BLOG
14/02/2016 06:11 CET | Aktualisiert 14/02/2017 06:12 CET

Else Lasker-Schülers "Wupper" in Düsseldorf

Pavel Losevsky via Getty Images

Roberto Ciulli inszeniert

DÜSSELDORF. Else Lasker-Schüler (1869 - 1945) war ihrer Zeit voraus. Als die Dichterin ihr erstes Stück, "Die Wupper", 1909 vollendete, fand sie wenig Verständnis. Auch das Echo auf die Uraufführung 1919 im Deutschen Theater in Berlin war gemischt. Heute gilt Else Lasker-Schüler als d i e Vertreterin des Expressionismus. Roberto Ciulli (81) entdeckt in ihr eine Vorläuferin des absurden Theaters. Ciulli, ein alter Meister, verwandelt den Fünfakter in seiner neuen Inszenierung in Düsseldorf in "Eine Performance" - ein scharfsinniger Blick auf wesentliche Aspekte der "Wupper".

Noch bevor das Schauspiel beginnt, während das Publikum zu seinen Plätzen geht, sitzt Ciulli an der Rampe und erzählt Episoden aus dem Leben Lasker-Schülers. Der Regisseur trägt eine dunkle Brille, er erinnert an eine Figur von Samuel Beckett - das Motiv Absurdes Theater ist angeschlagen.

Ausweitung der Zusammenhanglosigkeit

Die Zusammenhänge der Figuren im Stück sind lose, Ciulli löst sie in typisch absurder Manier weiter. Der Zuschauer kann die Gestalten und ihre Motive nur schwer durchschauen, erfährt kaum, wer wen liebt, wer hofft, von wem zu profitieren. Gralf-Edzard Habben hält sein Bühnenbild abstrakt, Stühle bilden die Hauptelemente. Manchmal tragen die Schauspieler sie an eine Wand, dann wieder in die Mitte, wo sie einen Kreis bilden. Die Bedeutung bleibt rätselhaft. Nur selten sprechen die Schauspieler direkt, häufig wird der Dialog über Lautsprecher eingespielt, als sei „Die Wupper" ein Hörspiel. Dadurch wird die Atmosphäre des Fremden verstärkt.

Humorvolle Szenen sind selten: An der Rückwand steht ein blaues Klavier - eine Anspielung; Else Lasker-Schüler hat einer ihrer Gedichtsammlungen den Titel „Mein blaues Klavier" gegeben. Manchmal verschwindet jemand hinter dem Instrument, niemand kann sehen, was dort geschieht - aber hören. Laute der Lust werden vernehmbar, der Weg zum Orgasmus ist weit und manchmal mühselig.

Ciulli spielt kräftig mit

Das fünfzehnköpfige Ensemble spielt konzentriert, Roberto Ciulli hat sich die Hauptrolle vorbehalten. Er spielt ELS - also annäherungsweise die Dichterin, eine Rolle, die Lasker-Schüler selbst nicht vorgesehen hatte. Ciulli wollte offenbar weniger „Die Wupper" spielen, als wieder einmal an Else Lasker-Schüler erinnern - deren Stücke tatsächlich selten aufgeführt werden. Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer haben den Stücktext mit einigen Gedichten Lasker-Schülers angereichert und in der Inszenierung spielt Ciulli mehrfach auf Pina Bausch an - die in Wuppertal ihr weltberühmtes Tanzsensemble aufgebaut hat.

Das Konzept ist klug - aber es kommt nur schwer über die Rampe. Einige Zuschauer verlieren die Geduld, sie verlassen die Aufführung vor ihrem Ende, und der Beifall hielt sich bei der Premiere am Freitagabend in den Grenzen von Respekts und Höflichkeit.

Die Wupper fließt überall

Im letzten Jahr verband Stephan Müller seine Inszenierung der selten aufgeführten "Wupper" in Wuppertal mit einer Busfahrt durch die Stadt. Roberto Ciulli fasst das Stück universeller auf, seine "Wupper" fließt überall.

Die Düsseldorfer müssen derzeit auf ihr prächtiges Haus am Gustaf-Gründgens-Platz verzichten, weil es in Stand gesetzt werden muss - es soll, sagen Spötter, am gleichen Tag fertig werden wie der Berliner Flughafen. Das Ensemble weicht ins CENTRAL aus, eine bescheidenere Spielstätte beim Hauptbahnhof - und macht aus der Not eine Tugend. Die "Wupper" ist schäbig, unsere Gegenwart entbehrt des Glanzes - nicht nur was die Bühnen betrifft. Das Ensemble zeigte diesen Mangel an Glanz, diese Schäbigkeit, und gewann dadurch an allem, woran Kunst gelegen sein sollte: an Authentizität und Ernst.

Auch auf HuffPost:

Video: Kunstprojekt: Fotos zeigen die einzigartige Schönheit nackter Frauen

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert