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15/02/2016 07:13 CET | Aktualisiert 15/02/2017 06:12 CET

Entschuldigungsbrief an meine erste Freundin

AntonioGuillem via Getty Images

Hallo,

es wundert dich vielleicht, warum ich mich nach so langer Zeit wieder bei dir melde, haben wir uns doch eigentlich direkt nach der Trennung aus den Augen verloren und seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt.

Ein Kumpel von mir überlegt seine Freundin zu heiraten, obwohl sie noch kein ganzes Jahr zusammen sind, seine Begründung: „Ich bin jetzt einfach soweit, dass ich weiß, dass sie die Richtige ist."

Bei dieser Begründung musste ich an dich denken. Ich war, glaube ich, 16 als wir zusammengekommen sind und fühlte mich damit als ein richtiger Spätzünder, obwohl meine Freunde entweder erst seit ein paar Minuten Freundinnen hatten oder immer noch Single waren.

Ich fand dich tatsächlich schon länger gut, damals sagte man noch: „Ich find die gut", da alles andere peinlich war. Seltsam wie kindisch 16-Jährige doch sind.

Na ja, also ich fand dich schon länger gut und war auch immer aufgeregt, wenn du in der Nähe warst und als wir uns dann mal verabredet hatten, um samstags gemeinsam um die Häuser zu ziehen, konnte ich den ganzen Tag vorher an nichts anderes denken.

In der Schule passte ich noch weniger auf, reagierte aggressiv oder mit blöden Witzen auf alle Nachfragen zu unserem „Date" und schlief die Nacht eigentlich überhaupt nicht, so schnell raste mein Herz.

Ich hatte sogar meine Mutter dazu gebracht, morgens die Wäsche zu waschen, damit mein „gutes" T-Shirt auch sauber war.

Genau weiß ich noch, dass ich zwei Parfums auflegte, als ich mich für das Date fertig machte. Überhaupt war es wohl das erste Mal, dass ich mich für ein Treffen „fertig machte".

Ich hatte sogar meine Mutter dazu gebracht, morgens die Wäsche zu waschen und direkt in den Trockner zu laden, damit mein „gutes" T-Shirt auch sauber war.

Dann war „es" soweit und ich erschien am Abend zum vereinbarten Treffpunkt.

Gut überspielte ich die erste Enttäuschung, dass du nicht allein auf mich wartetest, sondern eine Freundin im Schlepptau hattest. Aber innerlich hatte ich große Zweifel, nicht deutlich gemacht zu haben, dass es sich doch hierbei um ein „Date" handelt.

Es war trotzdem ein schöner Abend und wir kamen uns irgendwie näher, jedenfalls verbrachten wir ja dann den Sonntag nur zu zweit.

Irgendwie ging es dann ganz schnell

Am gleichen Tag hatten wir unseren ersten Kuss. Also miteinander. Wir hatten beide schon andere Leute geküsst, doch irgendwie war es doch der erste. Es fühlte sich anders an, als im Kindergarten oder das Küssen zum Spaß auf irgendwelchen Partys.

Ich kam mir damals vor wie der beste Küsser auf der Erde. Heute finde ich es seltsam, da Unterschiede zu machen, aber damals war ich überzeugt. Ich, der Beste. Der Megaküsser. Der, der das hübscheste Mädchen der Schule geküsst hat, jedenfalls das für mich hübscheste.

Da wir den Tag zusammen verbracht hatten und uns geküsst hatten, waren wir auch beide überzeugt, jetzt zusammen zu sein. Heutzutage braucht das irgendwie länger. Wahrscheinlich ging es für uns beide darum, endlich auch dazuzugehören.

Den ersten Kuss hatten wir jetzt also schon mal geschafft. Zeit für die anderen "richtigen" ersten Male.

Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich hab das Gefühl, ich muss nochmal ernsthaft Danke sagen. Nicht, weil du bereit warst, mit mir Sex zu haben, sondern weil du bereit warst, mit mir zusammen zu lernen.

