BLOG
21/02/2016 09:26 CET | Aktualisiert 21/02/2017 06:12 CET

30 Frauen berichten, wie alltäglich Gewalt gegen Frauen ist

Huffington Post

Es ist oft ein Tabuthema: Die Gewalt und Belästigungen, die viele Frauen in ihrem Alltag ertragen müssen. Doch allzu oft wollen Betroffene darüber nicht sprechen. Aus Scham. Oder aus Angst vor den Tätern, die nicht selten aus der eigenen Familie oder dem engsten Freundeskreis kommen.

Daher ist das ganze Ausmaß das Problems nur den wenigsten wirklich bewusst.

Dabei haben erschreckend viele Frauen derartige Geschichte zu berichten - und die haben in aller Regel herzlich wenig mit der aktuellen Flüchtlingskrise zu tun, wie einige Scharfmacher immer wieder behaupten. Es sind traurige Szenen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Die Grapscher im Club, die verletzenden Witze von Chefs und die aufdringlichen Flirter, die ein Nein nicht akzeptieren können. Und oft bleibt es dabei nicht.

Laut der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte hat jede dritte Frau in Europa seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren müssen. Eine unfassbare Zahl.

Das entspricht rund 62 Millionen Frauen. 22 Prozent von ihnen haben bereits körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Und eine von 20 Frauen ist seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal vergewaltigt worden.

„NEIN... sollte grundsätzlich ausreichend sein und ist es oft dann doch nicht", sagt die Schauspielerin Simone Thomalla, Schirmherrin des HuffPost-Themenschwerpunkts „Tägliche Gewalt gegen Frauen".

Thomalla beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem - und engagiert sich für Frauen, die Opfer solcher Übergriffe geworden sind. Thomalla weiß, wie sich soetwas anfühlt. Vor zehn Jahren wurde sie in einem öffentlichen Verkehrsmittel Opfer eines Übergriffs: "Die Ohnmacht kann ich noch immer fühlen", sagt sie.

Viele Betroffene schweigen aber lieber, weil ihnen oft von Außen selbst Schuld an den Vorfällen gegeben wird.

Es wird Zeit, sich mit den tragischen Schicksalen vieler dieser Frauen zu beschäftigen, ihnen eine Stimme zu geben. Und über Konsequenzen zu sprechen. Das ist Ziel des HuffPost-Themenschwerpunkts.

In den vergangenen Wochen haben uns Dutzende Frauen ihre Geschichten erzählt oder als Gastbeitrag zugeschickt, einige von ihnen veröffentlichen sie unter ihrem Namen, andere wollen anonym bleiben. In allen Fällen aber ist die Identität der HuffPost-Redaktion bekannt.

Wir haben 30 dieser Geschichten ausgewählt. Aber diese Zusammenstellung soll nur ein Auftakt sein. Alle weiteren Gastbeiträge werden wir in den nächsten Wochen und Monaten auf unserer Seite veröffentlichen.

Steffi Z.

Lieber Kollege,

ich war Praktikantin und arbeitete bei manchen Themen mit dir zusammen. Eine Werbeagentur lebt von gemeinsamen Brainstormings und guter Zusammenarbeit. Altersmäßig hättest du mein Vater sein können.

Einmal stellte ich dir eine Frage, und du hast mir geantwortet: Was hast du gesagt? Ich war gerade so in deinen Ausschnitt vertieft, dass ich gar nicht zugehört habe." Ich konnte nichts erwidern. Ich war zu jung und schüchtern. Nicht ich muss mich ändern, sondern du."


frauen gewalt

Mira Sigel

Da ist mein Ausbilder bei einer renommierten deutschen Tageszeitung, der mich am ersten Tag befummelt, da ist der Taxifahrer, der mich angrabscht, als er merkt, dass ich getrunken habe, da ist der eine Chef, der die Tür abschließt und aufdringlich wird, da ist der nächste, der einen sexistischen Spruch nach dem anderen bringt, da ist der Fremde in der U-Bahn, der die Enge ausnutzt und mich anfasst, da sind die johlenden Horden auf einem Berliner Bahnhof, die mich und meine Freundinnen beschimpfen.

Ich bin in meinem Leben von Lehrern, Nachbarn, Fremden, Kollegen, Kommilitonen, Partnern, Ex-Partnern, Freunden, Familienvätern, Jugendlichen, Opas und Verwandten betatscht, belästigt und angefasst worden.

