BLOG
16/12/2016 05:34 CET | Aktualisiert 16/12/2017 06:12 CET

Des Sängers Fluch

Ilija Trojanows „Macht und Widerstand" in Hannover auf der Bühne

HANNOVER. Ilija Trojanow ist pessimistisch, realistisch und optimistisch zugleich. Die Mischung erweist sich als beunruhigend. In seinem auf Deutsch erschienen Roman „Macht und Widerstand" geht es in nachkommunistischen Zeiten um die Abrechnung mit dem Terror während der sozialistischen Ära in Bulgarien - dort wurde Trojanow geboren. Die Aufarbeitung klappt nicht. Die alten Kader sitzen fröhlich in den neuen Ämtern - sie verhindern erfolgreich, dass jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Wenn ein Erniedrigter und Beleidigter Aufklärung verlangt, kommt er nicht ans Ziel.

Trojanow stellt zwei Figuren in den Mittelpunkt: Konstantin, der Protagonist, ist Opfer der Repression, sein Antagonist, Metodi, sein Quälgeist, war Folterer bei der bulgarischen Staatssicherheit. Konstantin und Metodi kennen sich seit Kindheitstagen. Konstantin, Sohn eines engagierten Arztes, ist überzeugter Revolutionär - aber von der falschen Couleur: Anarchist. Sein Widerpart gibt sich als Kommunist - aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Opportunismus. Metodi ist Pragmatiker, und wenn ein bisschen Folter nötig ist, auch mal ein bisschen viel, macht das nichts, solange es nicht rauskommt. Man darf sich eben nicht erwischen lassen.

Dunkel, finster, kohlrabenschwarz

Die Handlung spielt in der Gegenwart. Konstantin strebt einen Prozess gegen die ehemaligen (?) Verächter der Menschenrechte an, wegen Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Menschlichkeit. Vergeblich. Die alten Kader, schon wieder in einflussreichen Stellungen, verhindern, dass ihre Verbrechen juristisch aufgearbeitet werden. Ähnlichkeiten mit der Bundesrepublik von ihrer Gründung bis zum Ende der sechziger Jahre sind nicht zu übersehen.

Man muss auch mal Schluss machen. Und nach vorn blicken. Nestbeschmutzen hat noch niemandem geholfen. - Die Argumente kennt man auch bei uns.

Dušan David Pařízeks Bearbeitung für die Bühne ist geglückt. Bei der Uraufführung am Donnerstag im Niedersächsischen Staatsschauspiel Hannover ging seine schlanke Adaption, die geschickt das Wichtigste des Romans aufnahm, über die Bühne des Großen Hauses. Pařízek führte auch Regie, lehnte sich an Dimiter Gotscheffs und Heiner Müllers Kargheit an.

Porträt eines Anarchisten - gefoltert

2016-12-16-1481880767-5938479-1481796349_macht_und_widerstand_308.jpg

Samuel Finzi spielte Konstantin - Finzi überflügelte all seine Kollegen. Er zeichnete nicht einen strahlenden Helden, der kraftvoll, kühn und unbeirrt dem Recht den Weg bahnt, sondern einen Mann, der mit aller Kraft dagegen ankämpfen muss, die Folgen der Folter, unter denen er fast zerbricht, zu ertragen -und kaum noch Energie hat für seinen Kampf; er hat mitunter schwer erträgliche Züge von Besessenheit, manchmal erinnert er an Don Quijote beim Kampf gegen Windmühlen. Eine beeindruckende, nachvollziehbare Interpretation der Figur. Finzi überzeugt bis in die Körperhaltung - gebeugt, trotz aller Versuche, sich energisch zu straffen.

Eine wichtige, winzige Szene des Romans fehlte auf der Bühne. Metodis Vater war Schuster, er lebte in bedrückender Armut. Auf die Hoffnung seines Sohnes, nach dem Sieg über die Faschisten werde es besser, antwortete der lebenskluge Handwerker, nichts werde sich ändern, und schon gar nichts werde besser. Eine rabenschwarze Prophezeiung, die sich als wahr erweist, bis heute. Wer gehofft hatte, es werde nach dem Sturz der Kommunisten hell & licht, sieht sich getäuscht - so die unbequeme, provozierende Quintessenz des Romans wie der Bühnenadaption.

Trotz alledem: Der Roman ist besser

Wobei trotz der geglückten Bühnenfassung und Finzis Spiel doch der Roman überlegen ist: Der Stoff ist theoriebeladen, die Dialoge diffizil, die Gedankengänge differenziert und oft abstrakt. Wer soll das verstehen - wenn man es nur einmal hört? Während der Zuschauer noch um das Verständnis einer komplexen Idee ringt, eilen die Schauspieler schon weiter. Beim Roman kann sich der Leser die Zeit nehmen, die er braucht, um zu verstehen, worum es geht; liest vielleicht noch ein zweites Mal. Der Dialog auf der Bühne wirkt fahrlässig, weil er zu rasch vorbeirauscht - sein Gehalt kommt nur zu Bruchteilen über die Rampe.

Aber zumindest doch so viel: Nichts ändert sich. Das ist tief pessimistisch. Und hat sich bislang als realistisch erwiesen. Optimistisch ist allein die Hoffnung, es werde besser, wenn man das Schweigen bricht, und den Skandal, wenn man ihm schon kein Ende machen kann, wenigstens auf die Bühne bringt.

Des Sängers Fluch.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 15., 17. u. 27. Dez.; 3. u. 15. Jan. - Aufführungsdauer: 2 Std. 50 Min.

Kartentel.: 0511 - 9999 1111 - Internet: www.staabtstheater-hannover.de