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16/11/2015 09:45 CET | Aktualisiert 16/11/2016 06:12 CET

Mohammed hat mir nicht geglaubt

Torsten Paproth

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Der Typ da, mit dem Zopf, da ganz hinten drin, das ist Stefan Jahnel von der libertären Freiheitspartei. Libertäre sind Leute die glauben selbst und freiwillig könnten Menschen komplexe Dinge besser erledigen als mit Hilfe von staatlichem Zwang unter Kommandowirtschaft.

Solche Extremisten denken auch eine Welt ganz ohne Grenzen und Soldaten zum Schutz derselben würde nicht sofort im Chaos versinken. Nun dieser Typ hat am 28. Oktober 2015 Spielfeld besucht, um sich mit eigenen Augen anzusehen was passiert, wenn man Menschen einfach unkontrolliert durch Europa wandern lässt.

So ganz unkontrolliert durch Europa natürlich nicht, denn in Spielfeld findet das Herumgewandere sein Ende: Ab hier wird kontrolliert. Ich habe ihn begleitet und wir haben uns mit den Wanderern unterhalten. Es war schon interessant was für interessante Menschen man da treffen kann, in so einem Auffanglager am Rande eines Staates.

Deutsch konnte zwar nur Mohammed mit dem wir zuletzt ins Gespräch kamen, aber die anderen Gespräche hat uns ein netter junger Mann aus dem Sudan übersetzt. Der war dort nicht als Wanderer sondern ganz offiziell im Auftrag und mit Bezahlung durch den UNHCR.

Hakan mit dem Traumberuf Taxifahrer

Zuerst lernten wir Hakan kennen einen smarten jungen Mann aus dem wilden Kurdistan. Ob er Kriegsflüchtling ist wollten wir wissen. Auf der Flucht sind die Kurden eigentlich immer. Sein Vater war schon aus der Türkei in den Irak geflohen wo man als Kurde unter dem Terrorregime von Saddam Hussein ganz gut leben konnte.

Die Kurden hatten da sogar eine gewisse Autonomie von der man in der Türkei nur träumen konnte. Mit dem Leben dort war es leider vorbei nachdem sie von dem Terror der Baath Partei des Saddam durch die USA befreit wurden. Sie sind dann nach Syrien geflohen, wo die Kurden auch einen kleinen autonomen Teilstaat hatten, wieder unter dem Terrorregime einer Baath Partei, nun die von Assad.

Auch davon wurden sie befreit und landeten wieder in der Türkei. Irgendwie war ihm die ganze Befreierei wohl zu viel und nun wollte er einen Neustart in Österreich. Viele aus seiner Verwandtschaft arbeiteten seit Jahren als Taxifahrer in Graz und einige warteten schon auf ihn auf der österreichischen Seite der Grenze.

Er wollte auch gerne Taxifahrer sein, in der Firma die seinem Onkel gehört, der dringend Fahrer sucht. Der Job als Taxifahrer ist bei den Leuten in Österreich aus irgendeinem Grund wohl sehr unbeliebt und sein Onkel findet keine Fahrer. Aufträge gibt es genug. Stefan hat ihm dann erklärt wie das in der EU läuft.

Da kann man nicht einfach so als Taxifahrer anfangen. Erst braucht man einen Taxischein. Dazu einen besonderen Führerschein zur Fahrgastbeförderung und natürlich eine sehr teure ärztliche Untersuchung und eine Ortskundeprüfung. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder einfach einen anderen mit dem Taxi herumfährt. Besser kehrt er wieder um. Was soll´s, Hakan hat ihm nicht geglaubt.

Jossip möchte Arzt auf dem Land sein

Dann haben wir Jossip getroffen der sogar ganz gut Englisch konnte. Er war aus dem Jemen und hatte seine ganze Familie dabei, eine hübsche Frau und zwei Kinder. Angeblich war er im Jemen Arzt und hatte eine eigene Klinik, die ihm aber vor zwei Monaten die Saudis „versehentlich" zerbombt haben.

Weil die Klinik mit Granaten aus Deutschland zerbombt wurde - die Saudis können selbst keine Granaten produzieren - wollte er jetzt nach Deutschland in das Land wo man so gute Granaten produzieren kann. Seiner Meinung nach wird der Jemen bald ein islamischer Staat wie Saudi Arabien und der Iran und da fühlt er sich nicht mehr wohl.

Der Nordjemen war einmal ein marxistischer Staat und im Bündnis mit der Sowjetunion. Jossips Vater war Atheist und bewunderte den Genossen Stalin, aber die Zeit wo die Sozialisten im Jemen wirklich noch Einfluß hatten ist vorbei. Dann besser ein Neustart in der Bundesrepublik Deutschland, wo der Sozialismus überall noch wächst.

Irgendwo in Deutschland wird er sich als Arzt auf dem Land niederlassen, weil er gelesen hat in den ländlichen Regionen in Deutschland besteht überall ein Mangel an Ärzten. Stefan hat ihm dann erklärt wie das in der EU läuft. Sein Medizinstudium von Sanaa wird selbstverständlich nicht anerkannt.