Ich bin eine deutsche Durchschnittsfrau, nicht erst #Aufschrei hat gezeigt, dass sexuelle Belästigung Teil der rites des passage für eine Frau in Deutschland ist. All das war lange vor Köln und lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise.

Hier geht es zum Beitrag.


Halina Wawzyniak

Wie häufig wir in deutschen Kneipen von deutschen Männern darüber geredet, wie viel und welche „Olle geknallt" wurde?

Wie häufig werden Frauen allein nach ihrem Aussehen bewertet und auf ihre (potentielle) sexuelle Nutzbarkeit taxiert? Wie häufig fällt (hinter vorgehaltener Hand natürlich) der Spruch, „Die Alte muss doch mal wieder gefickt werden" wenn es darum geht, dass eine Frau nicht funktioniert oder schlechte Laune hat?

Wie häufig trägt es sich zu, dass einer Frau Körperkontakt aufgedrängt wird? Und wie häufig hält nur die political correctness Männer davon ab, Testosteron auch noch als offiziellen Entschuldigungsgrund für Handlungen anzuführen? Wie häufig werden Frauen als reines Sexobjekt wahrgenommen?

Reden wir über das Problem sexualisierter Gewalt und das Problem sexuelle Belästigungen in Deutschland. Reden wir darüber, wie dafür sensibilisiert werden kann. Reden wir darüber, wie ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden kann, in dem sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung geächtet sind.

Reden wir darüber, dass sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt eine Einstellungsfrage ist. Reden wir darüber, dass bereits Worte und Sprüche das Problem sind. Reden wir über Rollenbilder und Rollenzuschreibungen. Reden wir über Möglichkeiten zur Selbstermächtigung von Frauen, sich zu wehren.

Her geht es zum Beitrag.


Catherina

Lieber bayrischer Familienvater,

du hast mir auf einem Volksfest letztes Jahr vor deiner Frau und deinen zwei kleinen Kindern auf den Hintern geschlagen. Dann hast du gelacht, mich von oben bis unten gemustert & gefragt, ob ich "hübsches Fräulein" zu kaufen wäre. Du und deine Frau wart sichtlich überrascht, als ich dich gefragt habe, wer dir erlaubt hätte, mich anzufassen. Dann war ich plötzlich nicht mehr das "hübsche Fräulein", sondern eine "hässliche Zicke".

Lieber bayrischer Familienvater, nicht ich muss mich ändern, sondern du.


Frauke Heesing

Plötzlich spürte ich eine Hand unter meinem Rock, kurz und nicht sehr intensiv, vielleicht hätte es auch als ein Versehen interpretiert werden können, vielleicht.

Es hat einige Sekunden gedauert, bis ich verstehen konnte, dass mir gerade einer ungefragt unter den Rock gegrapscht hatte. Als ich mich umdrehte, war schon keiner mehr da. Er war einfach, kommentarlos, weiter gegangen. Ich war barfuß, es war warm, aber ich rannte ihm hinterher, schrie: „Bleib stehen, hey Arschloch was soll das."

So laut und lange bis andere stehen blieben, aber niemand eingriff. Er lief einfach weiter, bis ich ihn eingeholt hatte und ihn fest an der Schulter fasste, ihn herum drehte und ihn zur Rede stellte, seine Reaktion:

Was regst du dich denn so auf, so schlimm war das doch nicht.

Hier geht es zum Beitrag.


gewalt gegen frauen

Jule

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als du deine Hand auf meine Schulter legtest. Nach Hause bringen wolltest du mich. „Eine Frau hat mitten in der Nacht nichts alleine draußen zu suchen" - sagtest du mir. Du müsstest mich nun also nach Hause bringen. Dass ich dir erklärte, dass ich immer allein nach Hause laufe und keine Begleitung benötigte, hast du ignoriert.

Meine Angst hast du anscheinend gar nicht wahrgenommen. Zu Beginn unterhielten wir uns oberflächlich, vielleicht bist du ja doch ein netter Kerl? Doch ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Wie aus dem Nichts hast du mich gegriffen, gegen einen Baum gedrückt und mich geküsst.

Ich verfiel in eine Angststarre, war hilflos und wusste nicht, was ich nun tun sollte. Es war mitten in der Nacht, keine Passanten in der Nähe. Schreie hätten nichts geholfen. Ich war nicht in der Lage, mich körperlich zu wehren, zu sehr stand ich unter Schock. Als du mich losgelassen hast, habe ich überlegt zu fliehen. Doch du hattest vorgesorgt.

