

Den Vogel schoss Edinburgh ab. Dort begann Fergus Linehan als neuer künstlersicher Leiter, ein Ire, der sich vor allem als Musiktheatermann einen Namen gemacht hat. Aber Linehan bewies gerade im Schauspiel eine glückliche Hand: Es begann mit Simon McBurneys "Encounter" - "Treffen" - , eine ästhetisch blendende und originelle Odyssee zu sich selbst; wurde fortgesetzt mit einem zweiten Monodram eines nicht minder bekannten Theatermannes: Robert Lepage.

Er nannte seine Geschichte "887" - das ist die Nummer des Hauses in Québec, in dem er aufwuchs.

Die diffuse Erinnerung führt zur konzisen Analyse - ihm wird klar, dass seine Kindheit, die ihm durchschnittlich glücklich schien, eine Kindheit und Jugend in einem Ghetto war. Lepage zeigt die Unterdrückung der französischsprachigen Minderheit in Kanada - und die Mittel, mit denen er anprangert, anklagt, aufs Notwendigste beschränkt, sind atemberaubend.

Dass Gegenteil von Salzburg: sparsam statt opulent, bitter statt süß. - Aber die Schotten präsentieren nicht nur internationale Produktionen der Extraklasse, sie zeigen auch, dass sie mithalten können. David Greig bearbeitete einen schottischen Roman für die Bühne, "Lanark", und zeigte mit dem Ensemble des Citizen's Theatres aus Glasgow, dass die Szene genauso geschmeidig sein kann wie der Roman.

Die Inszenierung weiß die aberwitzigsten Stilmittel zu gebrauchen, kann sie spielerisch zu einem bunten Strauß zusammenbinden, und die traurigste Bilanz eines Lebens mit Heiterkeit und Souveränität ziehen. Die Schotten stellten fest, dass es in Glasgow regnet - im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Sehnsucht nach Licht, nach der Sonne blieb unbefriedigt - und gerade deshalb bleibt sie.

Lorbeer für

...

Ein schöner Theatersommer geht zu Ende - den Schotten gebührt die Krone. Wenn man bedenkt, dass nicht nur das International Festival über die Bretter geht, sondern auch das Fringe, das Festival der freien Bühnen, die viel Neu-zu- Entdeckendes bieten zwischen Kammerspiel und Comedy, zwischen zirzensischer Akrobatik und four-letter-lastiger, obszöner Einflüsterung, die einem die Schamröte auf die Wangen treibt und den verlogenen, prüden Puritanismus attackiert, dann ist ganz klar, dass auch im nächsten Jahr die Reise an den Firth of Forth gehen sollte.

Ulrich Fischer

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