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17/12/2015 04:43 CET | Aktualisiert 17/12/2016 06:12 CET

Beschleunigung, Unterfinanzierung, neue Empörungskulturen - warum Medien Vertrauen verlieren

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Journalismus ist nicht die Profession, der die Bevölkerung am meisten vertraut; das zeigen Umfragen seit Jahren. Dennoch scheint gerade etwas verrutscht, schwindet der Glaube an eine gute Berichterstattung immer stärker. Auch dazu gibt es Studien.

Und noch mehr gibt es Gründe, die den Vertrauensverlust erklären. Da ist die soziale Schere, die sich trotz Wohlstand weiter öffnet, eine Segmentierung der Gesellschaft, die immer undurchlässiger wird. Daraus entsteht auch soziale Desillusion und Misstrauen gegen „die da oben", wozu schnell auch Medien gehören.

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Da sind dünnhäutige Politiker und Beamte, die in investigativen Recherchen Medienkampagnen sehen und entsprechend über Journalisten reden. Siehe die Klage gegen Netzpolitik.org. Siehe die gesamten Recherchen zu NSA, BND und Datensicherheit. Dem Journalismus springt Politik nicht mehr bei als sonst, eher weniger. Auch sie ist keine prosperierende Branche, vielleicht liegt es auch daran.

Journalismus ist keine Technologie

Man kann auch grundlegend fragen, welche Rolle der gesellschaftliche Wert des Journalismus in der Schule spielt - gemeint ist nicht die technologische Seite, Mediensysteme, Video-Produktion, Onlinerecherche.

Denn Journalismus ist keine Technologie. Er ist eine gesellschaftliche Aufgabe, ein ethisches Feld und wichtiges Scharnier für eine funktionierende Demokratie. Diese, und darauf soll der Fokus hier gelegt sein, braucht vor allem Zeit.

Zeit für Diskussion, Partizipation, Planung und Entscheidungen. Diese Zeit hat unser politisches System aber immer weniger zur Verfügung. Es muss stattdessen hetzen, produzieren und reagieren statt einmal mehr zu reflektieren und debattieren, wie es in Parlamenten die Regel ist. Wofür Parlamente erdacht wurden.

Gefährliche Alternativlosigkeiten

Die enorme Beschleunigung aller Lebensbereiche, vorangetrieben durch Digitalisierung, Wettbewerbsparadigma und stete Effizienzdogmen, wird an den vermeintlichen Alternativlosigkeiten deutlich, von denen Politiker neuerdings sprechen. Auch die Bundeskanzlerin.

Alternativlos scheinen Entscheidungen immer häufiger zu werden - sei es in der Schulden- und Eurokrise oder bei Kriegsdebatten. Vielleicht ist es wirklich ohne Alternative, wenn Bundestagsabgeordnete offen zugeben, Gesetzesvorlagen nicht mehr lesen zu können, weil ihnen schlichtweg die Zeit dazu fehlte.

Weil sie, trotz vieler Arbeit, auch einmal schlafen müssen. Die Zeit fehlt zur Reflexion, Debatte und Erklärung. Deswegen muss sich Politik den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht mehr ausreichend zu erklären, reaktiv zu sein, nur zu verwalten und die Gesellschaft nicht mehr mit größeren Zukunftsentwürfen betrauen zu können.

Insgesamt geht es um ein Gestaltungs- und Erklärungsdilemma, das nicht nur, aber auch mit der umfassenden Beschleunigung von Politik und Gesellschaft zu tun hat - in Zeiten, in denen die Themen auf der Agenda komplexer werden und sich eine Krise mit der anderen vermischt. Wobei auch über den Gebrauch des Krisenwortes nachzudenken ist, vor allem im Hinblick auf seltener angesprochene Chancen, die etwa Zuwanderung und Klimaschutz in sich tragen.

Wenn Politik weniger erklärt, wenn Abgeordnete zu Abstimmungsangestellten werden, dann entsteht ein Kommunikationsvakuum in die Gesellschaft hinein. Und zuerst in Medien hinein, die in der aktuellen Berichterstattung zumeist der politischen Agenda folgen.

Es gibt zwar Tendenzen der Loslösung durch das Aufkommen von Rechercheprojekten wie Korrektiv, dem Trend zu Slow Media und einer aufkeimenden Bloggersphäre. Dennoch bleibt die Nachrichtengefolgschaft strukturell bedingt.

In dieser Kopplung liegt ein Grund dafür, warum auch Medien und Journalisten nicht mehr soviel Vertrauen entgegengebracht wird wie früher vielleicht einmal.

