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09/03/2016 08:27 CET | Aktualisiert 10/03/2017 06:12 CET

Starke Kinder brauchen Regeln

Sally Anscombe via Getty Images

So große Wut

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Wie Peinlich Mit ein bisschen Betteln schafft es der dreijährige Simon fast immer, seine Mutter zu überreden, dass er sich beim Einkaufen eine Süßigkeit aussuchen darf. Heute jedoch spielt seine Mutter nicht mit. Sie will ihm nichts kaufen. Simon rastet aus. Er beschimpft sie, schreit und tobt. Und wie reagiert die Mutter? Sie bleibt dabei, schüttelt den Kopf und kramt in ihrem Einkaufswagen, während sie an der Kasse in der Schlange wartet. Schließlich reißt Simon einen Schokoriegel aus dem Regal und wirft ihn nach seiner Mutter, und noch einen, und noch einen. Dann rennt er auf sie zu und haut mit beiden Händen gegen ihr Bein. Jetzt muss die Mutter reagieren. Nun selbst auch richtig wütend, spricht sie wilde Drohungen aus. Simon wälzt sich jetzt am Boden und weint und schreit. Die Kassiererin schenkt der Mutter einen mitleidigen Blick, andere Leute schauen missbilligend und kritisieren unüberhörbar Mutter und Kind. Simons Mutter zerrt ihren Sohn an beiden Armen hoch und zischt ihm ins Ohr: „Du bist einfach schrecklich!" Unter großem Geschrei und Geheul des Kindes bezahlt die Mutter ihre Einkäufe und verlässt den Supermarkt. Simon kämpft mit ihr und will nicht an der Hand gehalten werden. Irgendwie schafft sie es, den Jungen, der völlig außer sich ist, in den Autokindersitz zu verfrachten und anzuschnallen. Auf der Fahrt nach Hause schreit und weint Simon. Seine Mutter ist ärgerlich und zugleich fühlt sie sich völlig geschafft.
Wütende Kinder sind an sich nichts Neues. Was sich verändert ist, wie Eltern, ja, wie die ganze Gesellschaft damit umgeht. Erzieherinnen und Lehrer beklagen zunehmend eine mangelnde Frustrationstoleranz bei Kindern im Vorschul- und im Schulalter. Viele Kinder „rasten aus", wiederholt und mit einer Vehemenz, die auch erfahrene Pädagogen erschreckt. Es stellt sich die Frage, wie Eltern damit umgehen können, wenn ihr Kind außer sich ist.

Frustrationstoleranz

Auch Klein- und Kindergartenkinder nehmen schon ziemlich deutlich wahr, wenn es zwischen Wollen und Können eine Diskrepanz gibt. Während manche scheinbar unbeeindruckt von Misserfolgen sich immer wieder an einer Tätigkeit ausprobieren, reagieren andere auf das fehlende Erfolgserlebnis schnell mit Frustration. Einige Kinder teilen ihre Enttäuschung eher mit Wut und Zornesausbrüchen mit, andere Kinder ziehen sich zurück und sind in sich gekehrt.
Frustrationstoleranz ist Kindern nicht einfach gegeben. Sie muss erlernt, erfahren und auch vorgelebt werden
Um sich zu verdeutlichen, wie es einem Kind geht, das gerade mit seiner Enttäuschung nicht gut umgehen kann, stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie schwimmen in einem Becken und versuchen den Rand zu erreichen. Es gelingt ihnen nicht, der Rand weicht zurück. Sie versuchen immer heftiger mit den Armen und Beinen zu rudern, erreichen aber nur das Gegenteil. Die Gefühle, die hier ausgelöst werden, reichen von Wut, Aggression bis hin zu Panik. Ähnlich geht es einem Kind, dem es nicht gelingt, aus einer Verhaltensschleife herauszukommen, weil es eine Sache einfach nicht schafft oder es sie nicht bekommt.

Beim Nein bleiben

Simons Mutter hat durchgehalten. Sie ärgert sich nur über sich, weil sie nicht ruhig geblieben ist und sich doch hat provozieren lassen. Zu Hause überlegt sie, wie sie Simon helfen könnte, mit den Versuchungen an der Supermarktkasse klarzukommen, ohne mit ihm in Streit zu geraten. Aber sie ist stolz, dass sie bei ihrem Nein an der Supermarktkasse geblieben ist, obwohl ihr Sohn so getobt hat. Sie ist sich sicher: Je weniger ein Kind gewohnt ist, dass es ein „Nein" bekommt und Mutter und Vater bei dem „Nein" bleiben, umso heftiger wird es sich zur Wehr setzen. Denn die Erfahrung zeigt dem Kind, dass sich das „Nein" mit Gezeter, Beschimpfungen und gewalttätigen Übergriffen aufweichen lässt. Spürt es jedoch die gestärkte innere Haltung, der gewählten Linie treu zu bleiben, wird sich - über kurz oder lang - etwas ändern.

