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28/02/2016 13:56 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

Pech im Theaterhimmel

Rainer Mirau / LOOK-foto via Getty Images

Sarah Kanes „Cleansed" in Londons National Theatre

LONDON. Sarah Kane gelang gleich mit ihrem ersten Stück "Zerbombt" der Durchbruch. Die britische Dramatikerin, 1971 in Essex geboren, gewann rasch international an Anerkennung. Sie litt an Depressionen und nahm sich 1999 das Leben.

Sarah Kane hat fünf Theaterstücke hinterlassen, sie sind auf Deutsch in einem Band erschienen. Ihr Freund und Kollege, der schottische Dramatiker David Greig, schrieb in seinem Vorwort: "Jedes Stück war ein weiterer Schritt auf einer künstlerischen Reise, die sich in die finstersten und unversöhnlichsten Seelenbereiche vorwagte: Bereiche der Verletzung, der Einsamkeit, der Macht, des psychischen Zusammenbruchs und, durchgängig am konsequentesten, der Liebe."

Ihr vorletztes Stück "Gesäubert" wurde im Dezember 1998 in Hamburg zum ersten Mal auf Deutsch gespielt, Regie führte niemand geringeres als Peter Zadek. "Cleansed" war wenige Monate früher in London uraufgeführt worden, im Royal Court, der Bühne für die Avantgarde. Gestern kam eine Neuinszenierung heraus, ebenfalls in London, diesmal aber im Royal National Theatre. Regie führte Katie Mitchell.

Theaterhauptstadt

Die meisten Stücke von Sarah Kane wurden in London uraufgeführt, "Gier" kam allerdings in Edinburgh heraus. Es ist typisch für die Rezeption ihres bahnbrechend neuen Theaters, dass "Gier" nicht im International gespielt wurde, dem Festival der Arrivierten, sondern im Fringe, dem bescheidenen Treffen der Freien Gruppen, die gern mal Feuerchen unter dem bequemen Sessel wohl dotierter Theater anzünden.

Sarah Kane war der Überzeugung, dass die großen Bühnen am Verblendungszusammenhang mitwebten, gegen den sie anschrieb und Theater machte. So dauerte es lange, bis sie, ihrem überragenden Talent angemessen, endlich am National Theatre gespielt wurde. Die Premiere von "Cleansed" im Dorfman Theatre, der Werkstattbühne des National, ist die erste Inszenierung eines Stückes von Sarah Kane an diesem Theater, das als Flaggschiff der britischen Bühnen, ja der englischsprachigen Theater überhaupt gilt.

Viele Kritiker versuchten anfangs, Sarah Kane als Skandalautorin abzutun. Mit der Entscheidung, "Gesäubert" im National Theatre zu spielen, wird gegen dieses Urteil einmal mehr der hohe Rang Sarah Kanes behauptet.

Vorsicht!

Das National Theatre warnt seine Besucher: "Dieses Stück enthält anstößige Worte und Bilder" - gemeint ist Sarah Kanes "Cleansed" - auf Deutsch: "Gesäubert". Tatsächlich schockiert das Schauspiel schon in der ersten Szene. Graham will sich den goldenen Schuss setzen - und Tinker hilft ihm dabei. Die letzte Spritze setzt Tinker Graham in den Augenwinkel. Graham stirbt, ersteht aber im Lauf des Stücks wieder auf, zumindest in der Vorstellung seiner Schwester Grace.

Mit ihr beginnt Graham ein inzestuöses Verhältnis und die beiden verwandeln sich wechselseitig ineinander: dazu ist eine Geschlechtsumwandlung nötig, die Tinker vornimmt - aber Tinker ist kein Arzt. Seine "Operation" ist ein blutiges Geschnipsel, eine schreckliche Kastration, weit entfernt davon, die Hoffnung der Geschwister auf Erlösung zu erfüllen.

Sarah Kane spannt in zwanzig Szenen mit acht Figuren Handlungsfelder zwischen Liebe und Grausamkeit, die Atrozitäten spielen immer wieder auf Shakespeare an, sei es eine Pfählung wie bei "Edward II.", sei es eine Blendung wie in "König Lear".

Die Bilderfolge endet mit einem Monolog, der ins Lyrische ausgreift und weitgehend hermetisch bleibt.

Nochmal:Vorsicht!!

"Gesäubert" ist ein Stück, vor dem viele Theater zurückschrecken, mit gutem Grund. Sarah Kane fordert vom Regisseur Unmögliches. Er soll zeigen, wie Ratten die abgeschlagenen Füße eines Gemarterten von der Bühne zerren oder aus dem Bühnenboden Blumen sprießen. Katie Mitchell hat sich der Herausforderung gestellt, aber nicht immer überzeugende Lösungen gefunden.

Die Folterszenen wirken eher unbeholfen als grauenerregend und die sexuellen Begegnungen erscheinen häufig puritanisch gehemmt, obwohl das Ensemble engagiert spielt. Am besten ist das Bühnenbild von Alex Eales gelungen: ein elender Hinterhof, die Farbe an den Hauswänden abgeplatzt, die Kacheln auf dem Boden zersprungen; hierhin fällt kein Sonnenlicht, drei kümmerliche Birken sind verdorrt - eine Seelenlandschaft. Diese Außenwelt beschreibt die Innenwelt. Die der Figuren und unsere.

Leider hochaktuell

Auch wenn der Inszenierung häufig szenische Kühnheit fehlt, so ist doch der Kern von „Cleansed" bewahrt. Katie Mitchell präpariert das Rätselhafte der Handlung heraus. Alle sehnen sich nach Zuwendung, nach Liebe; wie kommt es, dass dennoch Gewalt und Grausamkeit die Oberhand gewinnen und behalten? Sarah Kanes Frage ist heute angesichts der Kriege in Nahost und Afrika noch drängender, als als 1998, zur Zeit der Uraufführung. Ulrich Fischer

Aufführungen bis 5. Mai. Spieldauer: 1 Std. 40 Min.

Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk

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