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28/11/2015 09:52 CET | Aktualisiert 28/11/2016 06:12 CET

Liebe Eltern, lasst euer Kind einfach Kind sein!

yaruta via Getty Images

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Ich habe neulich meine schlafenden Kinder betrachtet und einen Moment erlebt, den wohl viele Eltern mehrfach in ihrem Elterndasein durchleben: Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass mein kleiner Junge bald 7 und mein kleines Mädchen 5 Jahre alt werden. Und dass ich mich nur noch verschwommen an die Zeit erinnern kann, in der ich beide als winzige Würmchen in meinen Armen gehalten und beruhigt habe.

Wie war das damals? Wie hat es sich angefühlt? So genau weiß ich das gar nicht mehr. Was ich aber noch gut erinnern kann, war der Wunsch, die beiden mögen möglichst bald groß werden, damit sie mir erklären können, was ihnen fehlt und damit die Nächte weniger anstrengend werden. Und jetzt, jetzt wünsche ich mir, für einen winzigen Moment noch einmal das kleine Baby in meinem Arm halten zu dürfen, das sie damals waren.

Jede Minute genießen

Dabei ist mir einmal mehr klar geworden: man sollte jede Minute genießen! Wie oft hat man mir das damals gesagt, als ich noch ganz jung Mutter war, und wie oft habe ich mit übermüdetem Kopf gedacht: „Ihr wollt mich doch auf den Arm nehmen!" Mittlerweile verstehe ich sehr gut, was gemeint war, und würde es jeder jungen Mutter genauso raten. Denn schneller als man denkt, hat sich das Leben an einem vorbeigeschlichen, und schneller als man denkt, blickt man auf so viel falsch Gemachtes zurück, weil man zu verbissen darauf bedacht war, alles richtig zu machen.

Das merke ich gerade noch einmal umso mehr. Seit diesem Sommer besucht mein Sohn die Grundschule. Und plötzlich sind da viel mehr Regeln, Zwänge, Konformitätsforderungen, Einheitsansprüche und Leistungsdruck als je zuvor im Leben dieses kleinen Kindes. Und im Leben seiner Eltern. Plötzlich muss die Schablone gut passen, die man sich für einen Jungen mit 6 Jahren in der ersten Klasse der Grundschule ausgedacht hat. Tut sie aber nicht immer. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob das immer so gut wäre.

Natürlich sind Regeln wichtig. Und Vorgaben. Und, und, und... Aber auch das Hier. Und das Jetzt. Ich weigere mich, meinen Sohn zwischenzeitlich nicht auch genau da sein zu lassen, ganz im Hier und Jetzt. Und auch ich möchte ab und an meine Kinder einfach mit meinen eigenen Augen sehen dürfen und nicht durch die Brille von anderen. Dann sehe ich tolle, kleine Menschen, die schon sehr viel können und den Rest noch lernen werden. Dann, wenn sie so weit sind.

Lerndruck bereits im Kindergarten

Der Druck baut sich mittlerweile schon im Kindergarten auf. Wenn ich an meine Kindergartenzeit zurück denke, dann erinnere ich mich daran, dass es vor allem wichtig war, soziale Regeln zu lernen. Ob jemand gut oder schlecht basteln konnte, war von der Begabung abhängig: der eine konnte es, der andere weniger gut. Wenn heute ein Kind im dritten Kindergartenjahr eine Linie nicht gerade nachschneiden kann, ist das ein Entwicklungsskandal, der schärfstens beobachtet werden muss.

Und ein Abschlusszeugnis gibt es mittlerweile auch schon, dass liebevoll „Bildungsdokumentation" genannt wird und sich wie ein Arbeitszeugnis liest. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstecken sich auch hier bewertende Floskeln wie „hat sich redlich bemüht" oder „zur vollsten Zufriedenheit", die der Laie nicht versteht. Denn das, was in die erste Klasse eingeschult wird, soll möglichst ein fertiges Fabrikat sein. Mit den gleichen Hebeln an den gleichen Stellen und ohne Sonderausstattung, das wäre zu anstrengend. Ich kann es nicht ausblenden, diesen gigantischen Fleischwolf, der mir aus Pink Floyds „The wall" da in den Sinn kommt.

Vielleicht ist es eine der schwierigsten Aufgaben des Elternseins und ein ewiger Lernprozess: sich von den Meinungen der anderen zu distanzieren und dem eigenen Gefühl den Platz zu lassen, den es verdient. Sich nicht davon irritieren zu lassen, dass man eigentlich denkt: Was für eine prima Leistung!, während man von anderen hört: Na, das geht aber besser! Und den Gedanken zuzulassen, dass fremde Menschen, die von meinem Kind nur Momentaufnahmen wahrnehmen, so viel mehr nicht wissen können als ich, die ich es seit 7 Jahre fast 24 Stunden betreue.

Mir ist erneut sehr klar geworden, dass es sehr wichtig, das Kind Kind sein zu lassen, ganz ohne Anspruch und Leistungsdruck, wenn es schon woanders fast erwachsen sein soll. Und auch einfach mal Eltern sein zu können, ohne den Anspruch, nur auf eine bestimmte Art Eltern sein zu dürfen. Vielleicht gehen dann manche Momente nicht ganz so schnell vorbei und bleiben einige Erinnerungen lebhafter erhalten. Eines bleibt so mit Sicherheit unbeschwerter länger: die Kindheit.

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