Danke für deine Geduld und dein Verständnis. Ich hab dir sehr vertraut und es war richtig.

Diese ganze Sexsache war damals nämlich ehrlich gesagt doch beängstigender als ich dachte. Ich habe zwar immer cool getan, doch war das ganze ein totaler Blindflug für mich und das länger, als ich offen zuzugeben bereit bin.

Das hast du sicherlich gemerkt, daher Danke für deine Geduld und dein Verständnis. Ich hab dir in dieser Sache sehr vertraut und es war richtig.

Aber....

Es war wohl der schlechteste Sex, den wir beide je hatten. Wir waren unerfahren, unsicher und mit einem Kopf voller pubertierendem Wahnsinn.

Trotzdem fühlte ich mich wie der König der Welt, der Held der Geschichte, einfach ein Mann (so blöd war ich damals).

Wir waren jetzt richtig zusammen, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Also haben wir alle Klischees ausprobiert, die wir aus dem Fernsehen oder aus Zeitungen kannten. Kino, Essengehen im Restaurant, Urlaubsausflüge und überhaupt ununterbrochen aufeinanderhängen, ganz einfach, weil man ja jetzt zusammen ist.

Rückblickend weiß ich gar nicht, ob wir da überhaupt Spaß dran hatten, wir haben es gemacht, weil es eben das war, was Paare machten. Es war aber wichtig, es gemacht zu haben.

Doch dann bin ich durchgedreht: Ich dachte ich hätte noch mehr verdient

Irgendwann hat mein jugendliches Hirn dann richtig Oberwasser bekommen. Ich war schließlich der beste Küsser, der Sexgott und diese Beziehungssachen hab ich auch gerockt... jedenfalls hatte ich mir das so eingeredet. So wurde ich dann unerträglich, habe gedacht, das alles verdient zu haben und noch viel mehr.

Ich kam zu spät zu unseren Treffen, war nicht mehr nett, gab mir keine Mühe mehr. Und es ist gekommen, wie es kommen musste: Irgendwie war dann Schluss.

Ich wurde unerträglich, habe gedacht, das alles verdient zu haben und noch viel mehr.

Damals war ich überzeugt davon, dass du nen anderen Freund gefunden hattest, jetzt weiß ich, dass ich einfach dumm war. Ich hab dann wochenlang getrauert. Warum, war mir gar nicht klar, ich vermisste "uns" eigentlich nicht, ich war einfach nur so geschockt, dass ich jetzt nicht mehr in einer Beziehung bin.

Jetzt, wo ich älter bin und ein paar Beziehung hinter mir habe, ist mir klar, dass es mit uns nie funktionieren konnte. Nicht, weil wir zu unterschiedlich waren oder so was. Unsere Beziehung musste kaputtgehen, damit wir auch das mal gemacht hatten.

Ich hab mit dir so viel über mich gelernt, wie in wahrscheinlich keiner Beziehung danach. Wenn ich jetzt in einer längeren Beziehung bin und es tatsächlich genieße, meine Freundin tatsächlich liebe, dann kann ich das nur tun, weil wir mal zusammen waren.

Ich kann jetzt die Klischees von der Realität trennen, und ich bin schon lange nicht mehr beim Küssen mit den Zähnen angestoßen.

All das und noch viel mehr Dinge verdanke ich dir. Daher tut es mir leid, dass es mit uns so lief. Dass wir nur Beziehung geprobt haben, anstatt eine zu haben. Wir werden uns wahrscheinlich nie wieder sehen und auch wenn, werden wir sicher nicht mehr zusammenkommen. Trotzdem wirst du wohl immer ein Grundpfeiler aller meiner Beziehungen sein.

Daher will ich hier nochmal Danke und Entschuldigung sagen und verbleibe mit den Worten: Hoffentlich liest meine Freundin das hier nicht.

Tobias

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