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08/12/2015 16:38 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Unser Ausnahmezustand

Karin Beier inszeniert das „Schiff der Träume" in Hamburg

HAMBURG. Karin Beier ist eine der profiliertesten Regisseurinnen auf deutschen Bühnen. Zur Zeit leitet sie das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg und genau da kam am Samstag ihre neueste Inszenierung heraus: Das "Schiff der Träume/Ein europäisches Requiem/Nach Federico Fellini".

So wie Beier auf Fellini, so greift Fellini auf eine alte Tradition zurück, am bekanntesten wurde Sebastian Brants "Narrenschiff" von 1494, das berühmteste Buch vor der Reformation, das den Narren, also allen, den Spiegel vorhielt. Es hat wenig genutzt, doch Karin Beier und ihr Ensemble haben nicht resigniert. Ihr "Schiff der Träume" ist über weite Strecken eine Satire.

Seebestattung

Im ersten Teil reist ein Orchester auf einem Luxusdampfer in die Ägäis, im Gepäck die Asche ihres verstorbenen Dirigenten. Er soll auf See bestattet werden. Eigentlich mochte ihn wohl keiner, er war ein Tyrann. Doch die Musiker reden lieber über Nichtigkeiten, als sich über die Nachfolge des Chefs zu verständigen. Außerdem üben sie,; sie sollen, so wollte es ihr Dirigent, seine Komposition „Human Rights Nr. 4" - Menschenrechte Nr. 4 - aufführen - wie zu erwarten, ein dissonantes Werk.

Wer eine Urne auf die Bühne bringt, muss die Asche verstreuen - und das passiert natürlich auch zur Gaudi des Publikums.

Dann unverhofft ein Handlungsumschwung: Der Luxusdampfer muss schiffbrüchige Afrikaner an Bord nehmen. Die erobern rasch die Bühne, in der Inszenierung das Oberdeck. Die Musiker verteidigen ihr Schiff nur matt, die Afrikaner sind vitaler und aggressiver. Im Spiel wird das vor allem in den Tänzen deutlich, unser Ballett ist nur ein müder Abklatsch von der Lebenslust der Afrikaner.

Karin Beier und ihr über 20köpfiges Ensemble haben eine Collage mit nur lose verfugten Szenen zusammengestellt, den Schauspielern bleibt viel Raum zu zeigen, was sie können. Josef Ostendorf spielt Cornelius von Ochs, er ist im Orchester für das Spezialschlagwerk zuständig. Ochs verkleidet sich als Primadonna und singt - mehr als nur passabel: Szenenapplaus für Ostendorf.

Die afrikanischen Spieler tanzen virtuos, fast artistisch. Auch Argumente werden ausgetauscht, sie kreisen um die Frage, ob die Reichen den Armen abgeben, ob wir Deutsche mit den Afrikanern teilen müssten.

Ganz am Anfang liest Lina Beckmann in der Rolle der „Servicekraft" Astrid Klein die Speisenfolge des prätentiösen Menus vor. Astrid Klein ist überfordert. „Hummercarpaccio" soll sie sagen, aber sie stolpert und stottert: Hummerca ... ca ... ca". Kaka! Schon hier wird das Thema wie in einer Ouvertüre angeschlagen: Lächerlicher Luxus auf der einen, lebensbedrohendes Elend auf der anderen Seite.

Teilen oder nicht teilen/Das ist hier die Frage

So sehr die Inszenierung Partei für die Armen ergreift, Karin Beier und ihr Team geben nicht vor zu wissen, was genau zu tun ist. Am Ende müssen zwar die Afrikaner auf ein anderes Schiff und den Luxusdampfer wieder den Musikern überlassen - aber an sich ist nichts wirklich geklärt.

Das Schiff der Träume" ist mehr eine Materialsammlung als ein Stück, es spiegelt die Ratlosigkeit unseres komplexen geschichtlichen Moments. Wäre die Aufführung entschiedener gewesen, hätte sie wohl mehr zur eigenen Stellungnahme herausgefordert. Dieser Dampfer hat Züge eines Geisterschiffs, es bleibt in der Schwebe.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 12. und 22. Dez., 6., 10. und 24. Jan. - Spieldauer: 3 Std. 20 Min.

Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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