Sie folgen Politikern, Wirtschaftsführern und andere Tonangebern, die sich in eilfertigen Pragmatismus flüchten - bewusst, weil es einfacher oder herrschaftsdienlicher ist. Oder unabsichtlich, weil sie, vermeintlich nicht anders können ob der Entscheidungszwänge, die EU oder andere übergeordnete Instanzen ihnen auferlegen.

Ausnahme TTIP

Es gibt Ausnahmen von der Beschleunigungslogik wie etwa die Debatte zum Freihandelsabkommen TTIP, die vielseitig ist, kritisch und nun schon lange geführt wird. Dies aber, weil die Zivilgesellschaft dafür auf die Straße gegangen ist und Medien gut recherchiert haben. Nicht aber, weil die Politik diese nötige Diskussionszeit von eingeplant hatte. Der Plan sah verschlossene Türen und klare Entscheidungen vor. Ohne große Alternativen.

Journalismus ist zusammen mit kritischen Bewegungen in der Gesellschaft nach wie vor fähig, Politik und Wirtschaft ihre nötige Eigenzeit abzuringen. Er könnte und müsste es aber noch öfter sein.

Siehe VW-Skandal, der in der Sache schon länger bekannt war. Siehe Fifa-Sumpf und DFB-Morast, die undurchsichtige Finanzierung von politischen Stiftungen oder der fragwürdigen Umgang mit Patientendaten, der als vernachlässigtes Thema auf der Seite der Initiative Nachrichtenaufklärung steht. Ganz oben auf der Vergessensliste stehen übrigens verkaufte Links und der Hinweis darauf, wie „Medien selbst ihre Glaubwürdigkeit untergraben."

Dies ist ein kleiner Hinweis auf den größeren Tatbestand, dass sich der Journalismus auch selbst in einen Zustand versetzt, der Vertrauensentzug zur Folge hat. Zuvorderst ist da die zunehmende Aufweichung der Agenda zu nennen, eine Nachrichtenauswahl weg von Relevanz und hin zu noch mehr Aufschrei, Bilderbergen und Lachhäppchen.

Der Boulevard scheint breiter zu werden, das Drama schräger und lauter. „Der entfesselte Skandal" heißt das Werk dazu von Bernhard Pörksen. Skandalisierung und Hatz sind, neujournalistisch gesprochen, aber keine Content-Strategien, die das Gewicht des Journalismus stärken. Sie schwächen ihn.

An dieses Gewicht aber denken Menschen, wenn sie gefragt werden, wie viel Vertrauen sie in Medien setzen. Es ist die Abfrage eines tiefergründigen Relevanzvertrauens und nicht zum letzten, medienbedingten Lachverhalten.

Die Boulevardisierungsthese ist aber nicht das Kernproblem. Sie beschäftigt Journalismusforscher schon lange, wird immer wieder bestätigt und auch wieder abgeschwächt. Sie ist aber grundlegend gültig - vor allem auch durch die Wechselwirkungen zwischen Social Media und dem sonstigen Nachrichtengeschehen.

Soziale Medien haben, bei allen Chancen, die sie für Partizipation, Themenvielfalt und Demokratie bieten, die Eigenart, dass sie aus einzelnen Kommunikationskanälen ein großes Meinungsmeer gemacht haben, indem jeder immer alles sagen, teilen und kommentieren kann. Ja, muss.

Vor allem geht es um Schau und Bewertung - seiner selbst und anderer. Aus Bewertung wird im schrankenlosen Raum schnell Empörung. Wo vorher wenige Kanäle zur Verfügung standen, kann nun jeder - auch in Blogs und anderen Foren - Meinung, Bewertung und Empörung abgeben.

So entsteht viel neues Wissen, aber auch mancher Wahn. Er kann aus Einzelmeinungen bestehen, aber so schnell wie nie zuvor zum Lauffeuer werden, das unkontrolliert brennt.

Neue Empörungskultur

Unter dieser neuen Empörungskultur leidet das Medienvertrauen enorm; Sammlungen wie Pegida haben daran großen Anteil. Diese Gruppe als Bewegung aus der Mittel der Gesellschaft zu beschreiben, war in der Tat ein Fehler mancher Medien.

Denn radikale und demokratiefeindliche Stimmen sollten auch genauso benannt werden. Hinhören, sprechen - ja, das ist die Aufgabe des Journalismus. Aber in die Mitte nehmen, medial aufblasen? Besser nicht. Denn dann werden scharfe Splitter wie der Vorwurf der Lügenpresse zu breiteren Klingen, die besser schneiden. Dort, wo sie schneiden sollen.