Hier geht es zum Beitrag.


Frau Dr. T

"Lieber Ex-Chef,

als Jurist und Leiter der Rechtsabteilung eines großen Automobilzulieferers sollten Sie eigentlich wissen, was "sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" ist und bedeutet. Ich ärgere mich noch heute darüber, dass es mir an diesem Dienstagmorgen um 9.00 Uhr auf dem Flur unserer Abteilung die Sprache verschlagen hat und ich mich hilflos und verstört in mein Büro verzogen habe, ohne Sie in Ihre Grenzen verwiesen zu haben.

Auf mein freundliches "Guten Morgen, Herr Dr. Schmidt - entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen nicht die Hand gebe, ich komme gerade aus der Teeküche und habe noch ganz feuchte Hände" entgegneten Sie mit dreistem Grinsen im Beisein meiner männlichen Kollegen " Na dann hoffen wir mal, dass nicht nur Ihre Hände schön feucht sind". - Zuviel, um es auch nach Jahren einfach zu vergessen.

Zu wenig, um damit zur Personalabteilung zu gehen... Aber sind nicht immer gerade diese Grauzonen am gefährlichsten?!"


Sultana Sha

"Okay, nur noch 3 Minuten, dann komme ich an", denke ich mir. Plötzlich rannte er los und stand dann vor mir und sagte mir, er würde gerne meine Nummer haben. Ich sagte: "Bruder, bitte verzeih mir, ich bin verheiratet, bitte lass mich, ich muss mich beeilen."

Und er: "Bei Gott, du lügst, du bist eine Lügnerin!" Hallo? Ja ich hab gelogen, um mich zu schützen. Ich dachte, jeder vernünftige Mensch lässt hiernach locker?!

(Das hab ich nicht laut gesagt, ich wollte einfach weg von ihm).

Doch dann hielt er mich am Arm fest und meinte lautstark: "Du Schlampe, denkst du, du bist was Besseres? Warum lügst du mich an, du wirst noch sehen." Das war dann zu viel und ich schrie zurück: "Schämst du dich eigentlich nicht, eine fremde Frau anzusprechen? Was, wenn deiner Schwester und Mutter sowas passiert? Gefällt dir das?" Dann spuckte er zur Seite und ging. Ich war so erleichtert. Die Leute um mich herum schauten mich blöd an und ich rief denen ganz frech noch zu: "Danke für die Zivilcourage, echt!"

Hier geht es zum Betrag.


Sandra Friedrich

Warum hast du auf dein Getränk nicht aufgepasst? Hattest du wieder Kleid XY mit dem Ausschnitt an? Du weißt schon, dass du mit deinen großen Brüsten eben auch solche Aufmerksamkeit auf dich ziehst? Wie kannst du es ihm verübeln, dass jemand eine großbrüstige Blondine vernaschen will?

In anderen Worten wollten mich die Fragensteller darauf hinweisen, dass ich eine Mitschuld trage. Ich hätte mich zu einem Discobesuch nicht hübsch machen dürfen. Ich hätte nichts trinken sollen, damit niemand mir Drogen zum Spaß untermischen kann.

Ich hätte mein Glas die ganze Zeit mit meiner Hand verschließen müssen (was ich übrigens auch tat), dann hätte die Person zumindest alles ein wenig schwerer gehabt. Ich hätte nicht ausgehen dürfen. Ich darf einfach nicht so aussehen, wie ich es tue.

Ein Mädchen hat mir mal gesagt, dass ich viel zu hübsch und ich deshalb vergewaltigt wurde

Das Schlimmste von all dem: Ich habe es eine lange Zeit geglaubt.

Hier geht es zum Beitrag.

gewalt gegen frauen


Marion

Bei mir war der erste Übergriff im zarten Alter von vier Jahren von einem deutschen Mann. Ich weiß sogar noch den Vornamen, er hieß Emil und ich sehe auch heute noch sein Gesicht vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Er lebte bei Freunden meiner Eltern, bei denen ich oft zu Besuch war, im selben Haus wie wir. Eines Tages sagte er zu mir, dass die Freundin meiner Mutter, die ich sehr mochte mich gerufen habe. Ich lief also nach oben und er folgte mir, zog mich dann am Arm ins Schlafzimmer und ich musste ihm einen runterholen. Bevor noch schlimmeres passieren konnte, kam zum Glück die Freundin meiner Mutter heim und er ließ los. Ich rannte wie von Sinnen an ihr vorbei, direkt zu meiner Mutter und der Kerl hat sich in der Zwischenzeit verpisst.

