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04/08/2015 10:46 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 07:12 CEST

Back to the Future - Warum wir immer mehr arbeiten

Thinkstock

Normalerweise sind es politische Ansichten, die in einem Manifest dargelegt werden, aber für Microsoft Germany ging es vor gut eineinhalb Jahren in ihrer Bekanntmachung um die Arbeitsbedingungen in ihrer Firma und in Deutschland im Allgemeinen.

Das Manifest für ein neues Arbeiten von 2013 ist eine Koproduktion, an der sowohl Mitarbeiter, Autoren als auch externe Experten beteiligt waren.

Es fordert in ungewöhnlich knappen Sätzen und eindringlichen Worten ein Umdenken in der Arbeitswelt, denn wir haben keine Lust mehr auf Arbeit von gestern. Es geht um flexible Arbeitszeiten, -orte und -hierarchien, Selbstbestimmung und Verantwortung.

Die Verfasser wollen nicht länger am Schreibtisch festgehalten werden, und ihre Arbeit lieberin der Hosen- oder Aktentasche mit sich rumtragen, um ihre Kollegen in anderen Zeitzonen zu treffen, auch wenn sie gerade mit ihren Kindern auf dem Spielplatz sind.

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Neu ist das alles natürlich nicht, es wird schließlich schon sehr lange über die richtigen Maßnahmen für eine gesunde Work-Life-Balance diskutiert. Die Erklärung der Microsofter räumt allerdings ein, dass autonomes, selbstbestimmtes Arbeiten erst erlernt werden müsse.

Es erfordere Mut und Vertrauen in einen selbst, um in diesem Stadium der fast völligen Selbstbestimmung kreativ und vor allem langfristig produktiv zu sein. Wieviel Autonomie ist also gut für uns?

Home Design versus Home Office

Einer Studie der International Data Corporation (IDC) zufolge arbeiten im Jahr 2015 bereits 37 Prozent der weltweit Berufstätigen mobil. Aber was heißt das genau? Wird schon als mobil angesehen, wer abends zu Hause noch E-Mails beantwortet oder vielleicht einen Tag im Monat Home Office macht?

2013 gaben laut einer Umfrage 30% der angestellten Amerikaner an, mindestens gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten, jeder Zehnte arbeitete gänzlich in den eigenen vier Wänden. Nur 10 Jahre früher ließen lediglich 10% der Jobangebote die Möglichkeit zum Home Office zu, heute sind es rund 80%.

Daran konnte auch der berühmte Rückruf der Mitarbeiter in die Firmenzentrale von Yahoo! 2013 nichts ändern. Marissa Mayer, Vorstandsvorsitzende von Yahoo und ehemalige Vizepräsidentin bei Google, hatte damals eine Kontroverse ausgelöst, die bis heute nicht eindeutig entschieden ist.

Google geht schon seit langem den umgekehrten Weg. Egal wo auf der Welt, der Suchmaschinen-Gigant tut alles dafür, dass seine Mitarbeiter gar nicht mehr nach Hause gehen WOLLEN: ob Essen, medizinische Versorgung, Schuhreparaturen oder Massagen, alles ist bei Google umsonst, und die Spielzimmer, Ruheräume und Wohnzimmerlandschaften sind auch besser designt als die eigenen Bude.

Statt die Arbeit mit nach Hause zu nehmen, sollen Google-Mitarbeiter so viel (Frei)Zeit wie möglich im Büro verbringen, und Home Office wird auf ein Minimum reduziert. Patrick Pichette, noch-CFO bei Google sagte 2013 dazu:

Es hat etwas Magisches, gemeinsam Mahlzeiten einzunehmen. Es hat etwas Magisches, die Zeit miteinander zu verbringen, gemeinsame über Ideen zu brüten und zu fragen: "Was hältst du davon?"

Umso überraschender kam dann im März dieses Jahres die Ankündigung seines zeitnahen Rücktritts. Der 52-jährige Pichette will jetzt doch mehr Zeit mit seiner Familie verbringen und schreibt:

Mir geht es nicht um Verständnis, ich möchte aber gerne meine Gedanken teilen, weil es so vielen Menschen schwerfällt, die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden."

Flexibilität statt Verschleiß

Das ist ernüchternd, denn wenn sich selbst im coolsten Arbeitsumfeld irgendwann die Erschöpfung einstellt, wie können wir uns dann davor schützen? Die noch laufende Studie Office 21 des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation gibt schon jetzt eine naheliegende Antwort: Wer seine Arbeit flexibel und individuell gestalten kann, erlebt eine höhere Work-Life-Balance, ist motivierter, leistungsstärker und weniger überlastet.

