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16/08/2015 08:24 CEST | Aktualisiert 16/08/2016 07:12 CEST

"Accattone" eröffnet Ruhrtriennale

dpa

Anfechtbar

DINSLAKEN. „Accattone" wird überschätzt. Der erste Film von Pier Paolo Pasolini von 1961 gilt als Meisterwerk des Neorealismus. Doch seine Fabel- und Figurenkonstruktion sind anfechtbar.

Das wurde jetzt wieder deutlich, als Johan Simons zur Eröffnung der Ruhrtriennale am Freitag eine Bühnenadaption Koen Tachelets von „Accattone" (ital. f. Bettler) präsentierte. Accatone, ein junger Mann, hat keine Ausbildung, keine Arbeit und keine Zukunftsperspektive.

Ihm geschieht gesellschaftliches Unrecht. Das gibt ihm aber noch lange nicht das Recht, seine Freundin auf den Strich zu schicken, sie zu beschimpfen und zu verprügeln. Geschweige denn, nach andren Mädchen Ausschau zu halten, um sie für sich anschaffen zu lassen.

Überhöht und überfrachtet

Pasolini hatte die Geschichte im Kleinkriminellenmilieu kontrastiert mit Musik von Johann Sebastian Bach - Accattone sollte wohl als Leidensgeschichte wirken, in die Nähe der Passion Christi gerückt werden.

Ähnlich bei Johan Simon. Aber Accattone ist nicht Jesus, Jesus war kein Zuhälter, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und ein Erlöser ist Accattone schon gar nicht.

Das Problem erscheint brennend aktuell, weil heute die Jugendarbeitslosigkeit ein Riesenproblem ist, nicht nur in Deutschland. Insofern war es ein toller Einfall, die Uraufführung ins krisengeplagte Dinslaken an der Peripherie des Ruhrgebiets zu verlegen.

Der Reiz des Zerfalls

Dort gibt es eine verrottende Industrieruine, die Kohlenmischhalle Zeche Lohberg. Sie ist über zweihundert Meter lang - und der Blick der Zuschauer schweift noch weiter, weil die Stirnwand des zerrütteten Gebäudes fehlt.

Das Spiel beginnt um 20 Uhr und dauert gut zwei Stunden. Im Lauf der Zeit wird es dunkler, am Ende finster - diese natürliche Verminderung des Lichts entspricht der Tragödienstruktur von Accattone, sie endet mit dem Tod des zweifelhaften Helden.

Aber so stark die Bilder sein mögen, die in der Ferne häufig rätselhaft wirken, das Geheimnis des Lebens, die Wirrnisse der Irrationalität beschwören, das kann keinen Ausgleich bieten für die Schwächen er Fabelkonstruktion.

Warum entschließt sich Accattone nicht, mit seinen Freunden politisch zu arbeiten, das Recht der jungen Leute auf Ausbildung und gut bezahlte Arbeit einzufordern? Vermutlich wäre das zu prosaisch. Und die Bachkompositionen, die makellos vom Chor Collegium Vocale Gent und vom Orchester Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe das Spiel immer wieder unterbrechen, hätten kaum Platz gefunden.

Allerdings wäre eine politischere, weniger poetische Fabelkonstruktion eher den Bedürfnissen der heutigen jungen Leute gerecht geworden.

Hoffnung auf Revolution?

Pasolini hoffte Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dass das Subproletariat, das Accattone repräsentiert, das Proletariat als revolutionäre Kraft ersetzen könne - diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Es gibt keinen guten Grund, sie heute wieder zu bekleben.

Die Schauspieler gaben ihr Bestes und mussten sich bei starkem Körpereinsatz häufig auf den mit Steinen bedeckten staubigen Boden werfen - eine Zumutung, die Regisseur Johan Simons zu verantworten haben dürfte.

Sozial ist das nicht. „Accattone" ist nicht Simons überzeugendste Arbeit, der Auftakt der Ruhrtriennale, der ersten unter seiner Intendanz, ist ebenso anfechtbar wie dieser neuealte „Accattone".

Ulrich Fischer

Auff. in Dinslaken, Kohlenmischhalle Zeche Lohberg, am 19., 20., 22. und 23.Aug.

Internet: www.ruhrtriennale.de

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