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22/04/2016 06:10 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Stillen in der Öffentlichkeit? Wo denn sonst!?

AFP via Getty Images

Man erzählt sich, dass es im Café THE BARN guten Kaffee gibt. Dass dieser mindestens genauso überteuert ist, wie die als Lifestyleprodukte angepriesenen Graubrotschnitten, ebenso. Dass man als Mutter aber sein Kind dort nicht stillen darf, nun ja, auch das ist nicht neu.

Weshalb der Betreiber des Cafés mit der Natürlichkeit des menschlichen Körpers nicht umgehen kann, ist mir unbekannt. Als Mann sage ich aber: Stillen in der Öffentlichkeit? Klar, wo denn sonst?

In manchen Berliner Stadt- und Ortsteilen gibt es mittlerweile eine breite Auswahl an sozialen Brenn- wie Treffpunkten. Cafés sind zum Beispiel beliebte Treffpunkte für den sozialen Austausch. Eines, dieser modernen und gleichzeitig völlig überschätzten Cafés brüllt seine Kunden in großen Lettern förmlich an. Der Name: THE BARN.

In solchen Cafés trifft sich nicht nur die nicht real existierende, digitale Boheme, sondern manchmal auch ganz andere Exoten. Eltern mit Kind zu Beispiel. Und da immer noch mehr als Dreiviertel aller Väter lediglich zwei Monate lang Elternzeit nehmen, sind es häufig Mütter, die man in solchen Cafés beobachten kann.

Du sollst stillen!

„Eine Mutter hat zu stillen!" Stillt sie nicht, sondern entscheidet sich statt dessen aus persönlichen oder medizinischen Gründen für Babynahrung, dann wird sie dafür kritisiert. Stillt sie hingegen länger als, sagen wir ein Jahr, dann wird ihr gluckenhaftes Klammern vorgeworfen. Ja, wenn Frauen Mütter werden, dann lastet unheimlich großer Druck auf ihnen. Die Chance, dass man als Mutter etwas richtig macht, geht gegen Null.

Übrigens: als ich einer thailändischen Mutter erzählte, dass viele Kinder hier im Alter von jünger als nur einem Jahr abgestillt würden, musste sie hysterisch lachen. Dass ihr Junge mit fast drei noch immer gestillt wird, wenigstens teilweise, erschien ihr völlig normal.

Und so kommt eins zum anderen. Das soziale Konstrukt, in dem sich Mütter bewegen müssen, verlangt von ihnen, dass sie stillen. Geht es nach dem Café-Betreiber, dann hat sie dies jedoch keinesfalls öffentlich zu tun.

Als Mann scheint ihm der Anblick eines weiblichen Körpers nämlich gänzlich unangenehm.

Wie sonst sollte man es sich erklären, dass er in einer stillenden Mutter die Gefährdung seines angeblich „gehobenen" Ladens sieht? Nicht einmal eine Stillecke will er Müttern zugestehen. Ganz so, als seien stillende Mütter keine sozialen Wesen mehr.

Man möchte fast meinen, die barbusige Jungfrau von Orleans wäre in seinen Laden geritten, hätte ihr Baby spontan auf seiner Theke entbunden und allen Männern, Frauen und Kindern ihre Brust hingehalten. Zur Erinnerung: es ist der gleiche Café-Besitzer, der den Eingang seines Ladens derart verengt hat, so dass kein handelsüblicher Kinderwagen mehr hindurch passt. Und Jeanne d'Arc weilt auch schon lange nicht mehr unter uns.

Für mich als Mann

Sicher, als Mann kann man schon einmal unsicher werden, wenn eine Frau ihre Brust unvermittelt zum Stillen hergibt. Auch heute noch ist der Akt des Stillens für mich persönlich etwas sehr Privates. Und natürlich möchte ich nicht unabsichtlich die Privatsphäre von Mutter und Kind beim Stillen verletzen.

Es ist also diese eigene Unsicherheit, die es mir manchmal etwas unangenehm macht, neben einer stillenden Mutter zu sitzen. Auf die Idee jedoch, den Grund für meine eigene Unsicherheit bei der stillenden Mutter zu suchen und nicht ausschließlich bei mir selbst, Nein, auf diesen Gedanken wäre ich nicht gekommen.

Meist ist dieser Moment ohnehin nur von kurzer Natur. So privat Stillen auch ist, so ist es auch natürlich - und wir alle sind doch eigentlich reif genug, um das zu verstehen. Gleiche Reife gilt übrigens auch gegenüber Müttern, die in der Öffentlichkeit Fläschchen geben.

In der Öffentlichkeit stillen?

Ein Stillverbot im Namen Anderer, nämlich anderer Café-Kunden ist die radikalste und gleichzeitig selbstgerechteste Lösung, um dieser Unsicherheit gegenüber einer Stillenden aus dem Weg zu gehen. Wie heißt es so schön: Schuld sind immer die anderen. Ob es Studien gibt, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Preis pro Kaffee und Grad von Selbstgerechtigkeit befassen?

Viele Frauen haben sich schon zu dem Thema geäußert. Auch als Mann möchte ich es deutlich sagen: In der Öffentlichkeit stillen? Ja, natürlich! Wo denn sonst? Wer sich oder seinen Laden von einer mütterlichen Brust bedroht sieht und den weiblichen Körper statt dessen lieber verhüllt sehen möchte, nun ja, der sollte seinen Kaffee vielleicht nicht unbedingt in einem ausgemachten Familienbezirk anbieten. Oder überhaupt die Wohnung verlassen.

Der Autor betreibt den Blog Weddinger Berg Papa Blog.

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