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02/11/2015 05:45 CET | Aktualisiert 02/11/2016 06:12 CET

Hilfloser Pazifismus

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Schillers „Jungfrau von Orleans" in Hamburg

HAMBURG. Tilmann Köhler lässt bei seiner Inszenierung der „Jungfrau von Orleans" wenig von Schillers „romantischer Tragödie" übrig. Vom Text bleiben nur Rudimente, vom Personal weniger als die Hälfte. Köhler geht es offenbar weniger um Schiller oder die Jungfrau, er möchte Szenen gegen den Krieg zusammenfügen. Heraus kommt eine Bilderfolge, in der Mächtige Kriege führen, um mehr Macht an sich zu reißen. Mädchen wie Johanna nutzen sie für ihre Zwecke.

Am Anfang sprechen Schauspieler, die größten Teils Hocharistokraten der französischen Seite verkörpern, Texte, mit denen Politiker den Krieg gerechtfertigt haben: George Bush sen. und Wilhelm II., Wilhelm III. und Napoleon usw. Das Thema, so meint Köhler wohl, sei zeitlos. Die riesige Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg wird von einer riesigen, in der Mitte durchgeschnittenen, metallen schimmernden Schüssel dominiert (Bühnenbild: Karoly Risz,); am oberen Rand stehen Tischmikrophone wie in einem Konferenzzentrum.

Hier beraten der Dauphin und die Großen des Reichs in Anzügen des 21. Jahrhunderts, Johanna trägt T-Shirt (Kostüme: Susanne Uhl). Regisseur Köhler und sein Ensemble warnen uns, das Publikum: Glaubt denen da oben nicht, in Wirklichkeit sind sie Kriegstreiber und verfolgen nur egoistische Zwecke, alle idealistischen Gründe waren und sind vorgeschoben.

Diese Theorie wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten anbietet. Kann man wirklich imperialistische Eroberungskriege in fernen Weltgegenden (z.B. den Boxeraufstand in China 1900) gleichsetzen mit einem Verteidigungskrieg (Franzosen gegen den Einfall der Engländer in Frankreich im Hundertjährigen Krieg 1337 - 1453)? Muss nicht jeder Sachverhalt für sich geprüft werden? Hat Schiller nicht Recht, wenn er einen konkreten Fall sorgfältig betrachtet und beleuchtet, eben den Hundertjährigen Krieg und die sonderbare Rolle, die Johanna in ihm spielte?

Die Inszenierung leidet vor allem an einem Fehler, dem viele Theaterleute heute verfallen: Der Geschichtsvergessenheit. Wie ist denn zu erklären, dass Johanna so viele Franzosen begeisterte, wie kam es, dass sich auf einmal das Kriegsglück zugunsten der Franzosen wendete, nachdem vorher die Engländer von Sieg zu Sieg geeilt waren? Sind Völker so leicht zu manipulieren?

Anne Müller spielt Johanna als Hysterikerin, sie rollt mit den Augen, der Mund zuckt - es ist nicht zu erkennen, woher ihre Begeisterungsfähigkeit kommt, zumal sie wenig von den flammenden Versen Schillers sprechen darf - das meiste ist gestrichen; die Vorstellung dauert (bei der Premiere am Samstag) nicht einmal zwei Stunden.

Shaw wäre besser

Niemand hat schärfer Schillers Tragödie kritisiert als George Bernard Shaw: Der Spötter urteilte: „romantic nonsense". Shaw muss es wissen, er hat selbst ein Stück über die Heilige Johanna geschrieben (Saint Joan). Der irische Meisterdramatiker ordnet Johanna geschichtlich ein und meint, sie habe zwei neue, historisch bedeutsame Ideen in die Welt gebracht: Den Nationalismus und den Protestantismus, im 15. Jahrhundert emanzipative Kräfte. Shaws Heilige Johanna verkörpert den geschichtlichen Fortschritt.

Das ist allemal interessanter als die Feststellung, dass Krieg Interessen dient und für die Mehrheit nicht gut ist - eine Binsenweisheit, für die niemand ins Theater gehen muss. Da wäre es schon interessanter zu erfahren, wie man aus Kriegswirren herauskommt, die heute die Welt verheeren, z.B. Syrien, um nur einen Konflikt zu nennen.

Dazu gibt Tilmann Köhlers Inszenierung keine Auskunft.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 6., 10. und 21. Nov.; 6. und 28. Dez. - Spieldauer: knapp 2 Std.

Kartentel.: 04024 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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