Ausnahmezustand Trotzphase

Zwischen zwei und vier Jahren durchlaufen Kinder die Trotzphase. Bei manchen ist sie harmlos und geht rasch vorbei, bei anderen werden alle Facetten exzessiv ausgelebt. Sie ist Teil der Entwicklung des Kindes. Doch das ist nun wirklich kein Trost, wenn man so ein Funken sprühendes Wutknäuel vor sich hat. Die Trotzphase stellt eine besondere Herausforderung für Eltern dar. Grundsätzlich hilft es, sich zu sagen: Je besser es mir gelingt zu akzeptieren, dass wir gerade eine schwierige Zeit durchmachen (die aber auch irgendwann vorbei sein wird), umso gelassener kann ich während des Trotzanfalls bleiben. Wie kann das gelingen?
Überlegen Sie sich vor dem Trotzanfall, wie Sie gerne in der entsprechenden Situation reagieren möchten
Durch gedankliche Vorbereitung: Überlegen Sie sich vor dem Trotzanfall, wie Sie gerne in der entsprechenden Situation reagieren möchten. Und machen Sie das möglichst konkret. Gelassen und ruhig bleiben, das ist klar. Aber was heißt das genau? Was möchte ich sagen, wie möchte ich schauen, was möchte ich tun oder nicht tun? Was mache ich mit meinen Händen? Versuchen Sie, die Trotzanfälle mit einem humorvollen Blick zu betrachten. Probieren Sie es aus! Was passiert, wenn ich den nächsten Zornesausbruch als Übung für mich selbst betrachte, meine Vorsätze anzuwenden? Aber: Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind dadurch plötzlich aufhört zu schreien oder sich auf dem Boden zu wälzen. Wahrscheinlich macht es genauso weiter, als würde es Ihre Bemühungen gar nicht bemerken. Aber es macht einen großen Unterschied, ob Sie sich nach dem Trotzanfall über sich ärgern oder stolz auf sich sind, Ihr Kind durch seine Wut hindurch begleitet zu haben. Für Simons Mutter, der die Szene an der Supermarktkasse sehr unangenehm ist, ist die Grenze klar. Ihr Dreijähriger mag zwar im Trotzalter sein, aber das heißt nicht, dass sie sich mit diesem Verhalten abfinden will. Sie wird mit ihm darüber reden, wenn er sich beruhigt hat. Außerdem nimmt sie sich vor, sich das nächste Mal nicht provozieren zu lassen. Und sie überlegt, welche Absprache sie mit Simon treffen könnte, die ihn von den Versuchungen der Supermarktkasse ablenken könnte.
Bewährte Tipps von Eltern • Eine Familienregel einführen: Beim wöchentlichen Großeinkauf darf sich jedes Kind eine Sache aussuchen, die es unter der Woche gerne essen möchte. • Nach dem Einkauf geht man manchmal noch zur Eisdiele. • Statt Süßigkeiten an der Kasse zu kaufen, gehen alle nach dem Einkauf noch eine halbe Stunde zum Spielplatz. • Wenn sich eine „Krise" an der Kasse anbahnt: in den Arm nehmen, Nähe schaffen, auch wenn sich das Kind zunächst dagegen wehrt. Das Signal ist: Ich weiß, das ist nicht leicht für dich. Ich bin da, ich habe dich lieb.
Eltern müssen klare Grenzen setzen. Sie müssen sagen und zeigen: „Es ist okay, dass du wütend bist. Aber es ist nicht okay, wenn du dabei jemandem wehtust oder etwas kaputt machst." Das Gefühl „Wut" ist nicht verboten, im Gegenteil, alle Gefühle sind wichtig und richtig. Natürlich werden Kinder wütend, aber sie müssen lernen, wie sie damit umgehen können, ohne andere zu verletzen.
Nach dem Wutanfall kann man darüber sprechen und dem Kind vorschlagen, nächstes Mal etwas anderes zu probieren
Vorher wird man es, da es in diesem Moment noch ganz von seinen Gefühlen beherrscht wird - nicht erreichen. Je jünger das Kind ist, umso eher braucht es Hilfe, um wieder ruhig zu werden und zuhören zu können.

Wenn die Wut hochkocht

Damit das Kind seine Gefühle besser einzuschätzen lernt, kann die Mutter, wenn sie sieht, dass ihr Kind bald zu explodieren droht, diese Gefühle in Worte fassen, zum Beispiel: „Dieser Reißverschluss ist aber auch wirklich blöd. Der nervt dich, oder?" Das Kind wird innehalten und in diesem Moment feststellen, dass Wutgefühle auch abflauen können, ja beherrschbar sind. Es ist zwar noch immer frustriert, weil es den Reißverschluss nicht zubekommt, aber es fühlt sich verstanden und nicht alleine mit diesem starken Gefühl.
Damit aus Wut keine Gewalt wird, können Kinder Folgendes ausprobieren: • Frust abbauen: - Die Treppe rauf und runter rennen; - mit den Füßen auf den Boden stampfen; - in ein Kissen boxen; - in ein anderes Zimmer gehen und laut schreien. • In einer Streitsituation: - Weggehen; - deutlich sagen, was einen aufregt: „Lass mich in Ruhe, sonst werde ich richtig wütend." Das darf man ruhig so sagen, dass der andere merkt: „Ui, der ist sauer." - Erwachsene um Hilfe bitten, wenn der andere trotzdem nicht aufhört, einen zu ärgern.
Kinder sollen lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Das gilt es einzufordern. Wenn Finn den Impuls spürt, Erik die Schaufel auf den Kopf zu donnern, weil der so doof ist und dauernd seine Sandburg kaputt macht, muss er lernen, diesem Impuls nicht nachzugeben. Da ist es die Aufgabe der Eltern, dem Kind klarzumachen, dass das nicht in Ordnung ist. Eindeutig, entschieden, unverrückbar. Finn kann lernen, sich mit Worten zu helfen und zu wehren: „Lass das! Mach meine Burg nicht kaputt!" oder „Stopp! Das macht mich wütend!" Finn weiß dann: Die Wut ist okay, aber nicht das Wehtun oder Kaputtmachen. Der Beitrag basiert auf dem Buch Starke Kinder brauchen Regeln. Klare Grenzen - entspannte Familie. Mit kleinen Veränderungen viel bewirken von Ulla Nedebock 2016-03-09-1457525288-9444900-3D416366_M.jpgAuch auf HuffPost:

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