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22/11/2015 04:16 CET | Aktualisiert 22/11/2016 06:12 CET

Theaterrezension: "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk"

Ulrich Fischer

"Kauza Schwejk/Der Fall Švejk" für das Theater bearbeitet

BREMEN. "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" sind ein Jahrhundertroman, Jaroslav Hašek hat mit seiner scharfen Satire den Beitrag Tschechiens für die Weltliteratur im 20. Jahrhundert geschaffen.

Der Roman ist mehrfach verfilmt worden, jetzt hat ihn Dušan David Pařízek fürs Theater bearbeitet und inszeniert - eine Produktion des Bremer Theaters, des Studio Hrdinů Prag und der Wiener Festwochen. In Bremen wurde im Großen Haus gespielt.

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Pařízek verzichtet auf Schwejk, der brave Soldat tritt nicht auf, Schwejk schweigt; allerdings ist von ihm die Rede. Er ist wegen Fahnenflucht angeklagt, ihm droht die Todesstrafe.

An der russischen Grenze hat er einen Feind beim Baden überrascht, der Kamerad ist geflohen, splitterfasernackt, und Schwejk hat aus Neugier die Uniform des zaristischen Soldaten angezogen. So wurde er erwischt, verhaftet und angeklagt.

Das Urteil steht fest

Für General Fink, den ranghöchsten der drei Militärrichter, steht das Urteil fest, bevor er den Fall und den Angeklagten kennt, Schweijk soll hängen. Der General hat überhaupt eine Vorliebe für das Aufhängen von Zeitgenossen und lässt Einwände vom Kadetten Biegler, dem zweiten Richter, nicht gelten, wischt auch weg, was Oberleutnant Lukášová an Einwänden geltend macht.

Er missbraucht seinen Rang bedenkenlos, ist offensichtlich ein Sadist, bösartig, Gottseidank aber ein Trinker und Spieler. Da er ständig verliert, muss er schließlich Schwejk als Pfand setzen. Und verliert wieder. Schwejk kann also weiter für Kaiser und Vaterland tapfer kämpfen.

Der General ist ein Sack voller Vorurteile, über Untergebene, über Frauen, über Zivilisten, vor allem aber über alle nichtdeutschen Nationen. Was er über Tschechen sagt, lässt sich hier nicht wiedergeben.

Kadett Biegler ist ein Opportunist der Königsklasse und die übrigen Figuren runden das Bild von einem Europa ab, in dem einer den anderen verachtet, Vorurteile pflegt und nur auf einen Vorwand lauert, ihm an den Hals zu fahren.

Der Roman ist besser

Die Bearbeitung Pařízeks ist weniger unterhaltsam als Hašeks Roman - wenn Schwejk (im Roman) auftritt muss der Leser immer wieder über den Schelm lachen, wie er sich souverän in allen Situationen behauptet und einen Ausweg findet.

Wenn dies fehlt (in der Bühnenfassung), wird konzentrierter, unabgelenkt von den Lazzi, deutlicher, mit welch satirischer Kraft Hašek die Gesellschaft im kuk Österreich gezeichnet und ihre Schwächen durchdrungen hat.

Das schlimmste ist, dass sich an den gegenseitigen Abneigungen offenbar in den letzten hundert Jahren wenig geändert hat, wie das Hickhack um die Flüchtlinge zur Zeit unter Beweis stellt.

Stück der Stunde

Diese "Kauza Schwejk" erweist sich als Stück der Stunde - und als wunderbares Schauspielerfutter. Martin Baum brilliert als General Fink, er beherrscht das Crescendo makellos, das im Fortefortissimo mündet, denn je weniger Kraft die Argumente haben, desto lauter muss (um das zu verbergen) die Stimme schallen (alte Generalsweisheit).

Und Peter Fasching hat seinen großen Auftritt, wenn der den Traum des Kadetten Biegler vorträgt, der, im Rang mühelos immer höher steigend, an der Himmelspforte vorbei in seinem Superauto ins kuk Militär-Paradies fährt.

Kurz vor Schluss laden die Schauspieler das Publikum auf die Bühne, es gibt Kartoffelgulasch und Pilsner Urquell. So erstklassig wie dieses tschechische Spitzenbier ist Schwejk schon lange.

Er hat, 1921 bis 23 entstanden, nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Ulrich Fischer

Aufführung 15. 12. - Spieldauer: 2 Std. 15 Min.

Kartentel.: 0421 3653 333 oder im Internet

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