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21/03/2016 11:50 CET | Aktualisiert 22/03/2017 06:12 CET

Pygmalion 2016

Walter Schiesswohl / LOOK-foto via Getty Images

„nach Shaw" im Hamburger Thalia

HAMBURG. Shaw (1856 - 1950) leuchtet als heller Stern am Dramatikerhimmel des 20.Jahrhunderts. Seine Stücke werden in der englischsprechenden Welt häufig gespielt - bei uns leider nicht. Darum war die Freude groß, als das Hamburger Thalia „Pygmalion" ankündigte, offenbar eine Bearbeitung, denn im Untertitel hieß es: „nach George Bernard Shaw"; Regie führte des estnische Duo Tiit Ojasoo & Ene-Liis Semper.

Die Erwartungen sanken bei der Lektüre des Besetzungszettels: Prof. Higgins wurde von einer Frau, von Oda Thormeyer, gespielt, Eliza von Kristof Van Boven, einem Mann. Dieser Geschlechtersprung erwies sich weder als komisch noch als erkenntnisfördernd, und es war gut, wenn man das Stück kannte - die Rudimente, die die Regisseure in ihrer Inszenierung auf der Bühne übrig ließen, wären sonst nur schwer zu verstehen. Eliza, ein armes Blumenmädchen, möchte gern einen eigenen Laden aufmachen. Sie spricht einen schauderhaften Akzent (Cockney, sie ist Londonerin der unteren Klasse), möchte den loswerden um aufzusteigen, und bittet deshalb Prof. Higgins um Sprachunterricht. Der ist erfolgreich - berühmt ist Higgins Triumphlied „Jetzt hat sie's! Ja jetzt hat sie's!" aus „My Fair Lady", dem viel gespielten, auf Shaws „Romanze" beruhenden Musical. Eliza kann jetzt nämlich in makellosem Queensenglisch den idiotischen Satz „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen" sagen oder singen.

Im Thalia wird in stark abstrahierten Kostümen unserer Zeit eine Gesellschaft gezeigt, die stumpfsinnig die Wände hochrennt, Kaffee- oder Teetassen balanciert und Champagner schlürft. Die Bilder erinnern an Herbert Fritsch, nichts ist wirklich originell, neu - und die Witze der blöden, selbstverliebten Gesellschaft zünden nicht.

Ebenso wenig wie Auftritte Kristof Van Bovens, der sich entsagungsreich mehrmals entkleidet. Die Reaktion des Publikums ist eher befremdet als belustigt - Gelächter hat Seltenheitswert.

Was soll das?

Die Aufführung ist langweilig und lässt so Zeit zum Nachdenken. Was könnte gemeint sein? Vielleicht sollen wir, das Publikum, angegriffen werden, weil wir von den vielen Flüchtlingen, die bei uns Zuflucht suchen, erwarten, dass sie sich integrieren. Das ist eine Zumutung (so die Inszenierung), sie müssen zu viel von sich preisgeben. Im Programmheft wird Eliza zitiert: „Sie selbst erzählten mir mal, dass ein Kind, in ein fremdes Land gebracht, in wenigen Wochen die Sprache dort lernt und die eigene vergisst. Nun, ich bin solch ein Kind in unserem Land. Ich habe meine eigene Sprache vergessen und kann nur noch eure sprechen."

Shaws „Pygmalion" besticht durch seine witzigen Dialoge - davon bleibt in Hamburg nur ein fader Abklatsch, durch die Striche fehlen wesentliche Zusammenhänge. Die Unterhaltsamkeit tendiert gegen Null und den ernsten Gehalt muss der Zuschauer mühsam aufspüren. Die Mahnung, niemanden seiner Identität zu berauben, hätte leichter, sichtbarer transportiert werden können, wenn das Stück unverletzt gespielt worden wäre, der Esprit und der Unterhaltungswert wären erhalten geblieben. Wie kann ein Regisseur sich so überschätzen und meinen, er/sie wisse es besser als Shaw? Tiit Ojasoo & Ene-Liis Semper sind von Shaws Format weit entfernt. Ein Regisseur sollte uns packen - oder sich!

Die Enttäuschung über diese Inszenierung ist groß. Die Buhrufe beim Schlussbeifall waren nicht zu überhören. So vertreibt das Theater seine Freunde. Als ich in der Garage meinen Wagen abholen wollte, sagte eine Dame ihrem Mann ärgerlich: „Wir wären besser zu Hause geblieben und hätten fern gesehen."

Genau!

Ulrich Fischer

Aufführungen am 26. und 31. März; 9. und 10. April - Spieldauer: 1 Std. 40 Min.

Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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