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21/04/2016 12:47 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Der Roman ist besser

"Die Brüder Karamasow" in Hannover auf der Bühne

HANNOVER. „Die Brüder Karamasow" ist wohl der berühmteste Roman Fjodor Dostojewskijs. Das Meisterwerk hat Theatermacher immer wieder gereizt; es gibt viele Bühnenbearbeitungen - wohl vor allem wegen der starken Kolportageelemente: „Die Brüder Karamsow" sind gleichzeitig Krimi und Liebesroman.

Martin Laberenz hat mit seiner Inszenierung im Niedersächsischen Staatsschauspiel in Hannover anfangs keine glückliche Hand. Seine Schauspieler sprachen bei der Premiere am Samstag zu schnell und artikulierten nicht sorgfältig genug. Andreas Schlager in der Rolle von Vater Fjodor war über ganze Partien nicht zu verstehen. Das wiegt umso schwerer, als das Wort wichtiger ist als die Handlung - es geht um Philosophie. Dostojewski (1821 - 1881) befürchtete wie viele seiner Zeitgenossen, dass die Menschen ihr Gewissen verlören, wenn sie nicht mehr an Gott glaubten. Darüber wird im Roman und auf der Bühne viel und (allzu) ausgiebig geredet.

Volker Hintermeiers bombastisches Bühnenbild macht es nicht besser - in der Mitte dreht sich eine Art zweistöckiges abstraktes Karussell, links Kirchenbänke, rechts ein großes Kruzifix. Der Leib des Gekreuzigten kann abgenommen werden und wandert, die Grenze zur Blasphemie streifend, mehrmals über die Bühne. Die Kostüme (Aino Laberenz) haben nichts mit dem 19. Jahrhundert zu tun, in dem der Roman spielt, sie nähern sich mehr unserer Epoche an.

Der erste Teil ist vor allem langweilig, weil nicht klar wird, worauf der Regisseur und sein Ensemble hinaus wollen - und alles dauert so lange. Viele Szenen werden nicht ausgespielt, sondern ausgewalzt.

Silberstreifen am Horizont

Der zweite Teil ist (ungleich) besser. Gleich zu Anfang wird die berühmte Geschichte vom „Großinquisitor" vorgetragen - von Iwan, dem atheistischen Sohn Fjodor Karamasows. Sebastian Grünewald war nicht ganz textsicher - aber die Geschichte war gleichwohl spannend wie immer: Christus kehrt auf die Erde zurück - nach Spanien zur Zeit der Inquisition. Der Großinquisitor lässt den Heiland festnehmen und redet ihm ins Gewissen. Er solle verschwinden, seine Botschaft von Liebe und Freiheit sei gefährlich. Die Kirche strebe nach Macht und Herrschaft - Jesu Kritik an der (katholischen) Kirche, die sich dem Teufel verschrieben habe, sei wuchtig und stark. Grünewald sitzt vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang direkt an der Rampe - hier wird klar, dass der Text als Text wirkt, alles Szenische ist Beiwerk. Wer sich mit den „Brüdern Karamsow" auseinandersetzen will, sollte am besten den Roman lesen.

In den folgenden Szenen - viel zu viele, die Aufführung dauert ewiglange fünfeinhalb Stunden - wird nicht nur der Roman zu Ende geführt, enthüllt, wer den Vater umgebracht hat, sondern es folgen auch noch erfundene, den Roman weiterdenkende Szenen, die das Hauptthema noch einmal umkreisen: Gibt es einen Gott? Ist, wer nicht an Gott glaubt, völlig hemmungslos, weil er Gottes Gebote nicht fürchtet?

Am Schluss tritt gar der Teufel auf: Susana Fernandes Genebra spielt brillant, sie tanzt lästerlich zur Höllenmusik von „Bernhardt", sinnlicher Ausdruck der Lust an der Freiheit und am Bösen. Ob Martin Laberenz meint, das 20. Jahrhundert oder unsere Epoche sei besonders böse weil ungläubig, ist ebenso wenig zu entschlüsseln wie die Frage zu beantworten ist, ob der Regisseur an Gott glaubt.

Wie dem auch sei, Laberenz hat mehrfach gesündigt: vor allem gegen gute alte Gebote der Dramaturgie. Diese „Brüder Karamsow" hätten mit zwei Stunden weniger Spielzeit gut auskommen können, ohne dass die Aussage beeinträchtigt worden wäre - und die Wirkung wäre, weil konzentriert, stärker gewesen.

Ulrich Fischer

Aufführungen: 23. und 30. April; 6. und 8. Mai - Spieldauer 5 Std. 30 Min. Kartentel.: 0511 9999 1111 - Internet: www.staatstheater-hannover.de

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