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06/07/2015 08:06 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 07:12 CEST

Im freien Fall

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Nahe Paris, Frankreich, 1995

Die schwarze Limousine bog in rasantem Tempo auf den kleinen Flugplatz westlich von Paris ab. Philippe Beaumont saß auf der Rückbank und blätterte hektisch in seiner Rede, die er etwa eine halbe Stunde später vor Tausenden seiner Pariser Mitbürger halten würde. Er war spät dran. Die beiden Wahlkampfreden am Vormittag hatten länger gedauert als vorgesehen.

Seine anstehende Rede sollte die bedeutendste des Tages werden, und so ging er sie wieder und wieder durch. Immerhin würden ihm 40.000 potentielle Wähler zuhören. Es war seine Idee gewesen, eine Rede im Parc des Princes zu halten. Seine PR-Manager hatten versucht ihn davon abzubringen.

Ihrer Meinung nach war das Risiko zu groß, dass nicht genügend Zuschauer in das Fußballstadion kommen würden. Sie fürchteten, dass die Bilder eines angehenden Bürgermeisters vor halbleeren Rängen sein Image als aufgehender Stern über dem Pariser Polithimmel beschädigen würden. Aber Beaumont war sich seiner charismatischen Wirkung auf die Pariser Bürger sehr bewusst. Er zweifelte nicht an ihrer Unterstützung.

Erst wenige Monate zuvor hatte er sich als Vertreter der Sozialistischen Partei für das Amt des Pariser Bürgermeisters aufstellen lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte fast niemand den jungen Politiker gekannt. Er war mit Anfang 40 ein noch unbeschriebenes Blatt in Politkreisen gewesen. Und so hatte die französische Presse ihm nicht die leiseste Chance auf das Amt eingeräumt. Auch seine politischen Gegner waren davon ausgegangen, leichtes Spiel mit Beaumont zu haben, und planten bereits für ihre nächste Amtszeit im Pariser Rathaus.

Doch es war gerade seine jugendliche Art und sein gutes Aussehen, die Beaumont in kürzester Zeit zum neuen Superstar in Paris machten. Viele der weiblichen Wählerinnen bewunderten ihn und seine schöne Frau für ihr elegantes Auftreten bei öffentlichen Anlässen. Einem königlichen Glamour-Paar gleich hatten sie die Titelblätter nahezu aller Zeitschriften und Tageszeitungen in den Monaten zuvor geziert. Der Großteil der männlichen Wähler wiederum respektierte Beaumonts wirtschaftlichen Aufstieg. In eine klassische Arbeiterfamilie hineingeboren, war Beaumont aus eigener Kraft zu einem erfolgreichen Unternehmer avanciert.

Seine pressewirksamen Auftritte steigerten seine Bekanntheit und seine Sympathiewerte auf nie zuvor gekannte Weise. So sehr, dass er in jüngsten Umfragen die Führung übernommen und entgegen aller Erwartungen gute Aussichten auf den Wahlsieg hatte.

Für Beaumont selber waren seine Auftritte nur Mittel zum Zweck. Hinter der glitzernden Fassade verbarg sich ein kühl berechnender Geist. Das Pariser Rathaus war für ihn nicht mehr als eine Zwischenstation auf dem Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Dem Élysée-Palast. Dem Sitz des französischen Staatspräsidenten.

Auch über seine eigentliche politische Gesinnung wusste die Öffentlichkeit im Grunde nur wenig. Der glamouröse Schein, der in den Vordergrund seiner Kampagne gerückt wurde, sollte zunächst völlig ausreichen, um genügend Stimmen zu sichern.

Die Limousine war inzwischen vor dem kleinen Hangar zum Stehen gekommen. Ein Bodyguard öffnete die Tür des Wagens. Beaumont beugte sich zu seiner Frau, die neben ihm saß, und gab ihr einen Kuss auf die Wange. «Wir sehen uns dann gleich im Stadion», sagte er. «Viel Glück», rief ihm seine Frau noch hinterher, als er voller Elan aus der Limousine stieg und zum Hangar eilte.

