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20/09/2015 08:21 CEST | Aktualisiert 20/09/2016 07:12 CEST

Neue Stücke

dpa

Tanztheater Wuppertal zeigt neue Uraufführung

WUPPERTAL. Das Tanztheater Wuppertal hat sich nach dem Tod seiner Choreographin Pina Bausch (2009), Zeit, zu viel Zeit gelassen, bis es mit einer neuen Produktion herauskam.

Am Freitagabend war es endlich so weit: Vier Choreographen waren beauftragt, drei Choreographien in der Wuppertaler Oper für einen Abend zu schaffen - kurze Probenzeit, begrenzte Budgets und jeweils nur etwa zehn TänzerInnen - die Compagnie hat insgesamt 35 Mitglieder.

Leitstern

Los ging es mit Theo Clinkard aus Großbritannien, er nannte seine Kreation „somewhat still when seen from above". Das Rätselhafte des Titels löste sich bald auf. Zunächst traten zwei Bühnenarbeiter mit einer riesigen Stehleiter auf.

Einer fixierte sie, der andere kletterte mit einer Nebelmaschine hoch und ließ eine mittelgroße Wolke entstehen. Man konnte raten, wer aus dem Himmel über der Wolke („from above") wohl aufs Opernhaus herabschaute - dies war eine Femmeage an Pina.

Bei der akustischen Kulisse stach ein Band mit Maschinengeräuschen heraus - wer genau zuhörte, konnte die Wuppertaler Schwebebahn hören.

Schweben auf der einen Seite, auf der anderen verbunden sein mit der Welt, mit der ganz konkreten, mit Wuppertal - das war und ist eine Spezialität des Wuppertaler Tanztheaters.

Hier wiesen viele Bewegungen nach oben, ob es nun die Arme waren, die die Tänzer reckten, oder die Gesichter, die nach oben blickten. Vom Staub zu den Sternen.

Theo Clinkard hatte, wie alle seine Choreographen-Kollegen, die TänzerInnen gebeten, ihm Vorschläge für das Bewegungsmaterial zu machen - eine Methode Pina Bauschs - und er hat dann ausgewählt & zusammengefügt.

Es ist gelungen - Clinkard und sein neunköpfiges Ensemble haben genau die Situation, in der sie sich befinden, tänzerisch gespiegelt: Dank und Erinnerung an das große Vorbild, an Pina Bausch, Lernen von ihren Methoden - und sie weiterführen.

Die Idee mit der Wolke, die die Bühnenarbeiter entstehen ließen, war heiter. Humor spielte eine tragende Rolle; ein geglückter Auftakt.

Süß & seicht

Er sollte nicht überflügelt werden. „The Lighters Dancehall Polyphony" von Cecilia Bengolea und François Chaignaud war zu süßlich, zu seicht - Pina Bausch war herb, realistisch; das passte schlecht.

Der Hauptgedanke des Choreographenpaares war, die TänzerInnen singen zu lassen. Die Lieder überforderten die TänzerInnen, es ist unmöglich, gleichzeitig zu singen und zu tanzen, das macht der Atem nicht mit.

Dieser Mittelteil wirkte verfehlt, obwohl Ditta Miranda Jasjfi auftrat, eine koboldhaft-kleine unglaublich bewegliche wunderbare Tänzerin aus Südostasien und Andrey Berezin, ein erfahrener Tänzer, eine Säule des Ensembles.

Scherben bringen nicht unbedingt Glück

Den Abend beschloss „In Terms Of Time" von Tim Etchells. Etchells hat einen klingenden Namen, er ist ein Gründungsmitglied von Forced Entertainment. Er begann mit einer Szene, die stark an Pina Bausch erinnerte: Die Tänzer traten auf mit Plastikbechern, hochgetürmt. Vielleicht hundert, hundertfünfzig, eine prekäre Säule.

Sie versuchten, sie zu balancieren, aber rasch verloren die Plastikbecher das Gleichgewicht, sie fielen zu Boden und zerbrachen - es war unmöglich noch zu tanzen, gefährlich, man hätte sich die Füße zerschneiden können.

Also holten sich nach und nach die Tänzer Besen - aber sie konnten sich nicht einigen, sie konnten die Scherben nicht wegfegen - das Chaos blieb bis zum Ende dieser Szene.

Scheitern - das ist ein Thema Pina Bauschs, ein anderes (oder eine Variation), das man nicht zur gemeinsamen sinnvollen Aktion kommt, ein übersteigerte Individualismus verhindert eine vernünftige Ordnung, die allen dient.

Es folgten weitere Szenen mit guten Grundgedanken (z. B. das Haschen nach Wind mit Müllbeuteln), die allerdings zu breit ausgewalzt wurden. Die neue Uraufführung dauerte insgesamt drei Stunden, der letzte, dritte Teil hätte gekürzt werden können - und sollen.

Wie weiter?

Vielleicht war dieser Abend ein Test, der Versuch herauszubekommen, wer sich von den vier Choreographen am besten bewähren würde - und der sollte dann weitermachen. Den Lorbeer hat Theo Clinkard verdient - aber auch andere könnten berufen werden.

Den Qualitätskern des Wuppertaler Tanztheaters bilden die TänzerInnen und die Ideen Pina Bauschs - vor allem eben, die TänzerInnen einzubinden, zum wichtigsten Bestandteil der Produktion von Anfang an zu machen.

Deshalb sollte sich endlich jemand vom Ensemble ermannen oder erfrauen und sich vorwagen: Ein Choreograph aus der alten Compagnie, das wäre die beste Idee und der zuverlässigste Garant dafür, Pina Bauschs Erbe zu bewahren und weiterzuführen.

Ulrich Fischer

Kartentelefon: 0202 563 7666 - Internet: www.pina-bausch. de

Aufführungen am 19., 20., 22., 23. und 24. Sept.

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