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01/03/2015 09:35 CET | Aktualisiert 01/05/2015 07:12 CEST

Juliette Binoche spielt Antigone

Getty

Auf dem Theater ist nichts unmöglich

LUXEMBURG. In jeder Theaterkantine wird über ältere Kolleginnen gewitzelt, die den Rollenwechsel von der Jungen Naiven zur Charakterdarstellerin nicht geschafft haben und mit 50 noch meinen, als Julia Romeo bezaubern zu können. Der Gefahr dieses Spottes setzte sich jetzt Juliette Binoche aus, denn die 50jährige übernahm die Rolle einer weltbekannten jungen Griechin: Juliette Binoche spielt Antigone.

Die Oscar-Preisträgerin, die mit dem "Englischen Patienten" spätestens weltweit bekannt wurde und kürzlich bei der Eröffnung der Berlinale ("Nobody Wants the Night" ["Niemand will die Nacht"]) bella figura machte, müsste doch eigentlich genug Erfahrung haben, um einschätzen zu können, welche Rollen außerhalb ihrer Reichweite liegen.

Überschätzt sie sich? Macht sich die Binoche zum Gespött? Nicht zuletzt auch deshalb war die Spannung deutlich spürbar, bevor am Mittwoch im Théâtre de la Ville in Luxemburg die Premiere begann. The proof of the pudding is the eating of the pudding.

Die Botschaft ist wichtiger als das Alter

Antigones Maxime: "Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil" ist zum geflügelten Wort geworden. Die griechische Lichtgestalt verkörpert die abendländische Humanität. Genau darauf zielt Binoches Spiel. Kreon ist Antigones Gegenspieler, Ideale stellt er hintan.

Patrick O'Kane zeichnet Kreon als Realpolitiker. Er ringt um seine Herrscherautorität. Kreon hat befohlen, Polyneikes' sterbliche Überreste sollen, weil er ein Verräter war, unbestattet bleiben. Antigone missachtet Kreons Verbot, gehorcht den Göttern, der Menschlichkeit und beerdigt den Bruder. Deshalb verurteilt Kreon Antigone zum Tod.

Ivo van Hove führt Regie, ein namhafter niederländischer Regisseur. Er setzt die Inszenierung stark aufs Wort (und leider auch auf [Knall!]Effekte). Der über 2000 Jahre alten Tragödie von Sophokles legt er eine neue Übersetzung von Anne Carson zu Grunde - jedes Wort ist genau gewogen, die Melodie der Verse sorgfältig nachgeformt.

Das Ensemble spricht sorgsam, ringt um die Bedeutung jedes Satzes, hart prallen die Argumente aufeinander. Bald wird deutlich, dass Antigone Recht hat, der Pragmatismus Kreons und seine Gewalttätigkeit stoßen ab.

Ivo van Hove unterstreicht mit heutigen Kostümen und Popmusik, dass das uralte Trauerspiel auch in unserer Gegenwart noch gültig ist - und dass wir, obwohl wir wissen, dass Antigone Recht hat, dennoch die Kreons dieser Welt weiterwursteln lassen. Die Inszenierung endet mit dem Nacht(!)bild einer illuminierten Großstadt und schrillen Dissonanzen jenseits der Grenze zum Klirrfaktor.

Antigone weltweit

Die Stärke dieser engagierten Inszenierung liegt im Austausch der Argumente, aber es gibt auch Schwächen. Ivo van Hove neigt zum exzessiv Expressiven, zu oft gehen die Akteure ins Fortissimo. Auch Juliette Binoche brüllt - sie fügt sich ins Ensemble ein. Hier hätte sie sich besser zurückgehalten. Nur wer Unrecht hat, brüllt.

Ihr Alter spielt kaum eine Rolle, bedeutsamer ist, dass sie Antigones Argumenten das Gewicht verleiht, das ihnen zukommt. Diese Antigone ist kein Mädchen, das aus jugendlichem Trotz dem Herrscher widerspricht - Antigone bedenkt und begründet ihre Handlungsweise wohl, bereit, die Folgen zu tragen. Die Fraulichkeit Binoches ist hier überzeugender als Antigones Mädchenhaftigkeit es wäre.

Es wird auf Englisch gespielt. Kein Zufall, denn die Inszenierung soll weltweit touren. Auf dem renommierte Edinburgh International Festival wird die Produktion gezeigt, in London, New York, in Deutschland in Recklinghausen bei den Ruhrfestspielen. Das Kalkül ist klar: Juliette Binoche soll mit ihrem guten Namen Zuschauer anziehen, Kasse machen.

Startheater, bei dem Sophokles und die europäische Kultur ruchlos vermarktet werden? Keineswegs. Trotz einiger Überdeutlichkeiten ist die Inszenierung weithin geglückt. Das Publikum war angetan: Rauschender Beifall.

Diese "Antigone" könnte ein Höhepunkt der Ruhrfestspiele 2015 wie des Edinburgh International Festivals werden.

Ulrich Fischer

Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - Internet: www.ruhrfestspiele.de

Aufführungen am 21., 22., 23. und 24. Mai - Spieldauer 90 Min. - "Antigone" ist eine Koproduktion des Barbican London und des Théâtres de la Ville de Luxembourg gemeinsam mit der Toneelgroep Amsterdam, dem Théâtre de la Ville - Paris, dem Edinburgh International Festival und den Ruhrfestspielen Recklinghausen.


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