Dort reichte ihm einer der Mitarbeiter des Flugplatzes die Ausrüstung und das Gurtzeug für den Fallschirmsprung. Beaumont behielt seinen maßgeschneiderten Anzug an und zog sich den Overall und die Ausrüstung darüber.

Die Genehmigung für einen Fallschirmsprung über Paris zu bekommen, war schon schwer genug gewesen. Dass Beaumont zu allem Überfluss auch noch im Fußballstadion landen wollte, hatte die Pariser Behörden nahezu überfordert. Doch Beaumont konnte sich auch in diesem Punkt auf sein Wahlkampfteam verlassen. Er hatte sich bereits in der frühesten Phase seiner Kandidatur mit den besten PR-Köpfen des Landes umgeben. Und sie hatten sich ihr üppiges Gehalt verdient und die Genehmigung schließlich eingeholt.

Beaumont war ein erfahrener Fallschirmspringer. Der anstehende Sprung war für ihn reine Routine. Unzählige Male war er schon an diesen Flugplatz gekommen. Unzählige Sprünge hatte er bereits absolviert. Dennoch verspürte er ein Kribbeln, als er daran dachte, dass er ein paar Minuten später in ein voll besetztes Stadion hinab segeln würde. Seine größte Angst war, die Landung zu vermasseln, und auf dem Hosenboden über den frischgemähten Stadionrasen zu rutschen.

Während er sich noch das Gurtzeug anlegte, wandte er sich an den Flugplatzmitarbeiter. «Sagen Sie dem Piloten, er soll die Maschine schon mal starten. Ich bin in einer Minute da.»

Der Mann lief daraufhin aus der Halle und ließ Beaumont alleine zurück. Im hinteren Teil des Hangars entdeckte Beaumont einen weiteren Angestellten des Flugplatzes. Er war mit dem typischen grauen Overall bekleidet, den alle Mitarbeiter hier trugen.

Im Halbdunkeln der Halle konnte Beaumont sein Gesicht nicht genau erkennen. Zumal der Mann auch noch eine Baseballkappe trug, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Beaumont wusste aber, dass es sich nur um Nicolas, den Sprunglehrer des Platzes, handeln konnte. Nicolas war auch derjenige, der sich immer um Beaumonts Schirme kümmerte, wenn er selber keine Zeit dafür hatte. So auch an diesem Tag.

Dies widersprach zwar einer der Grundregeln des Fallschirmspringens, die besagte, dass man sich stets um seinen eigenen Schirm zu kümmern hatte. Aber als Politiker, der im Wahlkampf einen 16-Stunden-Tag verfolgte, konnte Beaumont darauf keine Rücksicht nehmen. «Nicolas», rief Beaumont lächelnd. «Schaust du dir den Sprung im Fernsehen an?» Der Mann auf der anderen Seite der Halle drehte sich zu ihm, und hob den rechten Daumen. Anschließend verschwand er wortlos in einem der hinteren Lagerräume.

Bereits zwei Minuten später saß Beaumont mit einem seiner Mitarbeiter in der kleinen Maschine und rollte über die Startbahn. «1800 Meter sollten heute reichen», schrie Beaumont unaufgeregt ins Cockpit der kleinen Propellermaschine. «Ich bin schon überfällig und will nicht unnötig Zeit verlieren.» Der Pilot im Cockpit nickte. Wenig später betrachtete Beaumont aus der Flugzeugkabine heraus die Stadt unter sich. Schon nach wenigen Minuten erkannte er das Stadion im 16. Arrondissement der französischen Hauptstadt.

