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23/02/2016 04:37 CET | Aktualisiert 23/02/2017 06:12 CET

Zwei Männer, ein Boot und der Atlantik: Wir kentern

Tom Caulfield

Es ist schon merkwürdig, was der Ozean mit deinem Verstand anstellt. Es fängt mit einigen sehr verrückten Träumen an - dem Schlafentzug sei Dank. Ironischerweise träumen wir am häufigsten davon, dass wir mutterseelenallein inmitten eines riesigen Ozeans festsitzen. Wenn wir dann aufwachen, fällt uns auf „Oh Moment! Das passiert ja gerade tatsächlich!" Emotional ist das eine Achterbahnfahrt.

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Alle Gefühle sind tausendfach verstärkt.


Hunger - hungriger als je zuvor.

Müdigkeit - Training kann niemals die völlige Erschöpfung simulieren, die man nach einer langen durchruderten Nacht spürt.

Freude und Spaß - alles ist viel lustiger als sonst.

Einsamkeit - schlägt mitten in der Nacht zu, wenn die See dunkel ist, man alleine rudert und einem nur die Musik (meistens Justin Bieber, wir geben es zu) und seine Gedanken Gesellschaft leisten.

Aber wie bei einer Achterbahnfahrt ändert sich alles innerhalb von Sekunden. Eines der Dinge, die wir zum Mantra gemacht haben, ist der Gedanke, dass dies wahrhaft ein absolut einmaliges Erlebnis ist.

Wir erinnern uns regelmäßig gegenseitig daran, dass wir kein zweites Mal über den Atlantik rudern werden. Und dieser Gedanke verändert jedes Mal wieder alles grundlegend.

Kontakt zu Familie und Freunden geben Halt und Kraft


Die Nachrichten von zu Hause und unserem Unterstützerteam bauen uns auch immer wieder auf. Zwei Mal am Tag checken wir unseren Dropbox Business-Ordner und finden dort Nachrichten, Bilder und Mitteilungen von unseren Familien, Freundinnen und der Mannschaft, und ich kann ehrlich sagen, dass dies uns aufrecht hält.

Wir schreiben jede Woche Blogs und dokumentieren unsere Erfahrungen mit der GoPro-Kamera. Es spornt uns an, das Material in den Ordner hochzuladen und innerhalb weniger Sekunden mit unseren Unterstützern zu Hause in Großbritannien teilen zu können. Dadurch wissen sie sofort, dass es uns gut geht und wir immer noch lächeln können.

Wo wir beim Thema Hunger sind - heute waren Essensträume angesagt. Wir haben nur vier verschiedene Gerichte an Bord: Chicken Tikka, Chili, Spaghetti Bolognese und Lachs mit Kartoffeln und Sauce. Das wiederholt sich ziemlich schnell, kann ich sagen. Tom und ich vertreiben uns die Zeit mit dem Spiel „Was würdest du jetzt essen?"

Wir sehnen uns vor allem nach salzigen Sachen wie Chips und Nüssen. In unserer Naivität haben wir das ganze Boot mit Schokolade und Süßigkeiten vollgepackt, was unseren Zähnen nicht sonderlich gefällt.

Aber nicht nur unsere Zähne leiden. In den letzten Tagen haben die Salzwunden erheblich zugenommen. Wir wussten von vornherein, dass es nicht angenehm würde, und bis jetzt sind wir eigentlich ganz gut davongekommen. Aber so langsam fangen unsere Körper an zu rebellieren.

Unsere Hände werden zu Klauen.


Das geschieht, wenn einem die Muskeln in der Rudergriffhaltung einfrieren und die Finger anschwellen. Wir durchsuchen regelmäßig den Ordner nach Ratschlägen von unserem Unterstützerteam. Demnach sollen wir laufend den Griff wechseln, damit sich die Blasen ein wenig verteilen.

Sobald sich also an einer Stelle unserer Hände Blasen bilden, wechseln wir, damit eine andere Stelle Blasen bekommt. Dasselbe gilt für unsere Hintern. Ja, wir haben nicht nur an den Händen Blasen.

Unsere Beine sind ebenfalls hinüber. Da man wochenlang mehr oder weniger nur sitzt, sind sie nutzlos. Man kann ohnehin nirgendwohin laufen, aber wenn wir von der Kajüte zur Ruderbank stolpern, wirken wir wie alte Männer.

Wo wir gerade davon sprechen: Unsere Familien sagen, wir sehen aus wie zwei alte Seebären. Nett.

„Was, wenn das Boot kentert?"


Im Vorfeld dieser Expedition wurde uns eine Frage am häufigsten gestellt: „Was, wenn das Boot kentert?" Ich kann diese Frage jetzt beantworten.

Dienstagnacht war genau wie alle anderen Nächte. Es lief Musik, ich zog mit den Rudern unsere Muster und kam hervorragend voran. Kurz nach 5 Uhr morgens kamen einige Brecher herein. Urplötzlich befand ich mich in der Vertikalen und schlitterte nach hinten.

Eine gigantische weiße Wasserwand kam aus dem Nichts auf mich zu, wurde plötzlich vom Mond erhellt und ich fiel im Nullkommanichts über Bord.

Ich fühlte mich wie in einer riesigen Waschmaschine und konnte nur denken „Lass dich bloß nicht vom Boot erwischen, sonst war's das!" Dann tauchte ich wieder auf - ohne Mütze, ohne Stirnlampe, aber mit den Hörern noch in den Ohren, die Rihanna brüllten (das iPhone ist in dem ganzen Durcheinander wohl auf „Shuffle" gesprungen).

Tom befand sich in der Kajüte und wachte kopfüber an der Decke Auge in Auge mit Justin Bieber auf, der ihn unschuldig von seinem Kalenderblatt aus ansah.

Im Getummel sind uns zwei Ruder und alle unsere Wasserflaschen über Bord gegangen. Ein Albtraum!

Da sind wir nun, rudern wieder, verdrängen unsere Sorgen und arbeiten uns weiter Richtung Barbados vor. Nur so geht es schließlich.

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