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01/06/2015 10:22 CEST | Aktualisiert 01/06/2016 07:12 CEST

Regiedespot auf frischer Tat ertappt

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Die Opfer: "Münchhausen" und sein Autor Armin Petras

MARL. "Münchhausen" ist ein echter Bühnenpanther. Wie ein liebes Miezekätzchen nähert sich das neue Stück von Armin Petras auf lautlosen Pfoten; kein Aufwand, fast leere Bühne. Nur ein Schauspieler (Milan Peschel, souverän) wartet auf einen Kollegen, der sich verspätet, bevor die Probe beginnen kann. Er wirft dem Publikum Satzfetzen zu - über sein Leben als Schauspieler.

Er berichtet von der prekären Lage vieler Kollegen. Es gibt viele Projekte, aber kaum Gage.

Das erweist sich bald als mehr als übliche Nabelschau des Bühnenleiter. Denn natürlich müssen sich viele junge Leute (nicht nur im Theater) von Job zu Job, von Praktikum zu Praktikum hangeln und, um nicht zu verzweifeln, einander (und sich selbst) vorspiegeln, dass sie kurz vor dem entscheidenden Durchbruch ständen.

Je länger das Stück dauert, desto dichter wird es, weil es mit Welthaltigkeit und damit Bedeutsamkeit überzeugt.

Der Schauspieler beschreibt seinen Alltag, die Proben, die Vorstellungen, er wirkt haarsträubend oberflächlich, obwohl sich die Zuschauer schon vorstellen können, was er hinter den hingeworfenen Begriffen und Worthülsen verbirgt.

Das Verhältnis zum Regisseur beispielsweise: Schlechte Regisseure, die, selbst furchtsam am Text klebend, ihre Angst bei der Probe brüllend auf die Schauspieler übertragen.

Schließlich kommen neue Stücke unters Mikroskop. Viel Humor, Ironie, ja Sarkasmus, aber bei näherem Hinschauen haben die jungen zeitgenössischen Dramatiker keine Substanz, meint der Schauspieler.

Alle Überlegenheit ist nur angemaßt, die kritische Sezierung der Gegenwart wird nie begleitet von diskussionswürdigen Alternativvorschlägen. (Hier kritisiert sich Petras selbst, er ist Regisseur, Dramatiker, Theaterleiter.)

Ein Despot am Regiepult

Aber solche erhellenden Stellen sind in Jan Bosses Uraufführungsinszenierung ausgedünnt; im Theater Marl hat er für gestrichene Passagen Texte von Nietzsche, Tschechow und anderen eingefügt und die clowneske Seite des Stücks, absurde Facetten, die an Samuel Beckett erinnern, betont, ja überbetont.

Milan Peschel ist ein großartiger Hauptdarsteller, aber im Regiekorsett von Jan Bosse spielt er zu holzschnittartig, Ernst, Bitterkeit und Anklage des Stücks überdeckt derber Schwank - der nicht immer so komisch wirkt, wie der Regisseur es wohl möchte.

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Nach neunzig Minuten, kurz vor Schluss, tritt ein Kollege im Kostüm Münchhausens, des Lügenbarons, auf. Er soll wohl verkörpern, was das (scheinbar) so leicht hingeworfene Stück im Kern ausmacht: Das Spannungsverhältnis von großartigen, befreienden Möglichkeiten im Leben und der niederdrückenden, vom Wurschteln durchherrschten Realität.

In Jan Bosses Uraufführungsinszenierung spielt der Münchhausen-Darsteller nur eine Variation seines Kollegen - im Vergleich mit der Stückvorlage eine plumpe Lösung.

Für ein Linsengericht

Petras hat ein theater- und auch selbstkritisches Stück geschrieben, das ein Grundproblem der Menschheit zeigt - mit geringsten Mitteln: Das kleine Theater in Marl hätte sich in die Bretter, die die Welt bedeuten, verwandeln können. Jan Bosse zog es vor, eine Klamotte zu inszenierten und für ein paar Lacher die Seele des Stücks preiszugeben.

Im erschreckend schwach besetzten Marler Theater applaudierte das Uraufführungspublikum am Samstagabend lang - der Regisseur dürfte von der respektablen, disziplinierten Leistung seines Protagonisten profitiert haben.

Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - Internet: www.ruhrfestspiele.de

"Münchhausen" ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater Berlin und wird dort am 17. Sept. übernommen. - Die Ruhrfestspiele dauern bis zum 14. Juni 2015


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