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Überraschenderweise sollen laut Fraunhofer Institut in Deutschland heute schon über 50 Prozent der Beschäftigten mehr oder weniger zeitlich autonom sein, und jeder Fünfte arbeite bereits ohne fest zugewiesenen Arbeitsplatz.

Dank neuer Technologien verschwimmen die Konturen zwischen Arbeitswelt und Privatsphäre, aber eine gewisse Unsicherheit selbst in den großen Vorzeigeunternehmen der Welt zeigt, dass es kein eindeutiges Patentrezept gibt - nicht für den Arbeitgeber, aber auch nicht für seine Mitarbeiter.

In unserer Gesellschaft ist das Umdenken noch nicht vollzogen. In den meisten Unternehmen wird noch Dienst nach Vorschrift geschoben, und wer um echte Flexibilität bittet, an dessen Engagement wird gezweifelt. Und so hat die halbherzig propagierte große Freiheit oft mehr Nachteile als Vorteile für die Angestellten.

Laut einer BitKom-Studie zur Digitalisierung der Arbeitswelt erledige jeder Zweite nach Feierabend noch Dienstliches übers Handy, und drei Viertel der Berufstätigen ständen auch im Urlaub bereit. Echtes Vertrauen in die Mitarbeiter fehlt häufig, und bekanntlich ist Kontrolle im Büro eben einfacher. Also kommt erst die Anwesenheitspflicht, und nur am Abend und am Wochenende dann die Flexibilität.

So meint Prof. Dr. Renate Rau von der Martin-Luther-Universität in ihrer Studie zur ständigen Erreichbarkeit, dass unternehmensspezifische Konzepte zum gesunden Umgang mit Erreichbarkeit entwickelt werden müssen, wenn wir mögliche stressbedingte Gesundheitsfolgen vermeiden wollen.

Auch die A+A in Düsseldorf wird sich im kommenden Oktober mit der „Corporate Health" beschäftigen und mit der zentralen Frage, wie wir flexibel arbeiten und trotzdem gesund bleiben können.

Win-Win gegen Beziehungsstress

Viele Beschäftigte fühlen sich ausgenutzt, und wer Frust im Job hat, der macht nur das Nötigste. Laut einer Studie des Meinungsforschungsunternehmens Gallup von 2014 befinden sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Deutschland in einer echten Beziehungskrise: 15% der Beschäftigten haben innerlich schon Schluss gemacht, etwa 70% legen sich nicht mehr besonders ins Zeug. Nur 15% verspüren eine innige Bindung und sind bereit, die berühmte Extra-Meile zu gehen.

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Es ist nicht einfach, den goldenen Mittelweg zu finden. Unsere Jobs verlangen uns immer mehr ab, Arbeitsprozesse werden schneller, komplexer, internationaler. Da gibt es auch nach der Arbeitszeit noch vieles, was erledigt werden könnte oder muss, und Betriebsvereinbarungen zur „Vertrauensarbeitszeit" und zum „Vertrauensarbeitsort" können zu Selbstausbeutung bei Arbeitnehmern führen.

Der Interessenskonflikt ist schließlich naturgegeben: Wer Unternehmer ist, will Gewinne machen und seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen antreiben, während es letztere viel eher nach Hause zur Familie treibt oder sie ihren Hobbies nachgehen wollen.

Entscheiden sich beide Seiten dann noch für zeitliche bzw. räumliche Flexibilität, gibt es einiges zu lernen und zu planen. Generell müssen Kommunikation und Wissensaustausch verbessert sowie erweitert werden, und es gilt, klare Ziele und Grenzen festzulegen.

Eine gesunde Unternehmenskultur braucht allgemeingültige Werte, aber die Bedürfnisse des Einzelnen müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Wer als Manager diesen Spagat beherrscht, kann seine Mitarbeiter auf Dauer motivieren und an sich binden.

Der Arbeitsplatz der Zukunft

Bei Microsoft versucht man weiter, sich den neuen Realitäten anzupassen, am 24. Juni war Richtfest der neuen Microsoftzentrale in München Schwabing. Der Neubau soll auf 26.000 Quadratmetern den 1.900 Beschäftigten an diesem Standort die Möglichkeit geben, ihre Arbeitsumgebung ganz individuell an die eigenen Bedürfnisse und Anforderungen anzupassen.

Eine feste Platzordnung soll es nicht geben, jeder kann zu jeder Zeit einen Arbeitsort in vier verschiedenen Arbeitszonen wählen - falls er nicht gerade im Home Office, auf Geschäftsreise oder bei einem Kunden ist.

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