Dieser Kerl wurde nie gefasst, denn damals, Anfang der siebziger Jahre wurde sowas nicht angezeigt, es war ja schon peinlich genug, dass es überhaupt passiert ist. Somit wurde es tot geschwiegen. Dazu der Satz: Der ist jetzt weg, der kann dir nichts mehr antun...

Ob er das anderen antun würde, darüber dachte keiner nach.


Sina

2010 wurde ich von meinem eigenen Mitarbeiter mit ko-Tropfen betäubt und vergewaltigt. Der Tat voraus gingen weitere sexuelle Übergriffe verbale Attacken sexuellen Inhaltes.

Als ich Anzeige erstatten wollte wurde ich von der Polizei in Siegen und in Wilnsdorf abgewiesen.

Es sollte noch schlimmer kommen. Als ich das Arbeitsverhältnis kündigte wurde mir ein frisch ausgestellter Behindertenausweis vorgelegt. Das eingeschaltete Integrationsamt verweigerte die Kündigung. Ich hätte ein Führungsproblem und der Täter ein größeres Recht auf Schutz und Seinen Arbeitsplatz als ich ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Als Rollstuhlfahrerin sei ich doch endlich auch mal in den Genuss von Sex gekommen. Es gab noch mehr sexuelle Übergriffe in meinem Leben, aber das war wohl der schlimmste. Inklusive dem Hohn der Behörden.


Maren

Am Bahnhof traf ich eine Gruppe Männer. Einer davon war besonders gut gelaunt und wollte mir unbedingt eine Plastikblume in die Hand drücken. Diese anzunehmen oder nicht ist aber allein meine Entscheidung. Um das ganze zu ignorieren versuchte ich auszuweichen.

Da ich mich aber zwischen ihm und einem Gebäude befand, war dies nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich, sodass die Blume samt seiner Hand mein Gesicht streifte - ein Eingriff in meine Privatsphäre. Grund genug, mich verbal dagegen zu äußern, obwohl ich schon in der Vergangenheit erfahren musste, dass dies selten hingenommen wird. Und auch dieser (für die DB-Sicherheit! arbeitende) Mann fühlte sich scheinbar gekränkt.

Er fasste sich an die hintere Hosentasche und sagte: "Ich kann Dich auch erschießen!". Nach einem weiteren Wortgefecht gingen wir weiter unseren eigentlichen Weg, in entgegengesetzte Richtungen.


Raya

Ich habe heute, ich bin 19, ein sehr gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Auch zu meinem Körper und zu Männern.

Durch die Medien, das verhalten anderer Männer und jungen habe ich früh gelernt: Sex ist wichtig, Sex muss sein.

Meine Kindheit war voller Gewalt. Durch die Mutter, die Nachbarskinder, sogar Lehrer. Mit 11 oder 12 habe ich dann bemerkt, dass es auch ohne Gewalt gehen kann. Das einzige, was ich dafür tun muss, ist mich auszuziehen. Ich habe mit Pädophilen Männern gechattet, mit 14 habe ich Videos und Bilder verschickt. Wer mich wollte, konnte mich haben. Immer, überall.

Heute versuche ich, nachdem ich oft in Therapie war, da auszubrechen. Aus diesem Denken auszubrechen. Aber wenn ich dann die ganzen halbnackten Frauen im Fernsehen sehe oder ich an der U-Bahn angegafft oder angeredet werde und Mann wütend ist, wenn ich nein sage, wenn Mann mich dann beleidigt, dann laufe ich Gefahr wieder in das Muster zu rutschen.


Katja Grach

Ich gehöre dem schwachen Geschlecht an.

Und tatsächlich, der Vater eines Kindes, das ich als Sozial- und Lernbetreuerin über mehr als ein Jahr begleitete, griff mir in einem Moment, als wir zufällig kurz allein waren und ich auf eine Unterschrift von ihm wartete, auf den Busen und versuchte mich zu küssen. Ich sah diesen Moment niemals kommen.

