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07/12/2015 15:17 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

Im Abseits

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John Neumeiers „Duse" in Hamburg uraufgeführt

HAMBURG. John Neumeier ist derzeit wohl der dienstälteste Chef einer Ballettcompagnie an deutschen Bühnen. Das nach ihm benannte "Hamburg Ballett John Neumeier" ist weltberühmt.

Kürzlich wurde der Choreograph mit dem Kyoto-Preis ausgezeichnet, einer Art Nobelpreis für herausragende Künstler.

Neumeier ist außerordentlich produktiv, fast jedes Jahr fügt er seinem imponierenden OEuvre ein neues Werk hinzu - so auch 2015. Am Sonntag wurde "Duse" in der Hamburger Staatsoper uraufgeführt - "Duse" nach der Schauspielerin, deren Nachruhm bis heute anhält.

Neumeier will keine Biographie liefern, sondern benennt im Untertitel die Gattung präzise: "Choreographische Phantasien über Elenora Duse". Der Choreograph hat für seine neueste Kreation Kompositionen von Benjamin Britten und Arvo Pärt ausgewählt.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Neumeier erzählt seine „choreographischen Phantasien" über die Duse nicht chronologisch. Stattdessen beginnt er mit einer Art Rückblende. Die Duse erinnert sich an einen Kinobesuch. Sie schaut sich einen Film an, in dem sie mitgespielt hatte.

Ein junger Mann, der in ihrer Nähe sitzt, erkennt die berühmte Schauspielerin und verliebt sich in sie. Mit einem Riesenbouquet weißer Rosen erobert er sie im Sturm. Unvermittelt überblenden Bilder von „Hamlet" die Kinoerinnerung.

Der junge Mann scheint den Dänenprinzen darzustellen, die Duse spielt als junge Schauspielerin Ophelia. Kunst und Leben durchdringen sich wechselseitig.

Das geschieht immer wieder in den folgenden Szenen. In der Überblendtechnik findet sich das zentrale Thema dieser choreographischen Phantasien.

Die Duse war ein Vorbild für das Actor's Studio, eine einflussreiche Schauspielschule. Ihre Doktrin beruht auf Einfühlung - sie steht im Gegensatz zum epischen Theater Bertolt Brechts. Die Einfühlung, so Neumeiers These, der selbst das Actor's Studio schätzt, ermöglichte der Duse ihre außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen.

Tänzerin der Extraklasse

Allessandra Ferri verkörpert in Hamburg die Duse. Die ausdrucksstarke Tänzerin macht immer wieder nachvollziehbar, wie die Duse sich ihren Rollen annähert. Das ist weniger ihren Schrittfolgen abzulesen als ihrer Mimik und ihrer Gestik.

Ihre eleganten, organischen Armbewegungen sind sprechend und voller Anmut. Hände und Finger beherrscht sie virtuos bis zur Subtilität.

Diese Subtilität erweist sich als Stärke wie als Schwäche dieses Ballettabends. Ist es nicht geradezu frivol angesichts der brennenden Probleme unserer Zeit, sich mit der Annäherung an Rollen zu beschäftigen? Mit speziellen Schauspieltheorien?

Der erste Teil endet mit dem Tod der Duse und der Erinnerung an ihr üppiges Begräbnis - Tausende folgten ihrem Sarg.

Erotisch

Der zweite Teil spielt in einer anderen Welt und erweckt eine erotische Frauenphantasie zum Leben: Die entrückte Duse tanzt mit vier Männern, die ihr Leben geprägt haben. Vier Tänzer, makellos schön wie junge Götter, nähern sich der träumenden Duse zärtlich und voller Respekt - dieser zweite Teil wird tänzerisch zum Höhepunkt des Abends, mit einem ganz leisen Hauch von Humor.

Neumeier begnügt sich, wie so oft, nicht mit der Choreographie, er hat auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Nicht zuletzt dadurch ergibt sich der Eindruck von Homogenität, diese "Duse" ist ein Ballett aus einem Guss.

Aber damit ist der kritische Einwand nicht behoben, auch im zweiten Teil dominiert die Subtilität. Die choreographischen Phantasien haben nichts mit den wichtigen Problemen unserer Zeit zu tun. Wohl gegen seinen Willen hat Neumeier offenbart, dass die Kunst seiner Duse die gleiche Schwäche hat wie seine Kreation:

Weltflucht, Eskapismus.

Ulrich Fischer

Aufführungen 9., 11. und 12. Dez. - Spieldauer: 2 Std 30 Min.

Kartentel.: 040/356868 - Internet: www.staatsoper-hamburg.de

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