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13/09/2015 08:23 CEST | Aktualisiert 13/09/2016 07:12 CEST

Ruhrtriennale: Die Romane sind besser

Luis Rosendo via Getty Images

"Liebe. Trilogie meiner Familie 1" nach Zola bei der Ruhrtriennale

DUISBURG. „Doktor Pascal" ist eine Liebesgeschichte. Der Doktor verliebt sich an der Schwelle des Alters in sein Mündel; Clotilde, seine Nichte, erwidert seine Neigung leidenschaftlich. Zola beschreibt ihre Affäre mit Herzblut, er selbst hat eine ähnliche Geschichte erlebt und durchlitten.

Luk Perceval hat diesen Roman für das Theater adaptiert und gleich noch dazu mit Zolas „Totschläger" gekreuzt. So wird es schwer, beide Geschichten auseinanderzuhalten - was sie miteinander zu tun haben, bleibt das Geheimnis Percevals. Im „Totschläger" schildert Zola den Niedergang einer tapferen, fleißigen einfachen Frau, die sich und ihre Familie erst als Wäscherin durchbringt und dann ins Unglück gerät.

Zumutungen für die Schauspieler

Gespielt wird in der Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, einem Industriedenkmal. Um der Hitze beim Gießen ein wenig abzuhelfen, sind die Wände durchlässig gemauert, die Abendluft weht herein, es wird erst kühl, dann ungemütlich kalt. Die alten Maschinen-Ruinen erscheinen wie unheimliche Riesen, Bühnenbildnerin Annette Kurz hat eine gigantische Welle aus Holz für die Spielfläche entworfen.

Sie ist so steil, dass die Schauspieler Seile brauchen, um sich emporzuziehen und herabzulassen. Was soll die Welle? Das Leben geht auf und ab? - Von ähnlicher Schlichtheit ist auch die Bearbeitung, von des Gedankens Blässe wenig angekränkelt.

Die Akteure spielen ausgezeichnet. Stephan Bissmeier als Pascal legt alle Kunst in des Doktors Liebe, seine Leidenschaft und seine Untröstlichkeit, als er sich von der Geliebten trennen muss - aber er hat einfach zu wenig Dialog. Perceval hat den Text ungeschickt verkürzt. Er hätte besser nur einen Roman für sein Stück genommen - dann hätte er mehr Raum gehabt, die Figuren zu vertiefen, wie er sie bei Zola vorgefunden hat.

Ärgerlich ist es auch bei Martine, der Haushälterin des Doktors. Sie liebt ihn hingebungsvoll - und vergeblich. Die wundervolle Oda Thormeyer kann diese Magd-Herr-Beziehung kaum andeuten, so wenig Text hat sie bekommen.

Die Regie - phantasielos

Perceval als Regisseur gleicht die Mängel von Perceval, dem Bearbeiter, nicht aus - bestenfalls gibt es Stimmungen. Wenn jemand sich freut oder ausgelassen ist, tanzt sie oder er auf der Bühne, dreht Pirouetten - toll. Der Tod eines Mannes (ihres ersten) der fleißigen Wäscherin misslingt: er stirbt an Delirium tremens - auf der Bühne ein heftiges Gezappel, begleitet von Gebrüll. Intensität und Anschaulichkeit sind im Roman durchweg wirkungsvoller als auf der Bühne. Den Schauspielern wäre ein einfallsreicherer Regisseur zu wünschen.

Perceval ist als Bearbeiter pessimistisch - am Ende steht der Tod des Doktors. Ganz anders Zola: Clotilde bringt nach dem Tod des Doktors ihr gemeinsames Kind zu Welt - wenn es an der Mutter Brust liegt, von der Sonne beschienen, endet der Roman hoffnungsfroh und zukunftsgewiss.

Fragen eines ratlosen Zuschauers

Warum nimmt Perceval diesen Roman, wenn er so ganz anders empfindet? Die Frage führt ins Herz der Finsternis: Warum überhaupt bearbeitet er einen Roman für die Bühne, wenn ihm so offensichtlich das Talent dazu fehlt? Es gibt so viele naturalistische Meisterdramen - wenn Perceval schon etwas aus dieser Epoche auf die Bühne bringen will. Zola hat schon gewusst, warum er diesen Stoff als Roman gestaltet hat und nicht als Drama. Im Programmheft werden Zola und Perceval gleich groß geschrieben - welch ein Irrtum!

Perceval nennt seine Bearbeitung „Liebe. Trilogie meiner Familie 1" und droht, im nächsten und übernächsten Jahr zwei weitere Teile folgen zu lassen.

Es kann nur besser werden.

Ulrich Fischer

Auff. in Duisburg, Gießhalle Landschaftspark Duisburg-Nord, am 10., 11., 12. und 13. Sept. - Wird in Hamburg im Thalia übernommen.

Internet: www.ruhrtriennale.de

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