Wem gebe ich wie viel Raum? Und warum? Diese medienethischen Fragen müssen sich Journalisten immer wieder neu stellen. In der Flüchtlingsdebatte, bei der Klimafrage, in Netz- und Datenthemen.

Dabei dürfen sie nicht nur, sondern müssen Haltung zeigen für Werte, die das demokratische System ausmachen, in dessen Rahmen sie arbeiten. Dazu gehören Menschenrechte, Toleranz, Minderheitenschutz, Gleichberechtigung und auch der Umweltschutz.

Zur Haltungsfrage gibt es derzeit eine lebendige mediale Fachdebatte; der Medienethik-Professor Alexander Filipovic äußert sich immer wieder dazu, dass Medien stärker Haltung und Position beziehen müssen, zuletzt im Portal Grüner-Journalismus.

Medien haben Stellung bezogen

In der Migrationsdebatte haben Medien oft eine tolerante und demokratische Grundhaltung deutlich gemacht, mit vielen Berichten, durch eigene Konferenzen, neue Radio-Programme und Onlineseiten.

Mit dieser Demokratie- und Integrationsleistung können Journalisten durchaus selbstbewusster umgehen. Und dies denen vor Augen halten, die sie kritisieren. Denn Medien schweigen nicht immer, auch wenn sie viele relevante Themen nur anreißen, ihre Recherche in der Breite sicher nicht besser wird. Sie schaffen es aber zu wichtigen Einzelthemen immer wieder, eine vielfältige Öffentlichkeit herzustellen.

Das sind die Leuchttürme. Und es sind nicht wenige. Nur sind sie oft schlecht sichtbar, gehen unter, weil der Blick durch Nebel verstellt ist. Gemeint ist nicht die Spur der Nebelkerzen, also die Abgase der Scheinexklusivitäten und Ausdünstungen der Dorfsauen, die von Getriebenen getrieben werden. Das hatten wir schon.

Die Rede ist vom Grauschleier der Kleinfehler. Der fehlenden Nachrecherchen, der verzerrten Geschichten, der Einquellen-Artikel, Buddy-Stories und Thesen-Stücke. Der Defizite also, die jeweils für sich gesehen schlecht sichtbar sind, zusammengenommen aber als Qualitätsproblem durchaus deutlich werden - oder auch als Verschwörung, Gleichschaltung und totales Versagen, je nachdem, wie man es lesen will.

Grauschleier zieht über Land

Hinter diesem Grauschleier, der vor allem über Land zieht und lokale und regionale Redaktionen erfasst, steht der Verlust von Ressourcen, von Geld, Personen und Zeit - für Recherchen, Weiterbildung, Kreativität, Kollegialität, Expertise, Lektüre.

Der Arbeitsalltag vieler Journalisten ist mittlerweile so hochgradig verdichtet, dass zwangsläufig Verzerrungen und Fehler auftreten. Denn mit weniger Kollegen können nicht in kürzerer Zeit zunehmend komplexere Themen in steigender Qualität bearbeitet werden. Auch nicht, wenn manch Verleger dies behaupten!

Dieser Grauschleier, der in der Fläche entsteht, ist die finale Gefahr für weiteren Vertrauensverlust. Er kann aber zumindest teilweise vertrieben werden, wenn neu über die Finanzierung des Journalismus diskutiert wird. Damit sind nicht Debatten über Crowdfunding und Stiftungsgelder gemeint, die es durchaus gibt.

Fällig ist die Diskussion, gerade bezogen auf die Vertrauensfrage, über neue öffentliche Finanzierungen von Journalismus. Das kann ein gemeinnütziger Journalismus sein, so wie ihn das Netzwerk Recherche fordert. Es könnte aber auch ein deutsches System der öffentlichen Presse- und Medienfinanzierung sein, das vor allem lokale und regionale Zeitungen, Radios und Onlineportale einbezieht.

So, wie es in Schweden und Norwegen schon länger praktiziert wird. Dort ist das Vertrauen in Medien besonders groß, sind lokale Redaktionen nach wie vor ein sehr präsentes und vitales Scharnier zwischen Gesellschaft und Politik und damit ein wertvoller Rassismusfilter - weil Konzentrationsprozesse im Vergleich zu Deutschland weniger stark erfolgt sind.

Die Substanz bleibt im Norden, gefördert durch Schutzmodelle, erhalten, auch wenn es Verluste durch Medienwandel gibt. Bei uns bekommt das große Medienhaus jedoch größere Risse. Auch spotten immer mehr Passanten.

Wir sollten viel offener über die Renovierung des Hauses sprechen, weil es letztlich um das gemeinsame Gebäude der Demokratie geht, in dem wir, mit und wegen eines guten Journalismus, leben wollen.

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