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03/12/2016 11:54 CET | Aktualisiert 04/12/2017 06:12 CET

Die Szene wird zum Tribunal

„Die Wehleider" in Hamburg uraufgeführt

HAMBURG. Christoph Marthaler (Regie), Anna Viebrock (Bühnenbild und Kostüme), Stefanie Carp (Dramaturgie) und ihr Ensemble ließen sich zu ihrem neuen Stück „Die Wehleider" von Maxim Gorki inspirieren. Gorki hatte am Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen „Sommergästen" die russische Intelligenz unter die Lupe genommen. Ein Teil bestand aus blassen Ästheten, der andere aus engagierten Intellektuellen. Von ihnen blieb im neuen Stück nur wenig übrig - Textstellen erscheinen im Traum heutiger Zeitgenossen, Fetzen, kaum verständlich - (ganz bewusst) zu schnell oder zu leiste gesprochen. Nur noch Erinnerungen.

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Josef Ostendorf als Trump und Sachiko Hara - Foto: Matthias Horn

„Die Wehleider" kommen zu einer Therapie zusammen - in einer ehemaligen Turnhalle, die von Flüchtlingen zwischengenutzt wurde, die Scheiben sind zerbrochen. Das Stück ist opulent, 19 Akteure treten (bei der Uraufführung am Freitag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg) auf, die meisten Europäer, dazwischen auch eine Japanerin, ein Amerikaner (Josef Ostendorf als fetter, perückengeschmückter designierter US-Präsident Donald Trump) und drei starke junge Männer, die aussehen, als kämen sie aus dem Mittleren Osten, als Therapeuten. Sie helfen den bewegungsungewohnten und korpulenten Europäern, wenn sie tanzen sollen. Allein sind sie dazu nicht fähig. Gerade noch mit den Handgelenken wedeln. Die Choreographie (Altea Garrido, Joaquin Abella, Haizam Fathy und Antonio Jimenez Navarro) war erfindungs- und kenntnisreich, vor allem aber angesichts unsere Wohlstandsspecks unbarmherzig boshaft und entsprechend witzig.

Umgekehrt

Eine Fülle von Episoden zeigt, wie sich die (sorry: WIR!) Europäer von den drängendsten Problemen abwenden, die Therapie besteht aus Ablenkung. Sie geht von einer Umkehrung der Tatsachen aus. Leidende sind WIR armen Europäer, die Angst vor den Flüchtlingen haben, Angst vor der Gewalt, die die Fremden mitbringen könnten, Angst vor der Zumutung, teilen zu sollen, zu müssen. Leidende sind in diesem europäischen Sanatorium nicht die Erniedrigten und Beleidigten, die Verfolgten und Verzweifelten.

Dieses Auf-den-Kopf-Stellen der Gegebenheiten ist der tiefere Grund für viele absurde Szenen, die musikalisch grundiert werden: mit einer Opernarie, mit melancholischen (vor allem deutschen) Volksliedern, mit Schlagern von stupender Stupidität und Melodien, die das Gedankenlose zum Prinzip erheben. Obwohl die Variationen einfallsreich sind und die Schauspieler glänzen, dehnt sich doch mitunter die Zeit. - und der Zuschauer fragt sich: Warum?

Die Frage beantwortet das Ensemble kurz vor Ende überzeugend. Wir befinden uns in der nahen Zukunft, vier der Darsteller spielen Angeklagte Europäer vor dem Weltgerichtshof. Der Prozess neigt sich - wie das Stück - dem Ende zu, die Angeklagten bekommen das letzte Wort. Und ihre Verteidigung erklärt noch einmal den ungewöhnlichen, das Deutsche bereichernden Titel: „Wehleider."

Schuldig!

Alle haben Angst, verurteilt zu werden. Sie geben zu, dass sie keine Möglichkeit sehen, ihre Schuld zu bestreiten. Alle haben alles gewusst - die Selbstbezichtigung ist leicht durchschaubar. Die Angeklagten wollen mit diesem letzten verbliebenen Mittel die Richter mild stimmen.

Hier verwandelt sich die absurde Farce zur scharfen Anklage. Daran ändert auch nichts, dass Graham Valentine seinen englischdeutschfranzösischen Angeklagten in virtuoskomische, präepileptische Zuckungen verfallen lässt. „Die Wehleider" erinnern uns, dass wir jetzt, wenn wir unsere Hilfe verweigern, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun, den Ursachen des Leids, den Kriegen ein Ende zu setzen, uns schuldig machen - und vielleicht einmal zur Verantwortung gezogen werden. Die Sache mit dem Tribunal knüpft an eine alte religiöse Vorstellung an: Das Jüngste Gericht. In Hamburg wird es ins Weltliche, aufs Theater verlegt.

So politisch waren Marthaler und seine Mitstreiter selten. Trotz einiger unnötiger Längen eine Inszenierung, die man/frau gesehen haben sollte..

Ulrich Fischer

Aufführungen am 9., 13., 17. u. Dez.; 2. u. 3. März - Aufführungsdauer: 2 Std. 15 Min.

Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de