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31/01/2017 13:38 CET | Aktualisiert 01/02/2018 06:12 CET

Ausgerechnet ein Obdachloser hat mir gezeigt, wie man das Beste aus seinem Leben macht

HuffPost / Tobias Böhnke

Viel wird über sie gesprochen dieser Tage: Die Obdachlosen in unseren Städten. Die bei eisigen Temperaturen Obdachlosenzeitungen verkaufen, einen Pappbecher hinhalten - oder einfach nur dasitzen und freundlich grüßen.

Wie geht es ihnen? Wie blicken sie auf unsere Gesellschaft? Und vor allem: Wie kommen sie mit der Kälte klar?

Wenn ich ehrlich bin, wollte ich eine Geschichte über Sorgen, eiskalte Nächte und auch ein bisschen Verzweiflung schreiben. Ich wollte mit einem Obdachlosen durch München laufen und erfahren, wie er es geschafft hat, nicht zu erfrieren.

All das kann ich aufschreiben, weil es viele Sorgen, viel Kälte, viel Verzweiflung gibt. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Ich fühlte mich schlecht

Ich habe auch Obdachlose kennengelernt, die jeden Tag arbeiten gehen, die ein enges soziales Netz haben, die keine Almosen wollen - und die durchaus optimistisch in die Zukunft schauen.

Im Gebäude der Münchner Obdachlosenzeitung "Biss" treffe ich Wolfgang. Er wird mir München aus seiner Sicht zeigen.

Mein erster Gedanke: "Ja, so sieht ein Obdachloser aus."

Ich fühle mich sofort schlecht dabei - aber irgendwie sieht man es den Menschen an. Die abgetragene dicke Jacke, die fingerlosen Handschuhe, ein Gesicht, das schwere Zeiten kennt.

Überhaupt schiebe ich den Mann in eine Schublade, noch bevor er ein Wort gesagt hat. Es sind Vorurteile wie: Obdachlose sind verhaltensauffällig, weil sie kaum Kontakt mit Menschen haben. Der trinkt bestimmt viel. Dem geht es so richtig schlecht, dem muss ich unbedingt paar Euro zustecken.

All das ist Schwachsinn.

Ich treffe einen intelligenten Mann, der jeden Tag arbeiten geht, der keine Almosen will und auch keine benötigt, und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Gesellschaft, die ihm in schwerer Zeit geholfen hat, etwas zurückzugeben.

Mehr zum Thema: "Ich baue Häuschen für Obdachlose - und ernte trotzdem Kritik"

Seine Geschichte zeigt, dass man schneller auf der Straße landen kann, als viele glauben. Früher war er Fabrikarbeiter. Zum Job gab es auch eine Dienstwohnung. Als die Firma dichtmachte, begann sich die Spirale zu drehen. Keine Wohnung, keine Rücklagen, ein Leben auf der Straße.

Zwei Jahre lebte Wolfgang komplett ohne Wohnung

Um die Winter zu überstehen, schlief er in der S-Bahn. Auf der Strecke zum Flughafen kann man gut mal 1,5 Stunden Schlaf finden, sagt er. Irgendwann kennen ihn die Kontrolleure und weil er keinen Ärger macht und nicht betrunken ist, lassen sie ihn in Ruhe.

Dann erfährt er von "Biss" und fängt dort als Verkäufer an. Das Prinzip Straßenzeitung kennt man ja: Die Verkäufer sind Obdachlose, die die Zeitungen selbst kaufen und sie für etwa das Doppelte weiterverkaufen. Die Differenz dürfen sie behalten.

Die "Biss" kostet 2,20 Euro, also verdient der Verkäufer an einem Exemplar 1,10 Euro. Wolfgang verkauft 400 Stück im Monat. Das vielleicht Einzigartige bei der Münchner Straßenzeitung: Die Verkäufer sind angestellt. Sie sind also sozialversichert, mit Krankenkasse und Rente. Wolfgang wohnt sogar in einer Wohnung von "Biss".

Fast jeden Tag verkauft er seine Zeitungen in der Nähe des Münchner Gasteigs, einem Kulturzentrum. Das Schönste, erzählt Wolfgang, ist der Kontakt zu den Stammkunden.

"Es ist sehr schade", sagt Wolfgang, "es wird so viel Gutes getan, es erfährt nur kaum jemand davon." Lieber reden sich die Leute ein, dass es allen schlecht geht und niemand hilft. Lieber bleiben die Menschen überzeugt von ihren Vorurteilen, statt mit den Betroffenen in Kontakt zu kommen.