Ich hatte zwei der Kinder betreut, mit der Familie Kochrezepte ausgetauscht, blieb oft noch zum Plausch nach getaner Hausaufgabe und war total perplex und erstarrt in diesem Moment. Ich konnte mich nur wegdrehen und halb stimmlos "nein" sagen. Meinen Posten übernahm eine andere, die ca. 1,80 m groß war. (Ich bin 1,61m). "Bei der wird er sich das wohl nicht trauen."

Hier geht es zum Beitrag.


Tina Beckmann

Wenn man auf die Straße geht, um sich gegen Vergewaltigungen an Frauen einzusetzen, ist "Ey, ich wünsch dir, dass du auch mal gefickt wirst von denen!" kein angemessenes Argument, um mich von euren Absichten zu überzeugen.

Und ja, diese PN habe ich tatsächlich erhalten. Und nicht nur ich. Viele Frauen, die versuchen, euch klar zu machen, dass "Asylbewerber sein" weder eine Ursache, noch eine Begründung für sexuelle Übergriffe ist, erhalten in den letzten Tagen solche Mails. Und noch schlimmer: Auch von anderen Frauen!

Ich habe also nur eins zu sagen, aber das dafür sehr deutlich:

Missbraucht uns nicht weiter!

Hier geht es zum Beitrag.


woman night street afraid

Beatrix

Dies ist meine Geschichte: Ich bin 32. Werde am 24.1 33 Jahre alt. Ich habe 2 Söhne im Alter von 6 und 8 Jahren. Seit 2012 getrennt lebend. Am 8 September 2013 wurde mein Leben zerstört. Durch einen Mann, der auf mein Nein nicht hören wollte. Ich schrie und weinte. Das war ihm aber egal. Seitdem ist alles kompliziert. Da ich ihn auch nicht angezeigt habe. Ich musste ich sehr lange auf einen Therapieplatz warten. Fast 2 Jahre.

Um zu funktionieren nehme ich Antidepressiva. Schritt für Schritt wieder ins Leben.


Nina

Dass man als Frau in deutschen Nachtclubs häufig als williges Freiwild gesehen wird und feiern gehen ohne männliche Begleitung schon fast verantwortungslos ist, ist traurige Realität.

Wenn meine Partnerin und ich (ebenfalls eine Frau) zusammen mal tanzen gehen wollen, sind wir nicht einmal in Schwulenbars vor sexueller Belästigung durch lauernde Männer sicher. Im Gedränge der Menge spürt man Hände oder andere fremde Körperteile ungefragt am eigenen Körper. Ab und zu fühlen sich Männer sogar dazu berechtigt und ermutigt ohne Vorwarnung oder vorherigen Wortwechsel an unserem Kuss teilzunehmen.

Teilweise treten diese sexuell aggressiven Männer auch in Gruppen auf, umzingeln einzelne Frauen und drängen sie weg von der Tanzfläche und ihrer Begleitung. Auch das ist mir, besonders in meiner Jugend, häufiger passiert. Wer weiß was passiert wäre, wenn ich ohne männliche Freunde unterwegs gewesen wäre. Solche Vorfälle passieren tausendfach, werden normalisiert und sind "zu erwarten" wenn man als Frau ohne Leibgarde und womöglich noch betrunken unterwegs ist.


Julie

Ich war jung, vielleicht 7 oder 8 Jahre. Ich war mit meiner 2,5 Jahre jüngerin Schwester und einer Freundin im Schwimmbad, ich war die Älteste und unsere Eltern waren auch da.

Wir hatten Spaß und gingen zur riesigen Rutsche. Wir rutschten vergnügt herunter, wir freuten uns endlich mal wieder im Schwimmbad zu sein, es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Dann kam ein älterer Mann, vielleicht 35 oder 40 Jahre, nach oben und wollte auch rutschen, kein Problem.

Irgendwann rutschte er einfach hinter uns her. Wir stiegen ein und er drängelte sich vor und rutschte schnell hinterher. In der Rutsche war er schneller und positionierte sich in der Fahrt mit offenen Beinen hinter mich. Als ich unten ankam guckte ich ihn perplex an und war verwirrt. Ich dachte, dass es bestimmt nur ein Versehen war, weil ich nicht schnell genug war und ging wieder hoch. Ich wartete, bis er zu erst gerutscht war, allerdings ließ er alle anderen immer vor und stand mit seiner kurzen Badehose angelehnt am Geländer. Als ich lange nicht rutschen wollte drängelte er sich immer vor, wenn ein Mädchen herunter gerutscht war.