«Hat Nicolas den Schirm zusammengelegt?», fragte Beaumont seinen Kabinennachbar. «Ja», antwortete dieser. «Das hat er gestern vor seinem Urlaub noch als Letztes gemacht.» Beaumont schaute sein Gegenüber irritiert an. «Urlaub? Ich habe ihn doch vorhin noch gesehen.» Der Flugplatzmitarbeiter zuckte mit den Schultern. «Kann schon sein. Vielleicht hatte er noch was im Büro vergessen und ist kurz reingekommen.» Beaumont dachte nicht weiter darüber nach, denn in diesem Moment erhielt er vom Piloten das Zeichen, dass sie die Absprunghöhe erreicht hatten.

Der Mitarbeiter öffnete die Seitentür der Flugzeugkabine und signalisierte Beaumont, dass alles bereit war. Ohne zu zögern ging Beaumont zur Tür, blickte hinaus und sprang durch die schmale Öffnung in den sonnendurchfluteten Pariser Himmel.

Kaum, dass er aus dem Flugzeug gesprungen war, nahm Beaumont die klassische Freifallhaltung in Bauchlage ein. Schon nach wenigen Sekunden stürzte er mit 180 km/h dem Pariser Erdboden entgegen. Er sah auf seinen Höhenmesser. Soeben hatte er die 1300-Meter-Marke passiert und warf gleich danach seinen Hilfsschirm in den Luftstrom. Der Hilfsschirm öffnete durch den starken Zug umgehend den Hauptcontainer auf Beaumonts Rücken, in dem der Hauptschirm steckte. Sekundenbruchteile später wurde der Hauptschirm herausgezogen und verlangsamte Beaumonts Fallgeschwindigkeit.

Beaumont bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die bremsende Wirkung des Schirms war kaum spürbar. Er blickte hinauf und stellte fest, dass der Hauptschirm völlig verheddert war und sich nicht richtig geöffnet hatte. Beaumont reagierte gedankenschnell und zog ruckartig ein paar Mal an den Leinen. Vergeblich. Dennoch wurde er nicht panisch.

Ausgerechnet heute, dachte er und ärgerte sich, dass er den Reserveschirm in Anspruch nehmen musste.Er hatte schon viele Sprünge hinter sich und spulte für Störfälle wie diesen sein erlerntes Wissen ab. Mit einer einstudierten Bewegung trennte er den Hauptschirm vom Container. Unmittelbar danach versuchte er den Reserveschirm zu öffnen. Aber es tat sich nichts.

Beaumont blickte auf seinen Höhenmeter. Jetzt ergriff ihn doch Angst. Er versuchte immer wieder, den Reserveschirm zu öffnen, während er den todbringenden Erdboden unaufhaltsam auf sich zurasen sah. Panisch schaute Beaumont auf seinen Höhenmeter. Er hatte bereits die Höhe unterschritten, bei der auch der Öffnungsautomat den Schirm von alleine hätte auslösen müssen. Wild zog er an dem Griff des Reserveschirms. Das Stadion mit der Zuschauermenge, die Autos auf den Straßen von Paris, alles rückte rasend schnell und bedrohlich nah an ihn heran. Beaumont fing an zu schreien und war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.

Nur wenige Sekunden später beobachtete die gerade noch jubelnde Menge im Stadion, wie der Fallschirmspringer über ihnen ohne geöffneten Schirm auf sie zustürzte. Gleich danach zerschmetterte Beaumonts Körper auf dem Asphalt des mehrspurigen Boulevard Périphérique, der direkt am Stadion entlang führte. Beaumonts kometenhafter Aufstieg zum neuen Rockstar der französischen Politik endete an diesem Tag, noch ehe er richtig begonnen hatte.

Während die Menschenmenge im Stadion schockiert zu den Ausgängen stürmte, stieg einige Kilometer entfernt ein Mann in sein Auto und fuhr in ruhigem Tempo vom Parkplatz des kleinen Flugplatzes. Zuvor hatte er den Overall mit dem Namensschild «Nicolas» auf der Brust zurück in den Spind gelegt, aus dem er ihn entnommen hatte.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Janus-Protokolle"

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Seiten: (ca.) 616

Erscheinungsdatum: Juni 2014

ISBN: eBook 978-3-95520-280-4

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