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22/09/2015 12:11 CEST | Aktualisiert 22/09/2016 07:12 CEST

Mit Flüchtlingen im Zug von Ungarn nach München

Getty

Zuerst konnte ich es nicht glauben. Am Budapest-Keleti-Bahnhof waren tausende von Menschen, die nicht wie Europäer aussahen. Noch vor einer Woche, als ich nach Temeswar gefahren war, waren sie viel weniger gewesen. Ich saß auf einer Bank und updatete meinen Facebook-Status: "Es gibt Tonnen von Migranten am Budapest-Keleti Bahnhof."

Ich dachte an gestern, als mein Zug in Budapest in sieben anstatt fünf Stunden ankam. Noch dazu funktionierte die Klimaanlage nicht - sieben Stunden mit einer Zeitung fächern! Ich muss noch erwähnen, dass zwischen Temeswar und Budapest die Polizei an der Grenze fast 10 Minuten meinen Pass kontrolliert hatte.

Na ja: jemand mit Reisepass von Aserbaidschan, mit einem deutschen Aufenthaltstitel, fährt von Rumänien nach Ungarn. Wahrscheinlich ist er ein Terrorist, besonders, wenn er ein bisschen wie ein Araber aussieht.

Als ich gestern in Budapest angekommen war, hatte ich weder ein Ticket zurück nach München, noch ein Zimmer, in dem ich übernachten konnte. Und so war ich zuerst einmal erleichtert, dass ich für das Ticket nur 49 Euro bezahlen musste und für die letzte Nacht ein Bett im Achter-Zimmer in einem Hostel gefunden hatte.

Ein Zug voller Menschen

Budapest-Keleti - Richtung München: Der Zug setzte sich also in Bewegung. Ein Mädchen, das ich schon am Bahnhof gesehen hatte, fragte mich, ob ich ihr helfen könne, ihren Koffer zu heben. Dann saß sie neben mir. Sie war schön. Ich bemerkte, dass sie ein bisschen verunsichert war und reden mochte. Ah, ich habe vergessen, zu erwähnen, dass es im Zug keinen Platz gab, um sich zu bewegen, weil zu viele Leute stehen mussten.

Ich bemerkte, dass sie sich zunehmend unwohl fühlte. Sie fragte mich, ob ich Englisch könne. Wir redeten ein bisschen. Sie war Ungarin, 20, studierte Grafikdesign. Die letzten zwei Monate hatte sie getrampt und im Zelt geschlafen. Während unseres Gesprächs hatte ich gehört, dass die vielen anderen Leute auf Englisch sprachen.

Jetzt wurde mir schlagartig bewusst, dass die Leute, die ich schon am Bahnhof gesehen hatte, die Flüchtlinge aus Syrien waren. In den letzten Tagen hatte ich zwar von den Flüchtlingsströmen gehört, dieser 31. August sollte allerdings einer der ersten Tage werden, an dem die Züge komplett verstopft waren.

Das Mädchen hörte nicht auf zu erzählen: dass sie ein bisschen geweint hatte, dass sie schockiert vom Anblick der vielen Flüchtlinge war, dass sie noch dazu ihre Tage habe...

Dann folgender kurzer Dialog:

Ich: Should I hug you?

Sie: Yes. I actually wanted to hug you already ten minutes ago

Ich umarme sie. Nach zehn Sekunden:

Ich: May I kiss you?

Sie: Ah, train story.

Sie nimmt ihren Kaugummi aus dem Mund. Wir küssen uns für einige Minuten.

Dann hatte ich einen Floh

Nach einer Weile erreichte der Zug ihren Bahnhof und ich half ihr wieder mit ihren Koffern. Ich trug den Koffer bis zum Gleis, küsste sie zum Abschied und stieg wieder ein. In dem Moment zeigte einer der Flüchtlinge auf ihre Wasserflasche, die sie in der Tasche ihres Rucksacks hatte. Sie gab sie ihm ohne zu zögern und verschwand.

