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04/03/2016 14:51 CET | Aktualisiert 05/03/2017 06:12 CET

Die Lektüre lohnt

swissmediavision via Getty Images

„Weine nicht" von Lydie Salvayre auf Deutsch

Lydie Salvayre erinnert mit „Pas pleurer" - „Weine nicht" - an den kurzen Sommer der Anarchie 1936 in Spanien. Sie wurde für ihren knappen Roman 2014 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet - zu Recht.

Montse steht im Mittelpunkt; sie ist jetzt neunzig und berichtet der jüngeren ihrer beiden Töchter, die nun auch schon sechsundsechzig ist, von ihrem politischen Erwachen - ihre Tochter hört nicht nur zu, sie schreibt die Erzählung ihrer Mutter, einer unwürdigen Greisin im Sinne Brechts, auf; es gibt einiges zu lernen für unsere Gegenwart.

Montse ist fünfzehn und stammt aus einem kleinen spanischen Dorf. Ihr Vater schindet sich als Bauer, die Mutter lebt in den Vorstellungen der Tradition - und Montse kann sich überhaupt nichts anderes vorstellen, als auf einmal ihr Bruder José aufbegehrt. Er streift zum Entsetzen von Vater und Mutter die Fesseln der dörflichen Enge ab und entschließt sich, nach einem Streit mit dem Vater, nach Barcelona zu gehen, um sich den Truppen Durrutis anzuschließen. Montse folgt ihrem Bruder begeistert.

Befreiung

Die schönsten Passagen des Romans beschreiben, wie Montse ein ganz neuer Mensch wird, weil die Ideen der (anarchistischen) Freiheit sie im Tiefsten ergreifen. Sie meint, ein ganz neues Leben zu beginnen, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Euphorie hoch drei, Lebensfreude, Glück.

Montse verliebt sich, der junge Mann zieht in den Krieg und hinterlässt die Fünfzehnjährige nach einer spanischen Liebesnacht schwanger.

Die folgenden Wirren ermöglichen es Lydie Salvayre, die wichtigsten gesellschaftlichen Klassen und politischen Strömungen plastisch darzustellen: den wohlhabenden Don mit dem Großgrundbesitz, ehemals Sozialist, inzwischen eher Skeptiker angesichts der sich auf Leben und Tod bekämpfenden Totalitarismen; dessen Sohn, der sich zum strammen Stalinisten wandelt und Montse heiratet; dessen Tante, frömmelnd, katholisch bis auf die Knochen und in Franco geradezu verliebt - und natürlich José, der im Kampf für den Sieg der Anarchie fällt.

Mord!

Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt Georges Bernanos, einen zu Unrecht bei uns fast vergessenen katholischen Schriftsteller, der seinen Idealen und seinem Glauben treu bleibt und die Verbrechen seiner Kirche aufschreibt und anprangert. Lydie Salvyre erinnert an Bernanos „Die großen Friedhöfe unter dem Mond", sein Engagement als Schriftsteller stellt sie als vorbildlich hin.

Die katholische Kirche, insbesondere den spanischen Episkopat, klagt die greise Montse an - und sie dürfte hier das Sprachrohr der Autorin sein. Hanna van Laaks übersetzt den Gestus der Attacke getreu und mit Verve ins Deutsche.

Leben, wirklich leben

Der Roman reißt mit. Sylvie Salvayre lässt es ihre fiktive TochterAutorin selbst aussprechen, warum: „In ihrer (Montses) Erinnerung existiert nur dieser Sommer 1936, in dem das Leben und die Liebe sie ungestüm mit sich rissen, dieser Sommer, in dem sie das Gefühl hatte, mit Leib und Seele in Einklang mit der Welt zu leben, dieser Sommer der totalen Jugend, wie Pasolini gesagt hätte ..." (S. 160). Die Anarchie wird mit Feuer dargestellt, aber auch ihre Schwächen werden benannt; die Kommunisten bekommen ihr Fett, auch die Schwankenden, die nichts tun. Am stärksten wirkt die Beschreibung als Kritik an einem Leben, das so dahin kriecht wie unseres, nicht wirklich gelebt wird. Es ist mehr möglich - und höchst wünschenswert.

Die Lektüre lohnt.

Ulrich Fischer

Lydie Salvayre: Weine nicht, Karl Blessing 2015, 165 S., 19,99 €

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