Dann rutschte ich trotzdem noch zwei oder drei Mal. Jedes Mal war er direkt hinter mir. Ich bekam Panik in der Rutschte und versuchte schneller zu rutschen, gab mir mit den Händen selbst Anschwung- doch er war schneller, natürlich war er das. Er hat sich in der Rutsche an mich geschmiegt und versucht mich an (meinen noch nicht verhandenen) Brüsten und im Schritt zu berühren. Nach dem letztem Mal war mir ganz komisch und auch meine Schwester und meine Freundin waren auch ruhiger und nicht mehr so ausgelassen, wie vorher. Wir gingen dann von der Rutsche, er blieb noch eine Weile dort.

Ich gab mir selber die Schuld "er wollte das bestimmt nicht, ich war nur nicht schnell genug, das war bestimmt nur ein Versehen", dachte ich mir. Ich spielte es für mich selbst herunter, weil ich die Wahrheit, was gerade passiert war, vermutlich nicht zulassen wollte oder konnte. Ich habe mit niemandem darüber geredet, heute bin ich 22.


Jennifer Ospelt

Der Masseur beschäftigte sich unverhältnismäßig ausgiebig mit meinem Po. Weiter oben am Rücken spannte ich gegen, als er mir in den Nacken fasste. Auf sein Nachfragen erklärte ich ihm, dass ich Muskelkater habe von der Massage am Vortag. „Ich glaube, ich bin da unten sowieso besser aufgehoben" - ich dachte erst, mich verhört zu haben.

Aber er widmete sich daraufhin wieder meinem Po.

Er fragte, ob es mir gefällt. Ich antwortete nicht. Ich war nicht in der Lage. Fragt mich bitte nicht, warum.

Hier geht es zum Beitrag.


gealt gegen fruane

Verena

Ich gestehe, früher habe ich anders gedacht. Ich dachte, Frauen die vergewaltigt werden, sind selbst dran schuld. Aber dann musste ich etwas ähnliches erleben. Jahrelang habe ich mir die Schuld gegeben, habe mit niemanden darüber gesprochen, was mit dieser Mann, den ich kannte und der mir so etwas wie ein Freund war, angetan hat.

Er war es auch, der mir eingeredet hat, dass es immer die Schuld der Frau ist, wenn ihr etwas passiert. Aber nein, keine Frau ist es schuld wenn sie vergewaltigt, oder anders misshandelt wird. Überlegt euch einfach mal, wie es ist, wenn ihr etwas überhaupt nicht wollt, ihr aber dazu gezwungen werdet. Wie ihr euch fühlt, wenn ihr machtlos seit und man euch auch noch die Schuld dafür gebt.


Birgit

Ich wurde als Kind missbraucht und kämpfe noch heute mit 61 Jahren mit mir. Mein Kopf sagt mir, dass ich nichts dafür konnte. Aber irgendwie lauert tief in mir noch die "Schuld".


Crissy

"Es ist schon ein paar Jahre her. Als ich mit meinem ältesten Sohn schwanger war, noch ziemlich am Anfang, so im vierten Monat etwa, musste ich zu einem Vertetungsarzt, weil meine Frauenärztin nicht da war. Nach den Besprechung folgte also die Untersuchung mit Ultraschall ect.

Dazu sollte ich mich freimachen und auf den Stuhl setzen. Soweit war alles ganz normal. Aber dann hat den Arzt gar keine vaginales Ultraschall gemacht, sondern eines über die Bauchdecke. Dazu hat er sich ganz dicht neben mich gestellt und seinen Unterarm auf meinen Unterschenkel gelegt und hatte die Hand auf meinem Knie. Und untenrum war ich komplett nackt und lag da mit gespreizten Beinen.

Es war schrecklich und ich war wie gelähmt. Ich weiß nicht, warum ich nichts gesagt oder gemacht habe. Eine Sprechstundenhilfe war nicht im Raum.

Hinterher bin ich nur noch raus und nach Hause gerannt.."


Susann

4 Haltestellen nur noch. Dann bin ich da. Ich las, wie so oft Nachrichten auf meinem Smartphone. Da stiegen 6 Männer ein. Total betrunken und stinkend. Im Waggon saßen so 7 Leute, es war ja Sonntag 07:30 Uhr, also genug Platz für alle. Ich war die einzige Frau im Waggon. Und so saßen auf einmal 3 von ihnen bei mir und grinsten mich an.