Wo kommen wir denn da hin, wenn die Kranken zu irgendeinem Doktor gehen nur weil sie dem vertrauen. Selbstverständlich kann man sich nur von einem Arzt helfen lassen der einen staatlich anerkannten Abschluß gemacht hat und zunächst unter staatlicher Aufsicht an einem staatlich zugelassenen Krankenhaus seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat.

Besser kehrt er wieder um. Wo Bomben fallen brauchen die Leute sicher auch immer einen Arzt. Jossip hat ihm auch nicht geglaubt.

Wladi

So und dann trafen wir Wladi, der sich jetzt Hussein nennt. Wladi ist eigentlich Russe und will schon seit vielen Jahren nach Deutschland, wo er viele Freunde und Verwandte hat. Leider war es für ihn völlig unmöglich auch nur ein befristetes Touristenvisum zu bekommen.

Für die reichen Russen ist das irgendwie kein Problem und für alle die Geschäfte machen die wir mal diffus „krumm" nennen, ist es einfach ein VISA zu bekommen. Aber für einen wie Wladi der sein Geld mit sowas banalem verdient wie dem Reinigen von Schornsteinen ist es aussichtslos.

Früher wollte er nur mal zu Besuch als Tourist nach München zum Oktoberfest, aber jetzt wo durch die Sanktionen der EU der Rubel stark gefallen ist kann er das vergessen. Dann besser Euros verdienen und Schornsteine in Deutschland putzen. Dazu hat er sich jetzt extra einen syrischen Pass gekauft und eine neue Identität angenommen.

Er reist auch nicht auf dem direkten Weg nach Deutschland sondern macht den Umweg über den Balkan. Naja Stefan hat wieder versucht ihm zu erklären wie das in der EU läuft. Gerade das Reinigen von Schornsteinen ist eine hoheitliche Aufgabe und auf Genehmigungen dazu wartet man Jahrzehnte.

In manchen Orten werden die sogar weitervererbt. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder Hausbesitzer sich aussucht wen er an seinen Schornstein lässt. Besser kehrt auch er um. Natürlich hat er Stefan auch nicht geglaubt.

Amira hat schon Stammkunden im Edelbordell

Amira war die erste Frau die den Mut hatte mit uns zu sprechen. Ich muß sagen der Stefan mit seiner seltsamen Frisur und dem beachtlichen Körperumfang wirkt halt auch etwas beängstigend auf Menschen aus fremden Kulturen ohne Vorkontakte zur bayerischen.

Amira war eine Negerin, aber mir ist wichtig hier klar zu stellen, daß ich dieses Wort niemals benutzt hätte. Sie hat sich aber selbst so genannt, war auch noch stolz darauf und hat darauf bestanden, dass wir sie so nennen müssen.

Menschen die ihr etwas vorheucheln wären ihr zuwider und sie war so stolz auf alles was ihr die Natur geschenkt hatte und sie verstand es trefflich das zu zeigen. Obwohl sie sich extra schön schmutzig dekoriert hatte, um als Flüchtling durchzugehen war das noch offensichtlich.

Woher sie kam wollte sie leider nicht verraten, aber ihr Ziel war Deutschland, wo sie auch schon genau wusste, zu wem sie da geht und was sie da macht. Stefan brauchte ihr nicht zu sagen sie solle umkehren. Sie war schon einige Monate in einem Edelbordell tätig gewesen und hatte reichlich Eindrücke darüber gewonnen wie das in der EU läuft.

Allerdings hatte sie auch sehr viele Stammkunden die sie genauso vermissen und Spielfeld versprach der einfachste Weg zurück zu sein nach der dritten Abschiebung. Wie wir gerade die Telefonnummer mit ihr tauschen trafen wir den interessantesten Wanderer des Tages: Mohammed

Mohammed

Mohammed hatte auch, ähnlich wie Wladi eine neue Identität angenommen. Sein richtiger Name war Michi Brunner, aber trotz des deutschen Namens war er ein echter Syrer. Sein Uropa Alois war 1945 als politischer Flüchtling von Deutschland nach Syrien geflohen und hatte dort einen guten Arbeitsplatz im Bereich innere Sicherheit bekommen.

Er bat mich ausdrücklich seinen neuen Namen ausser dem Vornamen Mohammed nicht zu nennen, damit er später keinen Ärger bekommt. Mohammed war sogar ein echter Kriegsflüchtling. Er war politisch unglaublich gut informiert und kannte sogar die Schriften libertären Vordenker unserer Partei wie Hayek, Mieses und Rothbart.

Für ihn war der immer stärker werdende Einfluß der Russen in Syrien der Auslöser das Land zu verlassen in das sein Uropa noch geflüchtet war. „Wer Putin zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr" und nun überlegte er seine Arbeitskraft dem deutschen BND zur Verfügung zu stellen.

Immerhin konnte er mit allen gängigen Handfeuerwaffen umgehen, beherrscht auch unkonventionelle Verhörmethoden und er könnte aus dem Gedächtnis angeben welcher IS Anführer jeweils vom Mossad, vom CIA oder vom FSB gesteuert wird. Da Stefan offenbar mit Amira verschwunden war lag es nun an mir, ihm zu erklären wie das in der EU läuft. Machen wir es kurz: Mohammed hat mir nicht geglaubt.

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