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12/08/2015 11:25 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 07:12 CEST

Produktive Einbildungskraft: Auftakt des Edinburgh International Festivals

Roberto Ricciuti via Getty Images

Auftakt des Edinburgh International Festivals gelungen

EDINBURGH gilt Vielen nicht nur als die schönste Stadt der britischen Inseln, sie ist auch Kulturhauptstadt im Sommer, während des Edinburgh International Festivals (eif) - ein Fünfsternefestival, vergleichbar mit Salzburg und Avignon.

In diesem Jahr hat das eif einen neuen künstlerischen Leiter bekommen, Fergus Linehan, einen Iren. Man merkt seinem Programm an, dass er dem Musiktheater nahe steht - er war jahrelang an der Oper in Sydney -, das Schauspiel sitzt am Katzentisch. Aber zum Auftakt gab es gerade in dieser Sparte eine herausragende Uraufführung, „The Encounter" - die Begegnung, das Treffen - von Complicite, wie Simon McBurney inzwischen seine Truppe nennt, früher das Théâtre de Complicité.

Schauspiel im Hörspielstudio im Konferenzzentrum am Firth of Forth

Gespielt wird nicht in einem Theater, sondern in Edinburghs internationalem Konferenzzentrum. Bühnenbildner Michael Levine hat den Saal in ein riesiges Hörspielstudio verwandelt. Die Rückwand bestückt er mit jenen Schaumstoffnoppen, die eine große Stille gewährleisten, vorn nur ein paar Mikrophone und Lautsprecher, Tisch und Stuhl und ein Kunstkopfmikrophon. Das Geräusch der Zuschauer ist, bevor das Licht verlischt, so laut, dass kaum die Stimme einer jungen Frau aus dem Lautsprecher durchdringt: Sie bittet die Zuschauer, die Kopfhörer, die auf jedem Sessel liegen, auszuprobieren. Hört man etwas? Sind lechts und rinks richtig eingestellt?

Dann tritt Simon McBurney auf. Er fängt, wie so oft bei seinen Stücken, im Hier und Jetzt an, reisst ein paar Witze über das International Festival, die ungewöhnliche, karge Spielstätte, und bittet schon bald die Zuschauer, die Hörer aufzusetzen.

Jetzt verlässt er den (ersten von zwei) Rahmen und beginnt die zentrale Geschichte. McBurney hat sich von einem Roman eines rumänischen Autors (Amazon Beaming von Petru Popescu) inspirieren lassen, es geht um einen amerikanischen Fotografen. Er lässt sich zwischen Peru und Brasilien von einem Flugzeug mitten im Urwald absetzen, um Bilder von einem Indianerstamm für eine Zeitschrift zu schießen - und wird in die grellsten Abenteuer verwickelt.

McBurney lässt sich von seiner Fabulierlust davontragen und frönt seiner Neigung zum Philosophieren. „Wer sind wir?", ist eine Leitfrage; in Fieberträumen nimmt er die Gestalt seines Gegners an, eines südamerikanischen Indianerhäuptlings, verlässt seine Identität. - Was ist Zeit? Die Annahme, es gebe eine nichtlineare Zeit, die der Häuptling vertritt, erscheint in McBurneys Darstellung unserer Alltagsauffassung weit überlegen.

Denkste!

Die Überfrachtungen mit Bedeutsamkeit werden mehr als ausgeglichen durch Brüche. Immer wieder öffnet sich die Tür, und die kleine Tochter des Schriftstellers kommt herein. Sie kann nicht schlafen und will Zuwendung vom Papa, der an seiner Geschichte schreibt. Das ist heiter - und verblüffend. Denn der Zuschauer sieht ja keine Dichterklause, kein kleines Mädchen, er hört es nur, im Kopfhörer. Und dachte, McBurney spiele den Fotografen. Es ist aber komplizierter. Er spielt einen Autor, der sich möglichst lebhaft in diesen Fotografen hineindenkt (und sich mit ihm idealerweise identifiziert).

Wenn der Zuschauer seinen Kopfhörer abnimmt, schaut er auf ein karges Bild: Ein Mann, McBurney, inmitten seiner Apparate. Die Geräusche auf der Bühne sind nicht ein Tausendstel von dem, was die Kopfhörer den Sinnen vorgaukeln. Das macht die Stärke des Abends aus: Er ist eben nicht nur ein Hörspiel. Die Fiktion von den Abenteuern im Urwald wird kontrastiert mit der prosaischen Realität, den technischen Mitteln, die diese Illusion erzeugen. Dieser Kontrast ist erkenntnisfördernd. Wir Zuschauer erleben, wie leicht wir auf den Schwingen der Phantasie in ferne Zonen und abgelebte Zeiten reisen können - wir erfahren etwas über produktive Einbildungskraft, über unsere eigene Stärke, die, wenn sie nicht bewusst gemacht und kontrolliert wird, leicht ausgenutzt und zur Schwäche werden kann.

DramatikerRegisseurSchauspieler

McBurney spielt virtuos, schlüpft ganz ohne Anstrengung von der Rolle des Fotografen in die des Erzählers und des liebevollen Vaters, und wird von einem technischen Corps unterstützt und begleitet, dass sich nicht den kleinsten Patzer erlaubt. Stärker noch als die großartige Musik, unter anderem Arvo Pärts Symphonie Nr. 4, sind der Ton von Gareth Fry und das Licht von Paul Anderson.

„Encounter" ist eine Hymne auf Toningenieure, das Radio darf ein bisschen stolz sein, welch hohen Wert ein Künstler vom Rang McBurneys dem Ton beimisst. Der Abend ist über alle Erwartung gelungen und gehört zu den besten des Théâtre de Complicité. Es geht auf Tournee und soll auch in Deutschland zu sehen sein, an der Berliner Schaubühne. „The Encounter" ist eine Begegnung mit avancierter Kunst, die sich lohnt.

Ulrich Fischer

Das eif dauert noch bis zum 31. August. Internet: www.eif.co.uk

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