Sie stanken fürchterlich nach allem, was ich bereits in meinem Nachtdienst im Krankenhaus riechen musste. Und so setzte ich mich weg. Es war ja durchaus genug Platz. Die Männer allerdings fühlten sich persönlich beleidigt, beschimpften mich als Rassist. Denn sie waren dunkelhäutig.

Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass mir ihre Hautfarbe egal sei, jedoch nicht ihr Gestank. Und so fing es an, dass ich 3x den Platz wechselte und dabei immer Kontakt zu anderen Fahrgästen suchte. Diese ignorierten das alles jedoch. Manche schauten hin, einige entsetzt, einige gezielt weg.

2 Haltestellen noch und ich hatte inzwischen keine Ahnung mehr, wie ich hier raus kommen sollte. Sie saßen inzwischen so um mich rum und teils auf mir drauf, dass mir nur noch eine Lösung einfiel. Denn das reden mit ihnen brachte nichts.

Mein bitten und betteln ging langsam in einen heulkrampf über. Ich wusste ja nicht, was diese betrunkenen Männer alles im Sinn hätten.

Plötzlich spürte ich eine Hand von außen. EIN Mann versuchte, mich dort raus zu ziehen, und es gelang ihm. Ich konnte eine Haltestelle vor dem Ziel den Waggon wechseln. Am Ziel musste ich nun nur noch unbemerkt aussteigen.

Ich bin diesem Mann unendlich dankbar. Und ich bin auch immer noch kein Rassist, auch wenn ich manchmal beim Anblick von dunkelhäutigen Menschen Angst bekomme. Mein Retter ist übrigens Albaner!


gewalt frauen

Andrea

Vor drei Wochen etwa kam es zu einem Übergriff während ich als Barkeeperin arbeitete. Ich hatte einen Mann (etwa Ende 50, eindeutig ein Deutscher, um mal den Vorurteilen, dass es hauptsächlich Asylsuchende wären, welche sich an Frauen vergehen, entgegen zu wirken), welcher mir den ganzen Abend schon ,,Komplimente" machte, gebeten mir den Weg frei zu machen, um frische Zutaten für Cocktails zu holen.

Er packte mich an der Hüfte und schob mich an sich vorbei. Ich bat ihn höflich mich los zu lassen, als Antwort kam: ,,Stell dich doch nicht so an Kleine". Bei meinem Weg zurück hinter die Bar, versperrte er mir den Weg erneut. Merklich mit vollster Absicht. Wieder bat ich ihn mich durchzulassen, was er auch tat, nicht aber ohne mich wieder an den Hüften zu packen und mich derart nahe an ihn heran zu ziehen, dass ich Ihn deutlich an mir spüren konnte.

Ich wurde lauter und schrie ihn an, dass er mich sofort loslassen solle. Er lies mich los, gab mir einen Klaps auf den Hintern. Gefolgt von den Worten: ,,Ach komm dir gefällt es doch auch!" Natürlich machte ich sofort die Security darauf aufmerksam, jedoch hatte der Mann sofort das Lokal verlassen, als er mein Vorhaben bemerkte.

An diesem Abend trug ich eine olivgrüne Jeans und einen schwarzen Pullover, dazu Turnschuhe. Kein großer Ausschnitt, nichts was auch nur annähernd aufreizend war. Ich konnte tagelang an nichts anderes denken und vertraute mich einem Freund an. Seine Antwort auf meine Schilderung: "Ja wenn du dich auch immer so anziehst?"


Sylvia Oldenburg

"Vorab möchte ich erwähnen, ich habe den Vorfall am Tag danach der Polizei gemeldet. Ich habe mich sehr ernst genommen gefühlt und zwei Tage später konnte ich den Täter auf einem Bild identifizieren. Er war der Polizei bereits bekannt und sie haben ihn entsprechend zur Rede gestellt.

Für eine Anzeige hat es nicht gereicht, weil "eigentlich" gar nichts passiert ist. Was mich aber irritierte war, dass darüber nichts in den Zeitungen stand, nicht einmal eine kurze Pressemitteilung.

Ich hätte das wichtig gefunden, da es vielleicht die eine oder andere Frau, die auch ab und zu im Wald unterwegs ist, etwas vorsichtiger hätte werden lassen, wenn sie wüsste, wer sich da zurzeit rumtreibt und nicht festgenommen wurde. Denn es war nicht auszuschließen, dass der Betroffene mutiger wird und es, vielleicht mit mehr Erfolg, wieder versucht.

