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10/09/2015 07:13 CEST | Aktualisiert 10/09/2016 07:12 CEST

Chaos in Berliner Bürgerämtern: Start-Up für Termine soll helfen

Ich sitze seit Stunden verspannt und gestresst vor meinem Rechner, und komme mir vor wie bei einer Reise nach Jerusalem in meiner Kindheit. Mir ist wieder ein Termin durch die Lappen gegangen.

Gerade noch erschien ein Datum Ende Oktober plötzlich blau gefärbt auf meinem Bildschirm, aber noch bevor ich meine Kontaktdaten schnellstmöglich und mit zitternden Fingern eingeben kann, ist das gelbe Kästchen mit der niederschmetternden Nachricht wieder da: Ein anderer Terminsuchender war schneller.

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So geht das nun schon seit Wochen. Ich muss mich ummelden und einen Personalausweis beantragen, aber ich wäre ja schon mit einem Termin im November zufrieden - Allerdings gibt es von denen erst wenige und auch die sind in ganz Berlin ausgebucht.

Logistisches Chaos

Plötzlich wird mir das ganze Ausmaß der logistischen Absurdität meiner Situation bewusst: Ich kann nichts tun, um meine Papiere in Ordnung zu bringen. Ich kann nur immer wieder auf den morgigen Tag hoffen, und mir schwant, dass das Bürgeramt in Zukunft mein Leben bestimmen könnte.

Wie soll ich meine bürgeramtliche To-Do-Liste je abarbeiten können? Ich verhalte mich unfreiwillig ordnungswidrig, weil der Staat mich daran hindert, meinen gesetzlichen Pflichten nachzukommen. Und es ist ja schließlich auch nicht so (warum eigentlich nicht?), dass wir mit einem Termin alle unsere amtlichen Sorgen los wären (so wie in anderen Ländern), mitnichten.

Für jede Amtshandlung braucht der Bürger nämlich einen gesonderten Termin. Und um den muss man zwei Monate im Voraus kämpfen, eventuell ohne Erfolg.

Oder sogar Kriegszustand?

Vielleicht sollte ich lieber nicht umziehen? Werde ich nächstes Jahr in den Urlaub außerhalb Europas fliegen können? Die Lage ist hoffnungslos und eines führenden Landes der Ersten Welt nicht würdig.

Berlin versagt, und zwar auf ganz erbärmliche Weise. 20 Jahre im Ausland habe ich nichts auf meine Stadt kommen lassen und jetzt muss ich zusehen, wie sie im bürokratischen Chaos versinkt.

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Prügelnde Mütter und Fluchtwege für Angestellte

Seit Wochen kommt es zu unschönen Szenen in diversen Zweigstellen.

Anfang Juli prügelten in den Wilmersdorfer Arkaden laut Tagesspiegel vier Mütter mit Kinderwagen auf einen Beschäftigten ein (was für ein Kopfkino), am Hohenzollerndamm warfen Bürger vor lauter Frust Papierstapel durch die Räume und bedrohten die Mitarbeiter, die nun wirklich nichts für die missliche Lage können.

Als Konsequenz wird hier seit August nur noch nach Terminvereinbarung bedient - wie fast überall in Berlin. Außerdem wird jetzt der Warteraum so umgebaut, dass die Beschäftigten notfalls durch eine zweite Tür flüchten können. (Diesen Satz bitte zweimal lesen!)

Neukölln ist der einzige Bezirk, der in allen Bürgerämtern montags bis freitags noch Spontankunden bedient, in Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg setzt man auf eine Mischung.

Wer sich anstellt und ganz früh morgens noch eine Nummer ergattert, muss während seiner Wartezeit mindestens mit einer angespannten Stimmung rechnen, immer öfter kommt es zu Pöbeleien. Ältere Menschen trauen sich ohne Bodyguard oft schon nicht mehr in die Warteschlange.

Drei Engel für fürs Bürgeramt?

Abhilfe schaffen seit Juni drei Start-Upper mit ihrer Plattform buergeramt-termine.de, wo sich jeder für 25 Euro einen Termin mit der maximalen Wartezeit von fünf Tagen (45 Euro für den 48-Stunden-Express) crawlen lassen kann.

Das heißt auf Deutsch: Das Trio hat eine Software entwickelt, die aus den Kalendern sämtlicher Ämter verfügbare Termine zieht, um die dann an ihre Kunden zu verkaufen.

Diese Dienstleistung, wie die drei Anbieter betonen, in Anspruch zu nehmen, ist denkbar einfach: Man muss sich nur auf ihrer Webseite anmelden und einen Termin für bestimmte Wochentage, Tageszeiten und Bezirke in Auftrag geben. Bezahlt wird nur, wenn man einen angebotenen Termin akzeptiert.

Während viele das Geschäft verwerflich finden, verteidigen die Macher ihre Idee hingegen als Protest gegen die ineffiziente Arbeit der Bürgerämter. So soll das Projekt dann auch zeitlich begrenzt sein, bis die Bürgerämter wieder in der Lage sind, ihre Termine selbst zu organisieren.

Was man davon halten sollte

Dem Senat schmeckt das Ganze verständlicherweise gar nicht, allerdings fehlt die Grundlage, um rechtlich gegen den Terminverkauf vorzugehen.

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Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Einerseits macht mich der Service wütend, denn schließlich ist vielleicht der Crawler der drei Cyber-Musketiere daran schuld, dass ich meinen Termin Ende Oktober gleich wieder verloren habe.

Ich kann ja auch nicht einfach mit ein paar Kumpels die Bismarckstraße absperren und fürs umweglose Passieren Geld verlangen. Auf der anderen Seite macht ihr cleverer Algorithmus gerade so viel Furore, dass er den Senat vielleicht schneller zum Handeln zwingt als diesem lieb und vor allem teuer ist.

Ein Armutszeugnis

Wie es zu dieser Situation kommen konnte ist allen klar. Seit Jahren steigen die Zuzüge nach Berlin und seit Jahren werden in den Berliner Ämtern Stellen abgebaut. Aber wie soll es weitergehen? Die öffentliche Verwaltung scheint sich den miesen Service leisten zu können (im wahrsten Sinne des Wortes).

Sie reagiert auch jetzt noch viel zu zögerlich auf den Missstand, statt vorauszuplanen. Aber wir sollten uns wohl nicht wundern, denn wir kennen das ja aus anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes. Überall herrscht Personalmangel, unsere Schulen zerfallen, unsere Krankenhäuser sind überfüllt.

Neu ist an diesem Fall allerdings, dass beim Bürgeramt-Skandal nicht nur die Rechte sondern auch die Pflichten der Bürger auf die lange Verwaltungsbank geschoben werden. Eine interessante Entwicklung.

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