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22/04/2016 13:10 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Mal was Erfreuliches aus USA

Getty

Annie Bakers Dramatikerinnendebut in Europa

LONDON. Annie Baker ist bei uns wenig bekannt. Bislang. Die amerikanische Dramatikerin, 1981 in Boston geboren, wuchs in Massachusetts auf und studierte an der New York University Dramatisches Schreiben. Ihre Stücke und ihre Bearbeitung von Tschechows "Onkel Vanya" sind an über hundert Theatern vor allem in den Vereinigten Staaten gespielt worden.

Für ihr Stück "The Flick" - auf Deutsch vielleicht: "Kintopp" - wurde Annie Baker 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Mehr Renommee kann sich eine junge Dramatikerin in den USA kaum wünschen. Zur Zeit ist sie Hausautorin am Signature Theater, eine Off-Broadway Bühne in New York.

Die Europäische Erstaufführung kam am Dienstag in London heraus, am National Theatre. Die Bühne folgt nachvollziehbaren, einfachen Imperativen: Für sie ist gerade das Beste gut genug - das National Theatre wird nicht selten als elitär gescholten. Wenn Annie Baker es ans National-Theater geschafft hat, ist das einiger Aufmerksamkeit wert.

In der tiefsten Provinz

"The Flick" spielt in einem Kino, einem ganz besonderen Kino, denn dort werden noch 35-mm-Filme mit einem Projektor aus der guten alten Zeit auf die Leinwand projiziert. Hier versammelt Annie Baker ihr Personal, vier Figuren, drei davon tragen die Konflikte.

Sammy ist 35, er macht sauber, verkauft Karten, Pop-Corn, Brause usw. Er lernt Avery an, Avery ist zwanzig, Student, und arbeitet nur in den Semesterferien. Rose ist vierundzwanzig; sie steht ganz oben in der Hierarchie, denn sie darf die Filme einlegen. Der trostlose Zuschauerraum ist Ort der Handlung - aus dieser kargen Grundanordnung schlägt Annie Baker Funken, ja dramatisches Feuer. Die amerikanische Dramatikerin kennt ihr Land und ihre Landsleute.

Liebe & Leid

Sammy ist verliebt in Rose, aber Rose lässt ihn links liegen - ein Mann mit Mopp ist nicht attraktiv. Sammy leidet überdies an einer abstoßenden Hautkrankheit und ist ohne jede Perspektive. Er lebt noch bei seinen Eltern, völlig unterbezahlt kann er sich keine eigene Wohnung leisten. Deshalb hat er mit Rose eine Form der Lohnerhöhung übernommen, die schon ihre Vorgänger eingeführt hatten - er klaut.

Er betrügt seinen nachlässigen Arbeitgeber bei der Abrechnung. Als Avery als Neuer und Helfer beim Saubermachen dazukommt, lehnt er zunächst den Diebstahl ab, lässt sich dann aber doch überreden, um nicht als gefährlicher Mitwisser zum Außenseiter zu werden - das legt den Grund für einen Hauptkonflikt. Avery wird entdeckt und fliegt raus. Soll er dem Chef sagen, dass die anderen mitkassiert und ihn zum Diebstahl verleitet haben?

Rose plädiert dagegen: Sie und Sammy brauchen ihren Job, sie leben von dem schmalen Lohn. Avery ist Student, sein Vater Professor, Avery geht zur Uni zurück, wenn die Semesterferien vorbei sind. Ihm macht es kaum etwas aus, gefeuert zu werden.

Das ist nur einer von vielen Konflikten. Avery ist schwarz, die anderen weiß, die beiden Weißen gehören zur Unterklasse, Avery ist ihnen sozial weit überlegen - aber gleicht das seinen Nachteil als "Coloured", als "Farbiger" in Anführungsstrichen, aus?

Kunst & Leben

Avery liebt Filme, er hat höchste Maßstäbe, ihre Qualität zu bestimmen - und der Ort, das Kino, ist mit symbolischer Bedeutung aufgeladen - hier treffen Leben und Kunst aufeinander. Angesichts des krassen Kontrasts zwischen der Kunstwelt, die ein Leben voll Abenteuer und Erfüllung verspricht, und der grauen Wirklichkeit ist Avery schon längst in eine Depression abgetaucht; als Rose ihn verführen will, erweist er sich als impotent.

Gerade in dieser Liebesszene, die wie ein Negativ von Romeo und Julia wirkt, weitet sich das kleine Vierpersonenstück mit dem runtergekommenen Kino in der tiefsten Provinz zum mächtigsten Land der Welt, zu Amerika. Die Diagnose von Annie Baker ist scharfsinnig, nachvollziehbar und auf dem Niveau von ihrem Landsmann und Dramatikerkollegen David Mamet, ja, auf der Höhe von Arthur Miller.

Amerika, ein heruntergewirtschaftetes Kino, das mit den Produkten der Traumfabrik Hollywood die wahren Konflikte verkleistern will: Saallicht aus, Projektor an. Eine überzeugende Metapher.

Zur Inszenierung

Sam Gold führt Regie im Royal National Theatre in London - stücknah wie in den Vereinigten Staaten bei der Uraufführung in New York 2014. Gold stützt sich auf Schauspieler, die Solopartien souverän meistern, dann aber auch wieder bereit sind, ins Ensemble zurückzutreten. Während im deutschen Theater Regisseure oft versuchen, sich auf Kosten der Dramatiker zu profilieren, halten im angloamerikanischen Theater meistens alle an einer Produktion Beteiligten zusammen wie Pech und Schwefel - so auch hier.

Die Europäische Erstaufführung in London ist aus einem Guss - es ist unmöglich zu sagen, wer besser spielt, die Herren oder die Dame. Wobei Annie Baker mit Rose eine zeitgenössische Figur geschaffen hat, die unsere Zeit kritisch spiegelt. Rose ist ein narzißtischer Sozialisationstyp aus dem Lehrbuch. Als sie Avery in die Hose greift um ihn zu stimulieren - vergeblich -, ist sie weniger Averys wegen besorgt, der als junger Mann unter Erektionsschwierigkeiten leidet, als vielmehr ihrer selbst wegen: Was ist los mit meiner Attraktivität?, fragt sich Rose besorgt. - Vielleicht ist es Annie Baker besser als bislang jedem anderen englischschreibenden Dramatiker unseres Jahrzehnts gelungen, die jetzige Generation junger Frauen zu porträtieren.

Rose, auf der Suche nach immer neuen Partnern, um sich ihrer schwindenden Anziehungskraft zu versichern, verliert ihr wirkliches Ziel aus den Augen - eine langfristige Beziehung, eine wirkliche, dauerhafte Liebe. Sie wird Opfer ihrer eigenen ungezügelten Gefallsucht.

All das hört sich nach Tragödie an, nach O'Neill - aber "The Flick" ist tatsächlich voller Humor. Das geht von der Grundanlage des Spiels über die Durchführung der Handlung bis zum Dialog. Es wurde viel gelacht am Dienstag bei der Europäischen Erstaufführung im Dorfman, der Studiobühne des National Theatres am Südufer der Themse.

Das Stück ist bereits übersetzt, in Berlin gab es vor einigen Tagen eine szenische Lesung an der Schaubühne. Inszenieren! Auch bei uns aufführen! Subito! Ulrich Fischer

Aufführungen bis 15. Juni. Spieldauer: 3 Std. 15 Min.

Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk

http://www.signaturetheatre.org/Explore/Current-Playwrights/Annie-Baker.aspx

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