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16/10/2015 10:03 CEST | Aktualisiert 16/10/2016 07:12 CEST

Christian Wulff : „Wir müssen unsere Werte verteidigen."

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Die Frage nach dem, was uns als Volk wie als Land ausmacht, wird inzwischen nicht mehr nur auf der Straße diskutiert. Am Montag meldete sich mit seiner Meinung zum großen Thema auch Bundespräsident a.D. Christian Wulff zurück. Allerdings fast unbemerkt. Obwohl er Worte sagte, die man nicht allzu oft in Deutschland hört. Zum Glück war der Dresdner Autor und Journalist Torsten Preuß dabei.

Ausgerechnet in der Hauptstadt der Pegida, referierte Christian Wulff am Montagabend zum Thema 2015-10-14-1444854008-8695855-Wulff2Gro.jpg

Eingeladen hatte die Volkshochschule Dresden ins Theater "Kleines Haus". Vor dem Theater hielten Vertreter der AfD Plakate in die Luft:

„Der Islam gehört NICHT zu Deutschland".

Als Bundespräsident hatte Christian Wulff vor fünf Jahren das Gegenteil behauptet, seitdem scheiden sich die Geister an diesem Satz. In Dresden sogar unübersehbar und unüberhörbar. Zur gleichen Zeit findet auf der anderen Seite der Elbe wieder die Montagsdemonstration statt.

Seit fast einem Jahr jetzt schon und auch dort war von Anfang an die Frage nach uns und unserem Land das große Thema. Ohne das sich daraus eine breite Diskussion ergab. Weil jeder, der sie beginnen will, sofort in die „rechte Ecke" gestellt wird.

Für Christian Wulff ist das nichts Neues.

„Das habe ich schon Anfang der Achtziger erlebt."
Helmut Kohl bat ihn damals, einen Text zum 20. Jahrestag des Mauerbaus zu schreiben. Und dabei das Augenmerk auf das ganze Deutschland zu legen.

"Aber er warnte mich gleichzeitig."
Die Westdeutschen hatten sich längst mit Mauer und Teilung abgefunden, so sollte man sie am liebsten nicht mehr daran erinnern:
„Und wer es doch tat, der wurde schon damals schnell als ‚Rechter' oder ‚Revanchist' beschimpft, der die Entspannung zwischen den beiden deutschen Staaten gefährdete."

Die sind heute wieder eins aber das Problem ist noch immer das gleiche. Wer sich öffentlich Gedanken über Deutschland und seine Identität macht, hat erst mal mehr Feinde als Freunde. Weil jede Diskussion darüber schon beendet ist, bevor sie richtig beginnen kann. Aber heute ist Christian Wulff nicht mehr als aktiver Politiker unterwegs, er hat also seinen Freiraum und den hat er am Montagabend genutzt.

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Er wirkte schon von Anfang an konzentriert, so, als wüsste er genau, was er eigentlich sagen will, wozu er diesen Auftritt eigentlich nutzen will. Nicht um den Islam zu verteidigen, sondern Deutschland. Das Deutschland für das er als Deutscher steht, das er als Deutscher immer vertreten hat. Und nie hatte er dabei Probleme:

"Das Deutschland von heute hat überall ein gutes Image".

Er muss es wissen, als Bundespräsident hat er die halbe Welt bereist, hat Vertreter vieler Länder und Kulturen getroffen:

„Alle bewundern Deutschland. Es hat ein funktionierendes Sozialsystem, ein Gesundheitssystem für alle, niedrige Arbeitslosigkeit, das wird überall anerkannt. Nur hier wird das schnell vergessen."

Dabei sind die Deutschen eigentlich ihrer Heimat treu, wie er unterwegs auch gelernt hat:

„In den meisten Ländern gibt es die Megametropolen, wo alle hinziehen wollen. Da leben dann schnell mal zehn Millionen in einer Stadt. Und hier, in Deutschland? Ist die größte Stadt Berlin, mit gerade mal drei Millionen Einwohnern. Das heißt, die Deutschen lieben eigentlich ihr zu Hause, sind sehr heimatverbunden."

Vielleicht ist deshalb die Angst vor den Flüchtlingen und ihrer Kultur in der Provinz am größten.

Dort treffen sie direkt aufeinander und welche Konflikte dabei entstehen, weiß Christian Wulff, weil er sich mit beiden Kulturen intensiv beschäftigt hat.

„Natürlich hat auch der Islam seine dunklen Seiten. Aber wir Deutschen neigen dazu, alles schnell Schwarz oder Weiß zu sehen. Churchill hat mal gesagt: Die Deutschen hat man entweder an der Gurgel oder auf dem Schoß."

Christian Wulff will eher, dass wir auch das Dazwischen sehen und akzeptieren.

"Und so gesehen, ist nicht der ganze Islam eine Bedrohung."
Nur die, die in seinem Namen gegen alles kämpfen, was unsere Kultur ausmacht.
„Unsere Leitsätze kann jeder im Grundgesetz nachlesen: Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Und das garantiert die Freiheiten, die jeder in Deutschland heute hat. Männer. Wie Frauen. Angefangen von der Meinungsfreiheit, über die Religionsfreiheit bis zur Wahlfreiheit.

"Alles Werte, die wir verteidigen müssen. Dann könnte Deutschland das Land werden, dass der Welt zeigt, wie verschiedene Kulturen friedlich miteinander leben können."

Das geht aber nur, wenn alle dabei mitmachen. Die Inländer. Wie die Ausländer.

„Dafür braucht man klare Regeln. Das zeigen alle Erfahrungen von Einwanderungsländern wie Kanada oder Australien. An die müssen sich alle halten, sonst funktioniert es nicht."

Was am Ende auch heißt:

„Jeder, der sich nicht an unsere Werte hält, der gehört nicht zu unserer Gemeinschaft und muss wieder gehen."
In anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit, in Deutschland immer noch eine Wahrheit, die nicht jeder öffentlich sagen darf. Schon gar nicht als Politiker.

Das ist „Herr Bundespräsident a.D." nicht mehr, also ist er mit seinem Auftritt in Dresden danach zufrieden, denn:

"Nur durch einen ehrlichen Diskurs über uns und unser Land können wir uns unserer Stärken bewusst bleiben."
Den ersten Schritt hat er getan. Mal sehen, wer Christian Wulff ab jetzt dabei folgt. Und wer nicht.

Video:Zweiter Anlauf für die Wulffs: So hat die aufgewärmte Liebe bei anderen Paaren geklappt

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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