Hier geht es zum Beitrag.


Natalya Nepomnyashcha

2009 war ich 19 Jahre alt und wurde Opfer sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung. Auf engem Raum, drei Männer und ich, die Peiniger etwa in meinem Alter. So schrecklich die wiederholten, zum Teil gewalttätigen Übergriffe waren, der eigentliche Alptraum begann, als es eigentlich vorbei war. Als ich zu Hause ankam und dachte, jetzt sei alles vorbei, jetzt wird alles gut.

Was blieb, jenseits des Gefühls der mir widerfahrenen absoluten Ungerechtigkeit, waren die Ängste, die mich seitdem begleiten. Die ersten drei-vier Jahre danach waren die schlimmsten. Jeder Nachhauseweg nach Sonnenuntergang fühlte sich an wie ein Rennen ums Überleben; dabei ständig das ganz genaue Hinhören. Sind da etwa Schritte hinter mir? Wem sie wohl gehören, vielleicht einem der Täter von 2009?

Die Erlösung kam stets mit der Haustür. Doch, ohweja, wenn das Schloss mal nicht zuschlug und ich nicht sicher sein konnte, dass mir kein Fremder ins Haus folgte.

Das sind wohl Ängste, die viele Frauen kennen.

Hier geht es zum Beitrag.


woman angry pushing man

Susanne Kerner

Ich selber gehöre zu der Dunkelziffer an Frauen, die sich nach einer Vergewaltigung aktiv gegen den juristischen Weg entschieden haben. Jetzt werden Sie (berechtigterweise) fragen: Warum? Welcher Mensch ist, pardon, dumm genug, um so etwas mit sich machen zu lassen und es dann nicht zur Anzeige zu bringen?

Ich weiß nicht, ob meine Begründungen Ihnen reichen werden. Eigentlich sollten sie Ihnen nicht reichen: Ich schäme mich. So, jetzt ist es raus. Ich schäme mich, dass mir so etwas passiert ist.

Hier geht es zum Beitrag.


Denise R.

Lieber Mitbewohner,

Ständig warst du betrunken, ich hatte Angst allein daheim zu schlafen - ich hatte Angst, du wirst aggressiv. Also schlief auch ständig jemand bei mir. Ich fühlte mich sicher. Ich hab dir zu diesem Zeitpunkt bereits den Untermietvertrag gekündigt.

Doch an diesem einen Abend... ich hatte Spaß, kam nach Hause und hatte auch selbst zwei Gläser getrunken. Ich freute mich auf mein Bett, ich musste am nächsten morgen früh raus. Ich zog nur schnell meine Hose aus und ließ mich ins Bett fallen.

Als ich wegdämmerte ging meine Tür auf, ich roch die Bierfahne bereits. Du hast erst versucht mich dazu zu überreden, ich wollte nicht. Ich wollte schlafen.. Aber du hast nicht locker gelassen.

Hier geht es zum Beitrag.

domestic violence


Sophie Cora

Angst. Überall. Permanent. Vor allem und jedem. Ich gehe nur vor die Tür wenn ich muss. Der tägliche Weg zur Arbeit ist eine Tortur. Ich ziehe meinen Schal so hoch, dass nur meine Augen frei sind. Ich blicke nur noch auf den Boden.

Habe kaum noch Freunde. Ich habe mich abgekapselt. Smalltalk oder soziale Interaktion sind für mich schwierig geworden. Selbst diesen Text zu tippen kostet mich unglaubliche Überwindung. Für diese Text habe ich mehrere Stunden gebraucht, unterbrochen von Heulattacken.

Hier geht es zum Beitrag.


Anna J. Lawrence

Viele Frauen sehen sich selbst als „beschädigte Ware". Ich bezeichne uns lieber als „anders". Wie eine wertvolle Porzellanfigur, die am Boden zerschmettert und sorgfältig wieder zusammengesetzt wurde. Die Risse werden nie verschwinden, doch sie ist trotzdem noch schön. Und sie ist immer noch brauchbar.

Obwohl man verständnisvoll und behutsam mit ihr umgehen muss. Ihr Charakter ist geprägt von der Geschichte, die hinter ihr liegt.

Hier geht es zum Beitrag.

MEHR:blogs