Zurück an meinem Platz sah ich, dass einer von den Flüchtlingen auf meinem Sitz saß - er stand aber sofort auf, als er mich gesehen hatte. Ich setzte mich. Statt des Mädchens saß jetzt ein Flüchtling neben mir. Vielleicht hatten diese Leute in der letzten Zeit auf der Straße übernachtet.

Und dann plötzlich... Was ist das auf meinem T-Shirt? Ein Floh? Wieso? Ah klar, trampen und im Zelt schlafen!

Keine Sitzplatzreservierung? Keine Zugfahrt!

Als wir den letzten Bahnhof vor der Grenze erreicht hatten, wurde bekannt gegeben, dass zu viele Passagiere ohne Sitzplatzreservierung im Zug waren und wir nicht weiterfahren könnten, bis alle diese Passagiere den Zug verlassen hätten. Diejenigen, die Deutsch verstanden, erklärten den Passagieren ohne Sitzplatzreservierung (ich glaube, fast alle waren Flüchtlinge) die Lage.

Ich hatte den Verdacht, dass wir da ein bisschen länger stehen bleiben würden. Nach einer halben Stunde kam wieder die gleiche Durchsage. Nur einige von den Flüchtlingen konnten Englisch und die unterhielten sich mit den anderen Leuten. Es war interessant für die Europäer, wer diese Menschen waren und wohin sie fuhren.

Wir hatten mittlerweile mehrere Stunden Verspätung. Für manche von den Passagieren hieß das, dass sie einfach zu spät zum Essen nach Hause kommen würden, andere flohen vor dem Krieg, um weiterleben zu können.

Nach einer Weile (ich hab schon vergessen, wie lange das Schweigen gedauert hat) wurde es wieder bekannt gegeben: Die Passagiere ohne Sitzplatzreservierung müssen den Zug verlassen. Diesmal wurde auch gesagt, dass diese Passagiere den anderen Zug auf einem anderen Gleis nehmen könnten, um nach Wien zu fahren. Niemand verließ den Zug, die Gespräche gingen weiter.

Was man macht, wenn der Zug stillsteht

Nach noch einer Weile erschien ein anderer Zug auf dem anderen Gleis. Die Flüchtlinge verstanden kein Deutsch, kannten das Bahnsystem auch nicht, und es wurde nicht gemeldet, dass der Zug, der schon weg war, dieser „andere" Zug war.

Wir waren schon Stunden zu spät. Manche Passagiere waren müde und liefen draußen herum und manche gingen in die Geschäfte, die nicht so weit von der Haltestelle waren. Da waren auch Journalisten und einige Flüchtlinge gaben Interviews.

Nach 3 Stunden kam noch ein Zug an. Es wurde nochmal die gleiche Sache bekannt gegeben. Halt! Ich hörte jemanden "dieser Zug fährt nicht nach München" sagen. Das bedeutete, ich musste umsteigen.

Na ja, direkte Verbindung nach München: Steige aus, überquere das Gleis, steige ein, finde einen Platz, setze dich. In diesem Zug: Eine Perserin erzählte einem Amerikaner, wie köstlich Persisches Essen war, neben mir ein orthodoxer Jude.

Zeit für Selfies

Wir waren schon in Wien und - nochmal schlechte Nachrichten: „Dieser Zug endet hier." Ich stieg nochmal aus und beeilte mich, in den neuen Zug einzusteigen. Nochmal kein Platz. Doch, im Restaurant des Zuges! Hier gibt es, am Ende meiner Reise zur Krönung noch Flüchtlingsselfies: Die Kellnerin packt ihr iPad aus.

Am Ende dann noch ganz komfortabel: Auf der Strecke Wien-München bringen die Menschen an jeder Haltestelle Essen und Getränke vorbei, zum Abschluss des Marathons wurde ich also noch gut ernährt.

Zu Hause angekommen, stellte ich mich erleichtert unter die Dusche, ich wollte die 12-stündige Odyssee und meinen Floh möglichst schnell loswerden. Kaltes Wasser - mein Mitbewohner hatte sich immer noch nicht um den Handwerker gekümmert...

Gute Nacht.

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