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12/04/2016 05:54 CEST | Aktualisiert 13/04/2017 07:12 CEST

Was ich als Vater nicht vermisse

Tobias Weber

Elternsein ist angeblich die Erfahrung, dass Dein Herz außerhalb von Dir schlägt. Das habe ich in den Tiefen des Internets sinngemäß so aufgeschnappt. Ich gebe zu, das ist eine der beängstigenden und auch schönsten Aussagen, die genau das benennen, was es ist, dieses Elternsein. Vatersein. Auch deswegen gibt es viel, was ich als Vater heute aus meinem früheren Leben überhaupt nicht vermisse.

Ich vermisse die langen Abende nicht. Ich vermisse die Partys nicht, bei denen ich bis spät in die Nacht eigentlich nicht wusste, warum: Warum bin ich hier, warum reden diese Menschen mit mir und wann endlich wirkt der Alkohol? Und um Himmels Willen, wer ist eigentlich für die Musik (lies: das Gejaule) hier zuständig?

Besonders tragisch, denn der Alkohol wirkte natürlich längst und man redete miteinander, weil man sich im Grunde doch ganz sympathisch fand. Menschliches eben - ganz so schlimm kann es also nicht gewesen sein. Und wenn ich es denn wirklich wollte, dann gäbe es diese Abende heute immer noch.

Aber: ich vermisse diese langen Abende überhaupt nicht

Ich vermisse keine einzige Party, zu der ich nicht gehen konnte, weil meine Tochter und ich abends gemeinsam Zähne putzen mussten. Lange Nächte hatten ihre Zeit. So wie alles auf diesem Erdballon nun mal seine Zeit hat. Keinen einzigen Tag wünsche ich mir zurück.

Ich vermisse es nicht, betrunken auf einer Parkbank aufzuwachen, nach Hause zu laufen, wieder zurückzulaufen, weil ich meinen Rucksack vergessen habe, wieder nach Hause zu laufen, die Tür nicht aufzukriegen, im Treppenhaus einzuschlafen, wieder aufzuwachen, es nochmal zu probieren und irgendwann morgens um 07:00 Uhr in Klamotten auf dem Bett wieder einzuschlafen.

Ich vermisse auch meine eigene Matratze nicht. 25 Zentimeter reichen völlig aus. Wenn andere Männer sagen, sie hätten mehr, dann lügen sie. Nein, nicht um die Länge geht es hier, sondern um die Breite. Die Breite des Familienbetts, oder genauer gesagt: die mir zugeteilte Fläche eines Familienbetts, dass mit 2,5 Meter gerade so für drei Personen ausreicht.

Wie ich früher auf 1,4 Meter alleine schlafen konnte, ohne eine Festung zu errichten oder eigenen Staat auszurufen, ist mir im Nachhinein auch völlig unklar. Es muss eine sehr nebelige Zeit gewesen sein.

Ich vermisse auch nicht die Karriere, die mir angeblich durch das Kind entgangen ist

Bei Licht betrachtet war sie mir längst schon entglitten, noch bevor meine Tochter überhaupt geboren wurde. Dieses kapitalistische „Hauptsache mehr, Hauptsache es geht weiter", das sich durch sämtliche Lebensbereiche zieht, lag mir ohnehin noch nie. Also nicht immer. Mehr ist mehr, muss aber auch nicht.

Ich vermisse das spontane Verreisen nicht. Ich freue mich aber schon sehr darauf, wenn meine Tochter längere Autofahrten besser „erträgt" und wir mal an die See fahren können.

Ich vermisse es auch nicht, nächtelang Serien zu schauen. So, wie ich das mit allen Staffeln von LOST getan habe und danach nur schwer wieder in den Alltag zurückfand. Vielleicht würde ich es mir noch einmal anders überlegen, würden alle Folgen der neuen „Game of Thrones"-Staffel gleichzeitig veröffentlicht werden.

Wie man aber aus dieser Serie zurück in den Alltag mit Kind kommen sollte, weiß ich auch nicht. Es hätte wahrscheinlich verheerende Folgen, also hoffen Sie lieber, dass das niemals passieren wird.

Nein, ich vermisse die grüne Wiese nicht, auf der ich an manch warmen Sommerabend ganz intellektuell Max Frisch gelesen habe. Ich stelle mir vor, ich hätte die Wiese gegen ihren geistig nicht ganz so hochtrabenden Onkel, den Sandkasten eingetauscht. Der schläft abends meist schon - so wie ich.

Diese Liste ließe sich bei Bedarf noch um einige Punkte erweitern.

Was ich statt dessen vermissen würde

Es gibt diese Lebensabschnitte, die man viel intensiver erlebt als andere. Phasen, in denen sich selbst alle Details des Alltags viel stärker einbrennen als sonst. Elternsein ist wenn, dann nur zeitweise ein solcher Lebensabschnitt. Wer erinnert sich denn schon so genau an jeden einzelnen Tag der ersten Monate? Diese besonderen Momente mit Kind ereignen sich dennoch.

Früher waren mir viele Dinge im Alltag viel weniger bewusst

Für solche Sätze haben prekär arbeitende Journalisten wahrscheinlich das Phrasenschwein erfunden, fürchte ich. Meinen fälligen Obolus zahle ich aber gern, denn es stimmt: der Alltag mit Kind heute ist viel bewusster als der Alltag früher ohne Kind - abgesehen von einer bestimmten Phase in meinem Leben, um die es hier aber nicht gehen soll.

Im Alltag mit Kind gibt es diese kurzen Momente der Ruhe und der Dankbarkeit. Manchmal werden sie bloß überlagert. Von den Wutausbrüchen, wenn der Käse nicht vernünftig auf der Brotscheibe liegt. Oder wenn statt der Milch zuerst der Jogurt über dem Müsli landet.

Oder wenn der Rock, den sich die Tochter anziehen möchte in Wirklichkeit gar kein Rock, sondern eine Einkaufstüte ist und sie verzweifelt versucht, ihre Beine durchzustecken. Dann geht man eben die Schere holen und lacht später gemeinsam darüber.

Ja, diese Momente, die würden mir sehr fehlen.

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Dieser Text ist als Antwort auf die schnell verpuffte Diskussion rund um das unsägliche Thema „Regretting fatherhood" entstanden. Diese Jammern und Selbstmitleid auf Vaterseite, ich kann es nicht mehr hören.

Seit dem hatte ich immer diese eine Überschrift im Kopf: „Was ich am Vatersein nicht vermisse". Anstatt den alten Leben hinterher zu laufen, ergibt es doch viel mehr Sinn, sich auf das neue einzulassen. Was ist so schwer daran?

Ich glaube, das Gute an den langen Nächten mit den nicht ganz so wilden Parties war, dass man die Musik einfach lauter drehen konnte, wenn man die Ansichten des Anderen nicht so ganz nachvollziehen konnte. Ich jedenfalls vermisse nichts.

Dieser Artikel ist zuerst auf meinem Blog erschienen.

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