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27/02/2015 12:12 CET | Aktualisiert 29/04/2015 07:12 CEST

7 Gründe, warum das Trinkgeld abgeschafft werden muss

Thinkstock

Erst neulich dachte ich wieder, dass das Trinkgeld abgeschafft gehört. Mir doch egal, dass es eine lange Tradition hat und seinen Ursprung im 14. Jahrhundert hat. Das macht es nicht besser.

Grund 1: Trinkgeld erschwert den Mindestlohn-Standard

Wir müssen mit der Quasi-Selbstverständlichkeit des Trinkgeldes (selbst für den miesesten Service) brechen. Um das zu tun, müssen wir zuerst den Kellnerberuf aufwerten und besser bezahlen.

Trinkgeld ist überflüssig, wenn jeder Gastwirt in Deutschland verstanden hat, dass er jetzt in einem Mindestlohn-Land lebt und seinen Angestellten mindestens 8,50 Euro pro Stunde zu zahlen hat.

Doch die bittere Wahrheit ist: Es gibt noch immer Gastronomen, die ihre Mitarbeiter auf Trinkgeld-Basis beschäftigen. Teils für nur wenige Euro pro Stunde. Mit der Begründung: "Ist zwar wenig, aber du bekommst ja noch Trinkgeld." Das ist der Skandal. Der Skandal ist nicht, als Gast dem unfreundlichen Kellner kein Trinkgeld zu geben.

Das Trinkgeld behindert den Mindestlohn-Standard im Gastgewerbe. Und wenn die Kellner erst einmal besser bezahlt werden, bekomme ich als Gast auch ohne eine Bestechung ein Lächeln.

Grund 2: Die freundlichen Servicekräfte profitieren nur kaum, die schlecht gelaunten freut es.

Studien über Trinkgelder kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es gibt keinen eindeutigen Beleg dafür, dass die überaus zuvorkommenden Servicekräfte wirklich am Ende als die großen Gewinner dastehen. Manche Forscher sagen: Die Qualität der Dienstleistung hat nur marginalen Einfluss auf die Höhe der Trinkgeldzahlung.

Andere empirische Studien kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass Kunden mehr zahlen, wenn der Kellner oder die Kellnerin sich persönlich vorstellen, die Schulter des Gastes berühren oder ein „Smiley" auf die Rechnung malen, fasst es der Historiker Winfried Speitkamp in seiner „Kleinen Geschichte des Trinkgeldes" zusammen. Das heißt auch: Als Kellner sollte man ein guter Schauspieler sein.

Grund 3: Es macht keinen Sinn, miesen Kellnern Trinkgeld zahlen zu müssen, weil es sich eben so gehört.

Ich saß in München in einem Café am Odeonsplatz und hatte einen Cappo Luigi bestellt, einen Kaffee mit Milch. Der Kaffee war nicht besonders gut und nicht besonders heiß, weil er vermutlich Ewigkeiten an der Theke stand. Meine Freundin hatte ihre heiße Schokolade noch nicht bekommen. Sie bekam sie 20 Minuten später. Lauwarm.

Es wäre kein Problem gewesen, hätte der Kellner sich entschuldigt. Hätte er gesagt: „Hier ist gerade so viel zu tun. Da ist die Bestellung leider untergegangen." Stattdessen stellte er die Tasse unkommentiert mit einem muffigen Blick auf unseren Tisch.

Nachher bei der Rechnung war er dann plötzlich ganz schnell. 7,90 Euro wollte er. Kein bitte.

Schon bevor er die Rechnung gebracht hatte, hatte ich im Kopf den Preis ausgerechnet und mich gefragt, ob ich ein geiziger, knauseriger und ungerechter Mensch bin, wenn ich diesem Kellner kein Trinkgeld gebe. Wenn ich ihm passend 7,90 Euro gebe. Seit 1967 gibt es schließlich in der Bundesrepublik den Inklusivpreis, der das Bedienungsgeld in die Bestellung einpreist. Doch oh Wunder, im Restaurant, Café und in der Bar sind die Deutschen plötzlich spendierfreudig, während sie am Wochenende den Großeinkauf beim Discounter machen. „Mysteriös" sei das, finden Ökonomen.

Geiz ist geil - das ist doch sonst das Motto von uns Deutschen. Nur beim Trinkgeld scheint dieser Reflex ausgeschaltet zu sein, da will man richtig gönnerhaft rüberkommen.

Ich gab dem Kellner 7,90 Euro passend, er schaute mich ungläubig an, ich ersparte mir ihm aber zu erklären, warum er kein Trinkgeld bekam. Wenn er das nicht selbst weiß, ist er falsch in seinem Job. Es war übrigens nicht voll.

Grund 4: Es vermiest die Stimmung beim Bezahlen

Wie viel meiner Lebenszeit habe ich nach einen schönen Abend in einem Restaurant damit verbracht, auszurechnen, wie viel Trinkgeld ich einem Kellner geben soll. Ob 10 Prozent angemessen sind oder 15 Prozent?

Grund 5: Trinkgeld führt zu einem Wettbewerb unter Freunden

Wir wollen zeigen: Hey, lieber Nachbartisch, schau her, ich gebe 5 Euro Trinkgeld, obwohl ich nur für 10 Euro bestellt habe. Ich hab's halt. Hey, lieber Arbeitskollege, ich habe 50 Cent mehr gegeben als du geiziger Kleingeist. Hey lieber Kellner, du bekommst doch bestimmt einen Hungerlohn, hier haste was, kauf dir was Schönes.

Grund 6: Trinkgeld löst eine Gefühlsverwirrung aus

Und ich mache mir Gedanken, wie das Trinkgeld dann beim Kellner ankommt. Denkt er, ich gebe ihm so viel, weil ich denke, er verdient wenig, Denkt er, ich gebe viel zu wenig, weil ich ein Geizhals bin. Ist er sauer, wenn ich ihm nur 50 Cent Trinkgeld gebe, obwohl ich eigentlich zufrieden war, aber gerade nicht mehr Kleingeld habe, was er nicht unbedingt wissen kann.

Grund 7: Es ist irgendwie beliebig

Beim Oktoberfest gebe ich Trinkgeld, damit ich überhaupt bedient werde, beim Stamm-Griechen gebe ich Trinkgeld, weil der Oberkellner einfach großartig und zuvorkommend ist. Aber ich habe kein Bock mehr, miesen Service für eine überteuerte 3,30-Euro-Mini-Cola (0,2 Liter) zusätzlich mit Trinkgeld zu belohnen, nur weil es irgendwie Tradition ist.

Ich gebe der freundlichen (oder unfreundlichen) Arzthelferin doch auch kein Geld. Der Stewardess auch nicht. Dem Postboten wenn überhaupt einmal im Jahr, als Neujahrsgratifikation. Der Pfarrer? Bekommt wenn überhaupt Applaus nach seiner Weihnachtspredigt.