Deswegen bietet Wolfgang Führungen durch München an. Er will, dass mehr Leute wissen, wer ihm geholfen hat, als er ganz unten war. Von all den tollen Projekten, von denen er mir erzählt, hört man nämlich nie was.

Hinter dem Fahrradgeschäft steckt eine geniale Idee

Einer unserer Stopps ist der Dynamo Fahrradservice. Auf den ersten Blick ein normales Fahrradgeschäft, doch dahinter steckt eine geniale Idee.

Hier werden Menschen zu Fahrrad-Monteuren oder Zweirad-Mechatronikern ausgebildet, die woanders keine Lehrstelle bekommen würden. Weil sie Drogen genommen haben, kriminell waren, psychische Störungen oder auch einfach nur echt schlechte Noten hatten.

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34 Menschen arbeiten hier und richten alte Fahrräder wieder her, von denen teilweise nur der Rahmen in Ordnung geblieben ist. Hunderte pro Jahr.

Dass hier Menschen eine neue Chance bekommen, merkt von den Kunden niemand. Es ist ein ganz normaler Laden. Die Schwierigkeiten der Menschen sind hier kein Verkaufsargument.

Wolfgang erzählt mir, dass es viele solcher Einrichtungen in München gibt. Das Netzwerk Geburt und Familie zum Beispiel, das vor allem Frauen in eine Anstellung bringt und wo ähnliche tolle Produkte entstehen. Oder die Teestube "komm", in der Obdachlose sich aufwärmen und duschen können und es sehr günstiges Essen gibt.

Wolfgang will, dass möglichst viele Menschen von solchen Initiativen erfahren. Denn sie funktionieren. Sie finanzieren sich zu einem großen Teil selbst und sie geben Menschen eine Zukunft, die eigentlich keine Perspektive haben.

All das ohne großes Tamtam, meist erfährt man davon nur über Mundpropaganda.

Mehr zum Thema: "Ich habe noch keinen besorgten Bürger gesehen, der sich für Obdachlose einsetzt "

Unsere Tour endet auf dem Ostfriedhof München

Wir stehen vor dem Grab von Wolfgangs verstorbenen Kollegen. Ein einzigartiger Ort. Normalerweise werden Obdachlose auf Kosten der Stadt begraben, in Gräbern ohne Namen. Niemand weiß, wer dort liegt.

Hier ist es anders. Ein Netzwerk aus Helfern gestaltet das Grab. Eine Zahnärztin übernimmt den Großteil der Kosten für den Platz und ein Steinmetz meißelt unentgeltlich die Namen der Toten in den Stein.

Obdachlose haben oft keine Angehörigen mehr und Sterben ist in Deutschland sehr teuer.

Trotzdem haben Obdachlose Freunde, die einen Ort zum Trauern benötigen. Sie haben ein Leben gelebt, Menschen berührt und etwas bewegt - sie verdienen wie alle anderen auch einen Ort, wo ihr Name steht.

Ich bin sehr gerührt und auch Wolfgang wirkt sentimentaler als auf dem Rest des Weges.

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Ich glaube, einen Sprung in seiner Stimme zu hören, als er über das Grab erzählt. Vielleicht, weil er weiß, dass auch er hier beerdigt werden wird.

Mehr zum Thema: "Wir sind die Vergessenen": Ich habe einen Tag lang Straßenzeitungen verkauft. Jetzt verstehe ich die Sorgen vieler Menschen besser

Obwohl "Biss" ein tolles System aufgebaut hat, weiß Wolfgang nur von einem Verkäufer, der einen anderen Job fand und zurück ins "normale" Leben gefunden hat. Den Menschen von der Straße wird zwar viel geholfen, auf dem normalen Arbeitsmarkt haben sie aber kaum eine Chance.

Ich bin losgezogen, um zu lernen, wir hart das Leben auf der Straße ist. Es ist hart, viel härter als wir es uns vorstellen können.

Gleichzeitig, und das ist viel wichtiger, hat mir ausgerechnet ein Obdachloser gezeigt, dass es wenig benötigt, um ein würdiges Leben zu führen.

Kältehilfe für Obdachlose

In den Wintermonaten ist die Situation derer, die ganz ohne Unterkunft sind, besonders schwierig. Obwohl inzwischen einige Städte zur kalten Jahreszeit die Zahl der Notunterkünfte erhöhen, gibt es immer wieder Kältetote. Viele andere Wohnungslose benötigen intensive ärztliche Behandlung.

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