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04/10/2015 09:18 CEST | Aktualisiert 04/10/2016 07:12 CEST

Carl Sternheims „Kassette" in Hamburg ohne Not verharmlost

Dramatiker&Publikum entschädigungslos enteignet

HAMBURGS Schauspielhaus hat nicht zuletzt einen exzellenten Ruf, weil es oft das rechte Stück zur rechten Stunde zeigt. Am Samstag hatte "Die Kassette" Premiere. Carl Sternheim nimmt in seiner häufig gespielten Komödie die Habsucht aufs Korn.

In der "Kassette" liegt ein kleines Vermögen; es gehört der Tante. Der Mann ihrer Nichte will, dass seine Frau das Geld erbt, koste es, was es wolle.

Auf dem Altar des Goldenen Kalbes opfert er bedenkenlos seine Selbstachtung - und verliert so den Respekt der herrsch(?)süchtigen Tante, die ihr Geld lieber der Kirche vermacht. Die Maxime der Tante, die Maxime aller: „Ich will Genuss aus meinem Reichtum."

Ein Königreich für einen Lacher

Regie führt in Hamburg Herbert Fritsch. Er ist berüchtigt für seinen entfesselten Witz. Am besten gelangen die Kostüme von Victoria Behr.

Die Tante (herrschsüchtig und sexuell frustriert: Anja Laïs), ein Drachen, der den Schatz hütet, trägt ein pfirsichfarbenes Kleid im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit einem überdimensionierten Cul de Paris (künstlich betontes Hinterteil). Dazu geschminkt als litte sie unter Scharlachfieber in der finalen Phase wirkt die Erbtante wie ein Alptraum auf der Suche nach einem Mann.

Die anderen bleiben dahinter kaum zurück und sprechen wie getrieben rasch - zu rasch. Man kann sie kaum verstehen. Sternheims Sprache ist sowieso schon verrückt steil angegipfelt expressivexpressionistisch.

Wenn die Schauspieler den Zuschauern diese Manierismen nicht um Verständnis bemüht servieren, fallen die ganzen Pointen unter den Tisch. Es ist paradox: auf der (verkrampft wirkenden) Suche nach Komik bringt der Regisseur eine ganze Dimension des Komischen um seine Wirkung.

Dabei wird wenig gelacht im Schauspielhaus bei größtem Körpereinsatz der Schauspieler. Michael Weber als Notar hat einen Mix von Charleston und Schüttelrüttellähmung einstudiert - nicht einmal Spielfreude versprühte dieser sinnfreie Quatsch; bei der dritten Wiederholung spätestens enthüllte er, was er schon anfangs war: öde.

Offenbar möchte sich der Regisseur auf Kosten des Dramatikers profilieren. Das führt zu Unmut, in der Pause geht ein Teil der Zuschauer, am Ende gibt es Buhs - aber viele klatschen. Warum? Der Regisseur hat auf der Suche nach Witzen das Zentrum des Stücks aus den Augen verloren: die Attacke auf die Habgier.

Der Ernst der Komödie

Es gäbe ja einige Zielscheiben: VW - Wolfsburg liegt nahe, gar nicht so weit von Hamburg entfernt; oder wir, die Zuschauer.

In Hamburg machen sich Herbert Fritsch und sein Ensemble stattdessen lustig über die Oper - manchmal treten die Schauspieler nach vorn und schreien laut - begleitet von abgebrauchten Gesten alternder Sänger wirkt das so komisch wie Sänger eben wirken, wenn sie den Mund weit aufreißen müssen, um das O zu runden und den Ton zu treffen. Aber dieser Spott ist harmlos im Vergleich zu Carl Sternheim - der ist bissiger. Er meint uns.

Auf die Idee kommt man bei dem Gehampel und Gezappel auf der Bühne kaum; solche Zerrbilder kann sich jeder leicht vom Leib halten. Die maßlosen Übertreibungen lenken nur ab. Der Witz ist richtungs- und deshalb zahnlos.

Die Inszenierung verharmlost die Komödie.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 8., 14. und 17. Okt., 8. Nov. - Spieldauer: 2 1/2 Std.

Kartentel.: 04024 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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