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14/09/2015 05:57 CEST | Aktualisiert 14/09/2016 07:12 CEST

"Rheingold" bei der Ruhrtriennale in Bochums Jahrhunderthalle

dpa

Sozialistischer Realismus

BOCHUM. Wagners "Ring" ist vieldeutig. Johan Simons schließt sich bei seiner Neuinszenierung vom "Rheingold" der von George Bernard Shaw begründeten marxistischen, gesellschaftskritischen Interpretationsschule an. Simons, zur Zeit Intendant der Ruhrtriennale, deutet Wagner geistreich und witzig, vor allem aber engagiert, weil er im "Rheingold" mehr als nur Spuren der Geschichte vom Ruhrpott sucht - und findet.

Oben und unten

Simons inszeniert souverän holzschnittartig. Unten fließt der Rhein, Ort für die einfachen Geister, die Bergleuten ähneln (Bühnenbild: Bettina Pommer); oben wohnen die Götter, sie tragen Frack oder Abendkleid (Kostüme: Teresa Vergho). In der Mitte, und der Gedanke bewährt sich, sitzen die Musiker, das Orchester MusicAeterna, ein russisches Ensemble aus Perm.

Ihr Leiter, Teodor Currentzis, ist ein geradezu unheimlich koboldhaft-beweglicher Dirigent; er schwingt mit dem ganzen, geschmeidigen, jungenhaften Körper, ja er tanzt, springt in die Luft, macht die Partitur sichtbar. Das Orchester geht mit, bei Fortissimi erheben sich die Musiker, damit sie sich besser ins Zeug legen können - mitreißend.

Das Ensemble singt makellos - aber die Artikulation lässt zu wünschen übrig. Klugerweise wird der Text auf Leinwände projiziert, so dass man die Dialoge lesen kann. Das ändert natürlich nichts an Wagners verquaster, schwer verständlicher Sprache.

Spielen kann keiner der Sänger, das alte Lied: sie brauchen zu viel Kraft für den Gesang, da bleibt nur das abgebrauchte Bewegungsvokabular. Macht nichts, sagt sich Regisseur Simons - ihm geht es nicht darum, dass die Figuren lebensecht scheinen - er lässt episch spielen wie in Brechts Theater, die Sänger deuten an, den Rest kann sich jeder selber denken.

Wichtig ist der Gegensatz von Göttern und minderen Geistern - er wird hier als Klassengegensatz gedeutet, ganz einfach - nie simpel. Kapital und Arbeit, ein noch längst nicht abgeschlossenes Kapitel im Ruhrgebiet, einst des Reiches Waffenschmiede.

Flammender Appell

Also eine gute, durchschnittliche Inszenierung - wenn es nicht eine Unterbrechung gegeben hätte, besser: einen Unterbruch.

In der Szene in der unterirdischen Kluft, ziemlich in der Mitte, tritt eine Figur auf, die Wagner fürs Rheingold gar nicht vorgesehen hat, ein Diener. Hier wird der servile Mann zum Revolutionär (zündendzündelnd, excellent: Stefan Hunstein) - die Collage, die er ins Publikum brüllt, hat es in sich.

Eines der wichtigsten Elemente ist ein Originaltext von Richard Wagner selbst. In seiner Kampfschrift „Die Revolution" notierte der Komponist: „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme theilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche.

Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sclaven von Wenigen, und diese Wenigen zu Sclaven ihrer eigenen Macht, ihres eigenen Reichthumes macht." - „Bezahlt wird nicht", heißt es in der Collage später, eine Anspielung auf eine revolutionäre Farce von Nobelpreisträger Dario Fo - und so weiter.

Wagner wünschte sich, dass am Ende seiner Oper die Leute Feuer legten, dass sein Theater der zündende Funke zur Umwälzung wäre - und das unterstützt Johan Simons, gerade mit diesem Riesenextempore, das musikalisch noch verstärkt wurde von Musikern, die mit Hämmern auf Ambosse hieben. Fafner stand vorn, mit Riesenhämmern und einem gigantischen Amboss - das war sozialistischer Realismus pur. Wenn unser starker Arm es will ...

Wie würde das Publikum reagieren? Protest gegen diese Art Provokation, Ablehnung dieses revolutionären Theaters à la Wagner und Simons? - Keineswegs. Standing Ovations, Jubel. Aber dann eilten alle zur Garderobe, holten sich ihre Schirme ab und gingen brav nach Haus, schlafen. Der revolutionäre Funken zündete nicht. Es regnete in Bochum.

Die Dynamik des „Rheingolds" ist wohl nur selten wenn überhaupt je so rein entbunden, ja entfesselt worden. Wenn Simons im Ruhrgebiet fertig ist, kann er in Bayreuth weitermachen.

Ulrich Fischer

Auff. in Bochum, Jahrhunderthalle, am 16., 18., 20., 22. und 24. Sept.

Internet: www.ruhrtriennale.de

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