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25/12/2015 10:03 CET | Aktualisiert 25/12/2016 06:12 CET

Willkommen im Gelobten Land

Brežice - eine Grenzstadt in Slowenien. Hier leben circa 25 000 Einwohner. Früher hat die Stadt vor allem als Erholungsgebiet Besucher angezogen. Doch die syrischen Flüchtlinge wurden hier alles andere als willkommen geheißen.

Es ist Montagabend, ich habe mich den ganzen Tag mit anstehenden Uniprojekten beschäftigt und bin dementsprechend erschöpft. Ich steige die steilen Treppen hinauf zur Wohnung meiner Freundin Helen. Außer Atem komme ich oben an.

Als sie mir die Tür öffnet, kommt mir ein afrikanisch aussehender Mann entgegen. Später stellt sich heraus, es ist ein äthiopischer Freund von Helen. Die beiden umarmen sich und sie spricht ihm Mut zu. Lächelnd verabschiedet er sich von uns. Das ist keine untypische Situation, wenn man bei ihr zu Gast ist.

Helens Tür ist egal für wen stets offen. Sofort steigt mir der wunderbare Duft von Essen in die Nase, im Ofen bäckt schon der erste Flammkuchen. Doch dieses mal bin ich nicht für einen netten Abend unter Freunden hergekommen. Helen wird mir von ihren Erlebnissen an der slowenisch-kroatischen Grenze erzählen. Von Leid, Fassungslosigkeit und menschenunwürdigen Zuständen.

Alles begann damit, dass eine Gruppe von fünf Studentinnen aus Passau nicht mehr länger zusehen wollte. Sie beschlossen die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Spenden für ihre Reise nach Slowenien kamen schnell zusammen, am Ende waren es sogar 6000€ und ein Berg an warmen Klamotten für die vielen Flüchtlinge.

„Der ganze Kirchplatz war voller Sachen", schmunzelt meine Freundin als sie mir davon erzählt. Zwei Tage hatten sie Zeit um den Trip zu organisieren. Unwillkürlich muss ich den Kopf schütteln. Dass man in so einer kurzen Zeit so ein Projekt auf die Beine stellen kann, hätte ich nicht gedacht. Als die Gruppe schließlich losfährt, hat keiner der Beteiligten eine Ahnung was sie erwarten wird.

Die erste Nacht in Brežice ist von purer Fassungslosigkeit geprägt. Helen sieht Panzer und stark bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen. Einer dieser Polizisten bietet ihnen an, sie zu einem Feld zu fahren.

Auf diesem Feld gibt es nichts außer sechs Dixi-Klos. Kein Essen, kein Trinken, keine Zelte, in denen sich Menschen wärmen könnten. Es ist mitten in der Nacht als die fünf Studentinnen dort eintreffen. Sie sehen 3000 Flüchtlinge, die von Polizisten zusammengepfercht wurden. „Open the boarders", schreien manche von ihnen. Die Männer und Frauen wollen nicht glauben, dass dies ihr Ziel Europa sein soll.

Das Ziel wofür sie solche Strapazen auf sich genommen hatten. Die Menschen verbrennen Blätter, um sich daran wenigstens ein wenig zu wärmen. Auf diesem Feld werden sie nicht nur eine Stunde verbringen, sondern bis zu zwei Tage. Helen konnte diesen Anblick nur schwer ertragen.

Sachlich erzählt sie mir, dass sie in dieser ersten Nacht nicht viel für die Flüchtlinge tun konnten, denn die Polizei befürchtete, dass es zu einem Tumult käme, wenn die Gruppe Essen und Trinken in der Menge verteilt. Also bliebt ihnen nicht anderes übrig als abzuwarten.

Kroatien und Slowenien wird durch den Fluss Sutla getrennt, die Grenze überschreiten die Flüchtlinge über eine Brücke. Nachts kommen zahlreiche Züge am kroatischen Bahnhof an, von dort aus laufen die Menschen noch knapp einen Kilometer, um auf das Feld zu gelangen. Der Weg ins Camp dauert weitere 12 Kilometer.

Die Gruppe aus Passau hat sich inzwischen mit Essenspaketen und Wasserflaschen an der kroatischen Grenze, dem Bahnhof positioniert. „Auf einmal strömen bis zu 2000 Leute auf dich zu, und du denkst dir scheiße, die anderen bekommen gar nichts mehr". Wild gestikuliert sie, als sie mir von ihren Erlebnissen erzählt. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf. RESET. Neues Essen holen und Brote schmieren.

Im Akkord bereiten die Helfer alles vor. Pro Nacht kommen bis zu drei Züge voll mit Menschen an. Leute ohne Kleidung, dafür mit Kindern in ihrem Armen oder auf ihren Rücken. Ihre Habseligkeiten schnell eingepackt in nur einen Rucksack. Ein solches Bild kann ich mir gar nicht vorstellen, hier im behüteten Deutschland.

Wo Helen anfangs noch sachlich erzählt hat, wird ihre Stimme inzwischen brüchig. Immer wieder muss sie eine kurze Pause machen. Ich kenne meine Freundin inzwischen schon lange und ich weiß, dass sie so schnell nichts aus der Fassung bringt.

Schon seit einiger Zeit setzt sie sich für Flüchtlinge ein, ihr Herz hängt daran, Menschen zu helfen. Doch wenn sie jetzt eine Waschmaschine hört, bekommt sie eine Gänsehaut. Zu sehr erinnert sie das Geräusch an die Militärhubschrauber, die über der Szenerie gekreist sind.

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Eine Wand von Flüchtlingen wird angetrieben von schwer bewaffneten Polizisten. Helen stampft auf und imitiert das Geräusch, das die Menschenmasse gemacht hat. „Die Leute werden mit Militär und Gewalt empfangen"- paradoxerweise wollten sie genau diesen Umständen entfliehen.

Insgesamt bleiben die Studentinnen drei Tage am Grenzübergang. Das Feld wird nach starker Kritik inzwischen nicht mehr als Sammelstelle genutzt. Kurz nachdem Helen wieder in Deutschland ist, habe ich sie zum Essen getroffen.

Damals kam sie mir sehr gefasst vor. Doch heute weiß ich, dass sie ihre Emotionen verdrängen muss, um den Alltag zu meistern. Sie muss zur vermeintlichen Normalität zurückkehren. An der Grenze hatte sie nie geweint oder Schwäche gezeigt.

Helen wollte stark sein für die Menschen. Doch zurück in der sicheren Heimat, bei Freunden und in Geborgenheit, brach alles aus ihr heraus. Tagelang hat sie nur geschlafen, Stück für Stück ihre Akkus wieder aufgeladen. Zurück bleibt ein Gefühl von Frustration und Resignation.

Ich ziehe meinen Hut vor meiner Freundin und nicht nur vor ihr. Vor allen Menschen, die der Meinung sind, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann. Die handeln und nicht nur reden. Denn es geht um Menschen, die durch die Hölle gegangen sind und es ist das Mindeste, das wir sie wie unseres gleichen behandeln, in unsere Mitte aufnehmen und ihnen sagen: Willkommen, schön dass ihr da seid.

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